Freitag, 22. September 2017

Sprachspielnetz.




Das Wort (Klangbild) ist ein Symbol. Die Sprache ist ein System von Symbolen; System im Vollzug, indem sie gebraucht wird in der Sprachgemeinschaft; "Sprachspiel"; diachronisch. Es läßt sich aber als System darstellen, synchronisch: als kodifizierter Verweisungszusammenhang. Doch jeweils nur als endlicher Verweisungszusammen- hang: Lexikon, Grammatik, "Logik". Das Wort "bezeichnet", benennt ein Ding als "das, was" es ist; aber das Ding kann selber Symbol sein: etwas "bedeuten", das sich seinerseits nicht "endlich darstellen" läßt; Gedanken- ding, "Begriff". – Das gilt für das System der Sprache selbst: Es "sieht so aus, als ob" es Alles umfaßt. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", Tractatus [5.6] [aber was heißt hier "bedeuten"? Bezeichnen? "Darstellen"? "Sein"?] 

Die Besonderheit dieses Systems ist, daß es – historisch und logisch! – unbegrenzt erweiterbar ist. Es ist Bild der Welt. In der Welt sind nicht nur die Dinge, die die Wörter benennen, sondern auch ihre… (und andere) Bedeutun-gen! Die Sprache ist ein (historisch je) endliches Symbol für ein "unendliches" Ding. Nicht nur können immer neue Wörter eingefügt werden; es können auch neue Sätze gebildet werden, in denen die Wörter neu verwendet, "umgewidmet", d. h. umgedeutet werden. Denn sie sind Symbole, Bilder, keine Abbilder.

Und sie können auch sinnwidrig verwendet werden: "uneigentliches" Sprechen z. B. Man kann die Wörter regelwidrig verwenden: das "Spiel" stören. Sprach-Spielverderber.


Januar 15, 2009



Nachtrag. Eine 'Welt' gibt es überhaupt nur als Bild.






Donnerstag, 21. September 2017

Und nochmal: Analytisch oder kontinental?

Mineralienatlas Lydischer Stein, "Prüfstein"
 
Unter der Überschrift Was ohne Deutung bleibt, ist leer  veröffentlichte die FAZ [am 16. 1. 16] einen kurzen Beitrag des kanadischen Philosophen Charles Taylor zu der von ihr begonnenen Kontroverse zwischen 'analytischer' und 'kontinentaler' Philosophie. Diese Gegenüberstel- lung sei nur die Oberfläche, meint Taylor. Wichtiger sei viel mehr der "Unterschied, der sich aus den verschiedenen Antworten auf die Frage ergibt, ob die Philosophie eine autarke Fachdisziplin ist; ob Philosophen also ihre Fragen ohne Rückgriff auf die Erkenntnisse anderer Fachge- biete beantworten können oder nicht."

Er knüpft dabei an den Kernsatz aus dem Beitrag von Tobias Rosefeldt an: Zweck der Philosophie sei es, eine eigene Sprache zu entwickeln, "deren Bedeutung so klar ist, dass sie nicht erst der Interpretation bedarf." Sind die Begriffe scharf genug definiert, bleiben keine Probleme übrig. Das meint Taylor mit der "verhängnisvollen Vor- liebe vieler analytischer Philosophen für das selbstgenügsame Philosophiemodell". Wenn schon innerhalb des Fachs kein Raum für Interpretation bleiben soll, dann ist ein Aus-, Zurück- und Übergreifen auf andere Fächer – Geschichte, Ethik, Soziologie – schon gar nicht mehr statthaft. 


Dies wiederum beruhe auf "einem positivistischen Weltbild, das die Hermeneutik unter Generalverdacht stellt". Was immerhin eine originelle Wende wäre, denn bislang hatte man den Positivismus so verstanden, als würde er die ganze Philosophie als bloße Hermeneutik abtun und ins Reich der Fabeln verweisen. Dies hätten die 'Analy- tiker' mithin überwunden, indem sie die Philosophie selber zu einer autarken positiven Wissenschaft 'von den Be- griffen' purifiziert und gerettet hätten.

