Montag, 22. Januar 2018

Beifall und Missbilligung.


Moulin, Objet trouvé à Pompéi
 
In seiner Umwelt "erscheint" dem Tier nur das, was durch seinen Platz in der ökologischen Nische "für es bestimmt" ist: seinen Stoffwechsel und seine Fortpflanzung. Für das Tier sind Bedeutung und Erscheinung ungeschieden. Genauer gesagt, "für" das Tier ist nichts. Etwas ist "da" und damit basta.

Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung (zu einem gegebenen Zeitpunkt) ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung. 

So tritt er in eine apriorischen Distanz zu allem Etwas. Was erscheint, wird zu 'etwas' erst in diesem distanzie- renden Akt. (Der lässt sich prinzipiell umkehren: So kann er zu "sich" in Distanz treten und zu "ich" werden.)

Die Distanz zu Dingen setzt ihn in einen Zustand der Freiheit. Sie erzwingt Abstraktion und eo ipso Reflexion. Diese Distanz macht ihn zu einem ideellen, seine physische Organisation (Folge und Voraussetzung des zur-Welt-Kommens) setzt ihn in den Zustand eines sachlichen Produzenten

Die Erfahrung mögliches Überflusses setzt ihn in Lage, zu sich, das heißt zu seinem Bedürfnis, in Distanz zu treten.

aus e. Notizbuch, 13. 3. 07


"Im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung" - da ist mir, ohne es recht zu bemerken, die anderwärts vergeblich gesuchte Herleitung unseres Geistes alias Einbildungskraft aus unserm ästhetischen alias 'poietischen' Vermögen unterlaufen. Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - Mal sehen, zu was.

Man muss nicht demonstrieren, dass es so kommen musste. Es reicht zu zeigen, weshalb es so kommen konnte.

30. 1. 14

Sonntag, 21. Januar 2018

Der Mensch kann einbilden, weil er raten muss.


Wahrsagerin

Auch einem Tier begegnen wohl Situationen, die noch nie vorgekommen sind. Versucht es dann sein Glück?

Nicht eigentlich. Es tut irgendwas, oder auch nichts; was bleibt ihm übrig? 

Der Mensch versucht. Er "stellt sich was vor" und handelt so, wie er es getan haben würde, wenn es wirklich so wäre. Er rät.

Bislang habe ich Max Schelers Satz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, zu vervollständigen gemeint in der Formel: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er fragen muss. Vollständiger wird er aber so: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er raten muss, nachdem er gefragt hat. 

Die Antwort, die er sich nur selber geben konnte, muss er versuchen.


8. 12. 14


Nota. - Was bei Kant und Fichte  Einbildungskraft heißt, ist nichts anderes als die Fähigkeit zu raten.


Samstag, 20. Januar 2018

Reflexion ist immer dabei.


uschi dreiucker, pixelio.de

Unterscheiden zwischen 'der Sache' und ihrer 'Bedeutung' ist Reflexion. Es setzt voraus, dass die Bedeutungen der Sachen nicht schlechterdings gegeben sind, sondern erfragt werden mussten. 

Die Emergenz der Reflexion ist also nicht verschieden von der Emergenz der Vorstellung selbst. Nämlich von der Anschauung, die von der Einbildungskraft als diese fixiert und ins Gedächtnis aufgehoben wurde. Die Vor- stellung verdoppelt die Sache zu einem Bild der Sache, das von ihr unterschieden und unter einem Zeichen archi- viert werden kann. Das wiedergefundene Bild bedeutet die Sache. 

Es handelt sich um ein und denselben Vorgang. Die verschiedenen Worte, mit denen wir ihn beschreiben, be- zeichnen verschiedene logische, aber nicht Zeitmomente - nicht eins nach dem andern, sondern je in dieser oder anderer Hinsicht.

Und ist der elementare Akt des Bildens einmal gelungen, lässt er sich prinzipiell allezeit wiederholen. Vom Bild lässt sich nun wiederum ein Bild machen, und immer so fort. Die Reflexion schläft nie. Sie schlummert höch- stens mal, aber sie ist immer dabei.

13. 9. 2013 




Freitag, 19. Januar 2018

Reflektieren kann jeder.



Unser Denken spiegelt nicht die Welt, sondern unser Tun. Sofern wir uns 'Dinge' denken, meinen wir das, was wir mit ihnen tun, und das, was wir mit ihnen nicht tun können.

Tun können wir – "wenn sonst alles erledigt ist" – auch das bloße Anschauen; das Betrachten der Dinge, ohne mit ihnen etwas tun zu wollen - außer eben: betrachten. Das ist das wahre Mysterium des Denkens, alles andere ist trivial. Reflektieren kann jeder. Betrachten muss man können.

aus e. Notizbuch, Spätherbst 2010








Mittwoch, 17. Januar 2018

Quintessenz der Vernunft.



1. Das Leben hat einen Zweck.

2. Wie immer er zu bestimmen ist - wenn ich ihn erfülle, ist er auf jeden Fall ein Gewinn; wenn ich ihn verfehle, ist das Leben vergeudet.


3. Sinn des Lebens ist Gewinn. 


Nota. - Ob es Vernunft gibt, mag strittig sein. Aber ein Vernunftzeitalter hat es unstreitig gegeben. Was haben sie sich damals darunter vorgestellt? Und wenn es ein solches Zeitalter gab - was ist daraus geworden, und warum? Dauert es womöglich an? 

Die erste Frage ist eine historisch-theoretische. Die zweite nicht.

14. 11. 17


Nachtrag. - Das ist ein Beitrag zum Thema 'Vernunft ist die Geistesverfassung der bürgerlichen Welt.' Denn der Sinn des Lebens in traditionellen und agrarischen Zivilisationen ist nicht Gewinn und Wachstum, sondern Erhaltung in statu. Unendlicher Progress ist das Leben erst in der bürgerlichen Gesellschaft geworden. Die christliche Auffassung von der irdischen Existenz als eine Pilgerschaft war dafür eine Voraussetzung. Eine notwendige Voraussetzung? In anderen Kulturen hat sie gefehlt; und ist eine bürgerliche Lebensauffassung nicht entstanden.








Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 16. Januar 2018

"Bewusstsein".


nach  Oliver Haja  / pixelio.de 
 
Das Wort Bewusstsein ist eine gedankliche Bananenschale. Nicht an sich; es ist dazu erst geworden. In der Umgangssprache bezeichnet es den Moment, in dem ich bei Bewusstsein bin. Bewusstes Sein, in jedermanns Alltagserfahrung kein immerwährender Zustand, sondern nur ein paar Momente im Tagesverlauf, unter- brochen von vielen langen Phasen, in denen ich mehr oder minder 'außer mir' bin.
 
Doch wenn ich's recht bedenke, bin ich gerade dann, wenn ich mir meiner bewusst werde, außer mir, denn dazu muss ich einen Stqndpunkt einnehmen, als wäre ich ein anderer, der 'mir' neugierig zuschaut: re-flektieren. 'Bei mir selbst' wäre ich dann eher, wenn ich mich achtlos gehen ließe, 'spontan', 'echt', 'authentisch'.


In der empirischen Psychologie mag es zweckmäßig sein, den Ausdruck im Sinne eines definierten Begriffs zu verwenden (sofern man die Definition im gegebenen Fall auzdrücklich mitliefert). Die empirische Psychologie hat es mit den wirklich unter uns lebenden Menschen zu tun, und eines von deren hervorstechenden Merk- malen ist in den modernen westlichen Gesellschaften ihr Auftreten als Person - gedacht als Träger eines freien Willens, der sie für sich selbst verantwortlich und zu Subjekten der Volkssouveränität macht: Auch das eine empirisch gesetzte, gesellschaftlich wirksame Fiktion, die im Deteil immer wieder in Spannung gerät zu dem tatsächlichen Walten intrinsischer und extrinsischer Motive, die dem 'Bewusstsein' notorisch verborgen bleiben und es auf Abwege leiten. In diesem kritischen, problematischen Sinn hat der Begriff oder besser: das Wort ein Platz auch in den Wissenschaften.
 
Problematisch wurde es durch den mystifizierenden Gebrauch, der bei Hegel und seiner Schule damit getrie- ben wurde. In deren System erscheint das Bewusstsein als eine Stufe in der Selbstentfaltung des Geistes, den es, einmal errreicht, nicht mehr zu unterschreiten gilt. Bei Kant und den andern kritischen Philosophen, die sich mit den Wissensvermögen des Menschen beschäftigt hatten, war 'das Bewusstsein' nur gelegentlich und unthe- matisch vorgekommen, denn sie waren phänomenologisch orientiert und nicht metaphysisch systembauend. Phänomenal ist der Mensch und sind seine Vermögen eins, und nur von außen, in Hinblick auf die jeweiligen Leistungen, sind Unterscheidungen objektivierbar; so dass von 'dem Bewusstsein' wie von einer Substanz zu reden im Sinne einer kritischen Philosophie irreführend und falsch ist. Denn eben das Ich, das transzendentale oder absolute, dem das Bewusstsein als seine auszeichnende Eigenschaft zugerechnet werden soll, ist selber nur der gedachte Träger dieser gedachten Vermögen und ist der empirischen Person so fern wie ein praller Fußball der Zahl Pi.

29. 9. 13


Montag, 15. Januar 2018

Vernunft ist nichts als…


Le Corbusier

…Verstand im Dienst der ästhetischen Urteilskraft.

Der Verstand ergründet die Dinge und ihre Verhältnisse zueinander. Die Vernunft fragt, was ich unter ihnen zu suchen habe.

5. 12. 13.