An dem Punkt bricht Charles Taylor ab. Für ihn ist damit das Terrain abgesteckt, und auf welcher Seite er steht, ist ja außer Frage, weshalb ihn die Redaktion der FAZ auch ohne Zögern einen Sozialphilosophen nennt.

Der Beitrag schafft mehr Verwirrung, als dass er zur Klärung beitrüge. Ob die Philosophie 'ein Fach' ist – oder vielleicht das öffentliche Forum aller andern Fächer –, ist eine Frage; wie weit  dieses Fach reicht, bedürfte gegebe- nenfalls einer eigenen Erörterung. Darf es übergreifen? Darf es Anleihen machen? Worauf darf es sich berufen?

Letzeres kommt dem Kern der Sache näher. Wenn sie ein Fach ist – ein wissenschaftliches, denke ich wohl –, dann muss sie auf eigenen Prämissen beruhen. Dann aber muss ihre Kritik; – immanent – von diesen Prämissen ausgehen. Von anderen, äußeren Prämissen aus ließe sich bestreiten, dass sie ein Fach und dass sie eine Wissen- schaft ist. Das eine ist Kritik, das andere Metakritik, das sind zwei Paar Schuhe.

Soviel gegen Taylor. Es geht aber auch gegen die Analytischen. Denn Prämissen, die das Philosophieren zu einem Fach konstituieren könnten, kennen sie nicht und wollen sie nicht kennen. An denen müssten sich die scharf de- finierten Begriffsmoleküle ja überprüfen lassen – und das hieße interpretieren. Ein Fach kann ihr Philosophieren da- her nicht sein, und eine Wissenschaft schon gar nicht. Jeder Begriff für sich und aus eignem Rechtsgrund (ver- mutlich der "Anschlussfähigkeit" im jeweiligen Kontext): Das ergäbe gerade kein 'Fach', sondern nur eine prag- matische Hilfsdisziplin der realen Wissenschaften. Womit wir dann doch wieder beim "positivistischen Weltbild" wären.

Das positivistische Weltbild beruht – nach Kant muss man es genau so formulieren – auf dem Verbot jedweder Wissenskritik. Die Dinge sind, was sie sind, wo ist da das Problem?


Die Transzendentalphilosophie hat ein für allemal geantwortet: Von der Wirklichkeit weißt du gar nichts, son- dern nur von dem, was in deinem Bewusstsein vorkommt, und das sind Vorstellungen. Die mögen ja richtig sein, das wollen wir gerne unterstellen. Aber wie das möglich ist – das würden wir doch schon herausfinden wollen. Die- ses Herausfinden heißt Philosophieren.

Hieße die Frage: Ist diese oder jene Vorstellung berechtigt? – so müsste auf reales Wissen von außerhalb der Phi- losophie zurückgegriffen werden. Aber wo es um das Vorstellen selber geht, kann nicht auf reales Wissen von außerhalb zurückgegriffen werden; denn dessen Begründetheit steht ja hier in Frage, und das gilt auch von der empirischen Psychologie: Deren Wissen kann höchstens so begründet sein, wie Wissen überhaupt, also kann sie es nicht selber begründen.*

Das ist ein eng gefasster Begriff von Philosophie, er ist rein kritisch; aber er ist hart und haltbar. Unmittelbar taugt er zu nichts, da haben die Nörgler Recht. Doch mittelbar taugt er zu allem und ohne ihn taugt nichts: Er ist der Prüfstein, an dem sich Alles bewähren muss. Aber um das Vorstellen selber  geht es. Die brauchbaren Begriffe sind bloß Derivate, die seien euch geschenkt.
 
*) Sollte die Hirnphysiologie eines Tages bildgebend sichtbar machen, wie aus einem Sinnes- eindruck eine Vorstellung entsteht, so könnte das nur beweisen, dass sich diese Praxis gattungsgeschichtlich als nützlich bewährt hat; aber wir wollten mehr wissen.

17. 1. 2016


Mittwoch, 20. September 2017

Genealogie der Vernunft.


Martina Herbst, pixelio.de
Die WL handelt nicht davon, wie ein Individuum zu seinem Bewusstsein kommt, sondern davon, wie Vernunft "zur Welt kommt" - wenn sie 'zur Welt' kommt. [wie das Ich 'sich setzt', indem es 'seine' Welt konstruiert - und mit 'unserer' Welt ins Benehmen setzt.]

aus e. Sudelbuch, 2. 8. 04
 
Die WL handelt vom Denken der empirischen Individuen [nur], insofern sie vernünftig sind. Vernunft ist nicht das, was sie als Individuen identifiziert und unterscheidet, sondern das, was ihnen als logischen Subjekten gemeinsam ist; nur darum kann sie es in einem allgemeinen Schema darstellen. 

Die obige Formulierung 'wie das Ich sich setzt, indem es seine Welt konstruiert - und mit unserer Welt ins Benehmen setzt', ist falsch - weil sich in 'seiner Welt' kein Ich 'setzt', sondern lediglich ein empirisches Selbst vorfindet - denn davon, dass es seine Welt konstruiert hat, weiß es noch nichts. Das erfährt es erst in dem Moment, wo es reflektiert - und ipso facto in 'unsere' Welt übertritt.

Ich kann mich nun einfacher ausdrücken: 'Unsere' Welt ist das Reich, wo Vernunft an ihrem Platz ist. Zu 'meiner' Welt kommt die Vernunft nicht.

Wissenschaftslehre ist die Genealogie der Vernunft; darum ist sie die pragmatische Geschichte des Geistes und nicht bloß eine Nacherzählung.
 
18. Oktober 2013
 
 
 

Sonntag, 17. September 2017

Wittgenstein im Fliegenglas.


Von der Fliege im Fliegenglas: Neue Einsichten zur Denk- und Arbeitsweise von Ludwig Wittgenstein

Dr. Romy Müller 
UNI Services
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
07.09.2017 11:21  
"Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen." So heißt es in Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen, §309. Wie er die Metapher genau verstanden haben wollte, wurde aus seinen publizierten Texten nicht in derselben Weise klar, wie dies nun anhand der Mitschriften der „Whewell’s Court Lectures“ (1938-1941) deutlich wird. Die Wittgenstein-Forscher Volker Munz und Bernhard Ritter haben die Vorlesungsmitschriften redi- giert, mit Einleitungen und Verweisen auf publizierte Schriften versehen und zeitlich eingeordnet. Nun ist das Buch dazu erschienen, das viel Erhellendes zu Wittgensteins Denken bereithält.

„The fly catcher. The fly gets in but can’t get out. The stronger the wish to get out, the harder it is for it to get out. (It is fascinated by one way of trying to get out.) If we put the fly in glasses of shapes and shades different to this one, where it was easier for it to get out, where it was less fascinated by the light, etc., and we trained it to fly out of these, it might fly out of this one also.” Diese Zeilen hat der Schüler und enge Freund Wittgensteins Yorick Smythies im Sommertrimester 1938 am Campus des Trinity College in Cambridge notiert. Sie und andere Notizen geben Volker Munz und Bernhard Ritter (beide Institut für Philosophie der AAU) Aufschluss über die Metapher: Die Fliege sei gefangen in ihrer Art, den Ausweg zu suchen. Sie strebt dabei der Faszination des Lichts entgegen und übersieht, dass es die Option gäbe, die Fliegenfalle wieder so zu verlassen, wie sie hineingeraten ist. Die Aufgabe der Philosophie könnte es nun sein, das Glas abzudecken, sodass die Faszination weg fällt, und die Fliege den Weg erkennt. „Äquivalent könnte man das Diskutieren über philosophische Begriffe sehen. Es gibt Termini, die haben die Faszination des in die Irre führenden Lichts. Man wendet sich einem anderen, weniger aufgeladenen Begriff zu, der dann als Modell dient, den ersten Begriff zu verstehen“, erläutert Bernhard Ritter dazu.
 

Das Beispiel der Fliege im Fliegenglas zeigt, wie die nunmehr bearbeiteten mehr als 2.000 Seiten an Manuskripten und Typoskripten dazu beitragen können, die Verfahrensweise und das Denken eines des bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen.
 

Besonders schwierig war die Datierung der Mitschriften: „Sie war eine der größten Herausforderungen, da in den meisten Fällen jeder direkte Hinweis fehlte“, so Volker Munz. Dass es dennoch gelungen ist, jede einzelne Mitschrift mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Jahr und Trimester einzuordnen, sei jedoch besonders lohnend.
 

Zeigt sich so beispielsweise, dass Wittgenstein zu jenen Philosophen gehörte, die „ die ihre Gedanken nicht schreibend, sondern zuerst im Kopf entwickeln“, wie Ritter ausführt. Beim Thema "Begriffsbildung" zeigen die Vorlesungsmitschriften, dass er schon lange vor der Niederschrift ausführlich darüber gesprochen hat. Ein anderes Beispiel ist der Themenkomplex "Gewissheit": Zur Zeit der Vorlesungen (1938) hatte Wittgenstein zwar schon darüber geschrieben, aber noch nicht so viel. Der große Metaphoriker Wittgenstein bedient sich sowohl in seinen Vorlesungen als auch in seinen Schriften einer einfachen Sprache, was auch gefährlich werden kann, wie Munz erklärt: „Man hat schnell das Gefühl, Wittgenstein zu verstehen, weil man die einzelnen Worte versteht.“ Dies sei aber vielerorts trügerisch. Dessen sei sich auch Wittgenstein selbst bewusst gewesen, weswegen er die Mitschrift seiner Vorlesungen nur bestimmten Schülerinnen und Schülern gestattete.
 

Das Ergebnis der Aufarbeitung ist kürzlich unter dem Titel „Wittgenstein's Whewell’s Court Lectures, Cambridge 1938-1941“ im Verlag Wiley-Blackwell erschienen. Die Forschungsarbeit wurde vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützt. 


Weitere Informationen:
http://www.aau.at


Nota. - Mit der Zeit steigt in mir der Verdacht, Wittgenstein sei in seinem Jahrhundert überschätzt worden - selbst wo man ihn nicht zum Erfinder der Analytischen Philosophie stilisiert. Der Gedanke, die Philosophie habe es nicht mit den Begriffen, sondern mit dem in ihnen zu-Begreifenden zu tun, scheint mir so unab- weisbar, dass ich einen, der darauf nicht gekommen ist, nicht für wirklich klug halten mag. Er selbst muss von der überlieferten dinglichen Auffassung des Zubegreifenden so fasziniert gewesen sein, dass er es nur als metaphysisch verwerfen konnte; nicht aber den Ausweg erkannte, das Vorstellen selber zu begreifen. Mit andern Worten, er kann von der kritischen Philosophie nicht einmal die Anfangsgründe gekannt haben.

Darum meinen die Adepten der heutigen 'analytischen' Schule, es auch nicht zu brauchen. Das ist einfach dumm.
JE



Samstag, 16. September 2017

Wo die Logik herkommt.


Es ist nicht wahr, dass die Vernunft an den Wörtern hängt. Die Mitteilung der Vernunft hängt an den Wörtern: die Verständigung, der Verstand.

Auch die Bilder können mitgeteilt werden, im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zumal. Aber es gibt keine Gewissheit, ob sie so 'ankommen', wie sie 'abgesandt' wurden: ob der Empfänger sie so 'versteht' wie der Absender. Das analogische Denken fordert die Einbildungskraft heraus, und auf die ist nur sehr unter- schiedlich Verlass: bei dem einen schafft sie viel, vielleicht zu viel, bei dem andern wenig... Und ob, das lässt sich vom Sender gar nicht kontrollieren.

In einem Lebensverbund ("Gesellschaft"), der auf Arbeitsteilung beruht, kann aber das Gelingen der Mitteilung nicht dem Zufall überlassen bleiben. Die ganzen Bilder müssen - durch Abstraktion/Reflexion - in viele einzel- ne Zeichen zerlegt und mit einer Gebrauchsanleitung zu ihrer Rekomposition ausgestattet werden: lauter Be- deutungsatome ("Informationen"), die nach allgemeinen, d. h. öffentlichen, nämlich zwingenden und kontrol- lierbaren Denkgesetzen zusammengesetzt sind: der Logik.

Die Begriffe und die Logik sind in der Tat pragmatische Produkte: Sie bewähren sich - täglich aufs Neue - als Medien der Verständigung.

Aber das, worüber Verständigung geschieht; das, was mitgeteilt wird, das sind 1.) Anschauungen und 2.) Vor- stellungen, die "zuerst" als Bilder "da sind". Mit den Zeichen und ihren Verbindungsregeln werden sie nur "beschrieben".

Und selbstredend kann es gelingen - nämlich diesem oder jenem -, dass aus dem freien Gebrauch der Zeichen und Verbindungsregeln neue Bilder sichtbar werden. Aber sie schaffen die Bilder nicht, sondern sie führen, d. h. verführen... die Einbildungskraft.

Der Verstand kann den Blick frei machen - nämlich durch die im zu langen Gebrauch opak gewordenen Bilder hindurch; aber sehen muss jeder selbst.

Allerdings ist es wahr - und insofern haben die Lamentationen der Postman & Co. was für sich -, dass es kaum noch ein Bild gibt, das nicht schon tausendmal "da war" - und darum tausendmal bezeichnet wurde. Der verge- sellschaftete Einbildner kann gar nicht anders als die im Verkehr bewährten Zeichen "immer schon" in die Bilder mit hineinzusehen - was deren 'Gehalt' aber nicht vermehrt, sondern im Gegenteil schmälert: indem auf diese Bedeutung besonders abgesehen wird, wird von jener andern eben auch abgesehen.

Kritisches Denken ist nur in einem flachen Verständnis dasjenige, das sich auf die Prüfung beschränkt, ob die Zeichen auch wirklich alle nach den Regeln der Kunst (dem Denkgesetz) zusammengesetzt sind. Im ausge- zeichneten Sinn ist das kritische Denken dasjenige, das den Gebrauch der im Verkehr bewährten Zeichen immer wieder mit dem Anblick der Bilder vergleicht. Das ist kein diskursiver, sondern ein intuitiver Akt. Ob in den Bildern "mehr", das heißt was andres zu sehen ist, als die konventionellen Zeichen herausholen, ist ein ästhetisches Urteil, kein logisches.

1. 11. 94


Nota I. - Ich behaupte nicht die Konventionalität des Logischen. Wenn eine bestimmte Zahl von Parteien sich auf etwas verständigt, ist das Ergebnis eine Partikularität - und als solche zufällig. Hier ist aber die Rede von einem endlosen Prozeß stetiger Ausmittelung - und dessen Resultat ist allgemein und notwendig. Die logischen Formen wurden nicht ersonnen und nicht vereinbart, sondern haben sich notwendig ergeben. Dass sie sich im täglichen Gebrauch als zwingend bewähren, ist kein Mysterium: denn so sind sie entstanden.

Nota II. - für Kenner und Liebhaber: Es handelt sich um denselben Prozess der 'Realabstraktion' wie bei der Ausbildung des Tauschwerts im Zirkulationsprozess auf dem Markt. 
JE

13. 10- 13 





Freitag, 15. September 2017

Wird die Logik wie der Wert im verallgemeinerten Verkehr ermittelt?


 
Einigen unter den Kennern und Liebhabern ist aber aufgefallen: Im reellen Prozess des Warenverkehrs wird als Tauschwert schließlich und endlich eine reelle Größe ermittelt - nämlich der Anteil am gesellschaftlichen Gesamt- arbeitstag, der in der Ware jeweils vergegenständlicht ist. Das ist ein tatsächliches, historisches Verhältnis, das aber außerhalb dieses reellen Vermittlungsprozesses nie und nirgends in Erscheinung tritt.

Gibt es eine ähnliche feste Größe, um die kreisend die Logik sich aus dem geistigen Verkehr der Menschen ausgemittelt hätte? Die also der Logik logisch vorausgeht? Das könnte doch nur das Projekt eines intelligenten Designers sein! Dem läge wiederum gar nichts irgend Zwingendes zu Grunde; es wäre ein reiner Willkürakt ohne alle Logik.

Aber so ist es nicht. Der Tauschwert - Wert - der Ware ist etwas Sachliches: das wirkliche, tätige Verhältnis lebendiger Menschen, die ihre Produkte tauschen unter der Bedingung prinzipiell knapper Ressourcen - und unter der Bedingung, dass der Stoffwechsel der Menschen mit der Natur und miteinander in ganz überwiegen- der Weise in der Nutzung und dem Verzehr von Gegenständen geschieht, die (nur) durch menschliche Arbeit erzeugt werden können. Ob das der Fall ist oder nicht, ist ausschließlich historisch bedingt und muss wie jedes historische Datum empirisch überprüfbar sein.

Was der Logik 'zugrunde liegt', ist aber nicht eine Wirkursache, sondern eine Zweckursache. Sie soll es möglich machen, dass ein gedankliches Argument jederzeit einem jeden so mitteilbar ist, dass es ihm so einleuchtet, wie es dem Absender eingeleuchtet hat (ohne Informationsverlust, clare et distincte, usw. usw. ...) Das kann sich nur erweisen, indem man es versucht. 

Ein solches Verfahren heißt problematisch. Der Zweck ist gegeben, aber als reine Form: Es soll Übereinstimmung hergestellt werden. Er ist Postulat; Projekt.  

Ob das Argument Übereinstimmung erlaubt, ist immer noch eine materiale Frage, die geprüft wird im Akt des Mitteilens selbst: Hält das Material den Mühsalen der Mitteilung stand? Das ist an vielen Materialen und vielen Übermittlungsweisen auszuprobieren, man kann nicht das eine überprüfen ohne das andere: Es ist ein unun- terbrochener, sich ständing erneuernder Prozess; der niemals endende geistige Verkehr eben.

Dass er schließlich zu einem ('einstweilen definitiven') Ergebnis kommt, liegt daran, dass sie 'letzten Ende beide aus demselben Stoff' gemacht sind: der Intentio, der Absicht der miteinander verkehrenden Subjekte. Wobei sich das einstweilen definitive, aber konkrete Ergebnis an dem absoluten, aber als solchem unbestimmten End- zweck, der Endzweck wiederum
an den konkret-vermittelten Zwischenzwecken bewährt; diese an jenem for- mal, jener an ihnen material.

im Herbst 2015 



Die Analogie zum Wertgesetz springt ins Auge. Dabei ist dieses im engsten Sinne materiell, die Logik aber rein... logisch und ideell. Beide beruhen auf Voraussetzungen. Dieses auf materiellen, jene auf ideellen.

Die materiellen Voraussetzungen des Wertgesetzes sind, dass das gesellschaftliche Leben von einer Knappheit an Lebensmitteln bestimmt wird, die ihrerseits durch Arbeit jederzeit vermehrt werden können; und dass das Material und die Instrumente der Arbeit bei einer bestimmten Gruppe von Individuen monopolisiert ist, so- dass alle Gesellschaftsangehörigen auf gegenseitigen Austausch angewiesen sind, weil das Arbeitsprodukt stets als Ware erscheint. Daraus ergeben sich alle andern Bestimmungen, die unterm Strich das Wertgesetz ausma- chen.

Die Voraussetzung der Logik ist - was sie nicht ahnt - eine pragmatische: Es soll absolute Geltung geben. Damit es sie gibt, werden die Bedingungen herausgefunden, unter denen ein logisches Datum - ein Satz - gilt. Sind die Bedingungen gegeben, ist die Geltung absolut. Nur so ist ein verallgemeinerter Austausch von Gedachtem mög- lich.


Ist er aber nötig? Die Waren müssen vom Produzenten an die Konsumenten gelangen, das ist notwendig, damit die Gesellschaftsangehörigen Mittel zum Leben finden. In gewissem Maß ist dazu freilich ein Austausch von Gedachtem unerlässlich. Tatsächlich befasst sich aber der Austausch von Gedachtem in allen Gesellschaften, von den primitivsten Jäger- und Sammlerstämmen bis zu den postindustriellen Gemeinwesen der digitalen Re- volution, mit weit mehr als der Produktion und Verteilung materieller Güter. Letzteres wird in den kommenden Generationen immer mehr zur Angelegenheit intelligenter Maschinen werden. Wüssten wir uns nur um unsere materiellen Belange zu verständigen, stünden wir dann dumm da, aber zum Glück wissen wir viel mehr.

Ein Glück ist es, denn eine Gesetzmäßigkeit ist darin nicht zu erkennen. Es ist eine augenfällige Selbstverständ- lichkeit - das ja -, dass die Menschen, wenn sie das Denken schonmal erfunden haben, damit alles Mögliche ver- suchen und schaffen würden: So sind wir eben. Aber notwendig war es ja gerade nicht. Möglich wird dieses oder jenes, weil wir... die Freiheit haben, es zu versuchen, und selbstverständlich ist uns nur, dass wir diese Freiheit haben und immer hatten. Denn wenn sich der Philosoph gelegentlich auch fragt, ob die Freiheit nicht unser Fluch ist, muss er doch dem Faktum ins Auge schauen, dass wir ihrer Versuchung immer und immer wieder erliegen. Und dass wir das Beste, was man über unsre Auftritte in der Geschichte sagen kann, ihr verdanken.

13. 5. 2017

Sonntag, 10. September 2017

Der Goffinkakadu und die erste geschichtliche Tat.



Die 'erste geschichtliche Tat' sei die Erfindung eines 'neuen Bedürfnisses' gewesen, schrieben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie. Die erste historische Tat war die, durch die der Mensch aus dem blinden Naturgesetz heraus- und in seine eigene Geschichte eingetreten ist; und durch die er sich zum Menschen gemacht hat. Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen hieß dann das seinerzeit populärste Pamphlet von Friedrich Engels. Indes, begonnen wird wohl die 'Menschwerdung des Affen' vor der ersten historischen Tat haben, sie hat jene ja erst möglich gemacht. 

Also doch: das Denken. 

'Intelligenz' ist noch ein zu vager Begriff, sie muss ja inzwischen auch vielen Tieren zugeschrieben werden. Doch das Überlegen im Besonderen, das regelmäßige planende Vergleichen der Zwecke mit den Möglichkeiten, das macht ja wohl das Besondere menschlicher Wachheit aus; es ermöglicht Arbeitsteilung und macht ipso facto elaborierte Kommunikation notwendig; komplexe Sozialstrukturen, regelmäßigen Perspektivenwechsel. Reflexion, Verstand. Zugrunde liegt immer der Gedanke: Der Mensch muss arbeiten, um zu leben; und so kommen wir zurück zu Engels.

Das stellt der Goffinkakadu nun in Frage. Er tut, was wohl im Besondern menschlichen Verstand auszeichnet: er kalkuliert. 'Wenn ich dies tue, kostet es mich das und ich gewinne jenes; wenn ich jenes tue...' usw. - und er berechnet den größten Nutzen bei geringstem Aufwand. Aber arbeiten tut er nicht.

'Irgendwas tun' muss wohl auch der Kakadu, wenn er sich ernähren will. Und zwar mal dies, mal das, und meistens irgendwie dasselbe, was die Natur ihm angeerbt hat: Er liest auf, was er findet. Wenn wir auch das Arbeit nennen wollten, verlöre das Wort jeden Sinn, denn dann 'arbeiten' alle Lebewesen. Das Spezifische unserer Arbeit ist aber, dass die Menschen die Bedingungen, unter denen es etwas zu findet gibt, selber herstellen müssen. Bedingungen selber herstellen... - so etwas tun die Kakadus hier im Labor auch. Aber nicht, weil sie sich ernähren müssen - das besorgt das Laborpersonal -, sondern weil sie Muße haben, sich um Bonbons zu bemühen. So ist es in der freien Natur nicht, und da benutzen sie auch keine Werkzeuge: Es geht auch ohne.

Die Menschen haben sich aus freien Stücken eine Lebensweise zugelegt, in der sie die Bedingungen ihrer Ernährung selber schaffen müssen. Dass sie kalkulieren können und das Geschick zum Werkzeuggebrauch haben, kann schwerlich die hinreichende Voraussetzung dafür sein, denn all das können die Kakadus auch. Mit andern Worten, das bloße Kalkül und technisch-ökonomischer Verstand sind es nicht, die 'den Affen zum Menschen werden' ließen. Die gehören wohl zu den notwendigen Bedingungen. Aber es muss noch etwas hinzugekommen sein.