Freitag, 20. Oktober 2017

Erklären heißt anknüpfen.



Ich erkläre etwas (A), wenn ich es an etwas andres (B) anknüpfe und so fort; ich fasse nicht alles auf einmal auf, weil ich endlich bin. Es ist dasselbe, was man diskursives Denken nennt. Die Endlichkeit vernünftiger Wesen besteht darin, dass sie erklären müssen. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 75



Nota. Dieser Satz steht im Ms. unmittelbar vor dem gestrigen Eintrag, er führt auf den Gedanken, dass die Vorstellung vom reinen Ich nicht praktisch, aber theoretisch notwendig ist, weil anders die Dinge und die Welt nicht zu erklären sind. Sobald das praktische Ich dagegen handelt, findet es Welt und Dinge vor und muss sie sich nicht erst erklären. – Das theoretische Ich steht zum praktischen Ich in demselben Verhältnis wie die ideale zur realen Tätigkeit: Sie sind jedesmal Gegenstand der Reflexion und sind nur für die Reflexion.
JE






Donnerstag, 19. Oktober 2017

Wer nicht von allem Objekte abstrahieren kann...



...wer nicht von allem Objekte abstrahieren kann, der ist zum gründlichen Philosophen unfähig.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, 2. Einleitung; S. 18









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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Das Praktische ist die Quelle des Theoretischen. (Das Handeln ist absolut.)


12 Arbeiten des Herkules

Der Kantische Satz: Unsere Begriffe beziehen sich nur auf Objekte der Erfahrung, erhält in der Wissenschafts-Lehre die höhere Bestimmung: Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen durch das Han- deln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. 

Kant wird nicht sagen, die Erfahrung sei absolut, er dringt auf den Primat der praktischen Vernunft, nur hat er das Praktische nicht entscheidend zur Quelle des Theoretischen gemacht.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 61










Montag, 16. Oktober 2017

Zwang.


Eine Pflicht, sich zwingen zu lassen, ist etwas Widersprechendes. Wer da lässt, der wird nicht gezwungen, und wer gezwungen wird, der lässt nicht.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 147







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Sonntag, 15. Oktober 2017

Hysteron proteron, oder Die ursprüngliche Synthesis.


Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstsein zu erklären, ohne es immer als schon vorhanden vor- auszusetzen, lag darin, dass, um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subjekt des Selbstbewusstsein immer schon vorher ein Objekt, bloß als solches, gesetzt haben musste: und wir sonach immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft sein musste. 

Dieser Grund muss gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjektes sei mit dem Objekte in einem Moment synthetisch vereinigt: Die Wirksamkeit des Subjekts sei selbst das wahrgenommene und begriffene Objekt, das Objekt sei kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjekts, und so seien beide dasselbe.

Nur von einer solchen Synthesis würden wir nicht weiter zu einer vorhergehenden getrieben; sie allein enthielte alles, was das Selbstbewusstsein bedingt, in sich, und gäbe einen Punkt, an welchen der Faden des Selbstbe- wusstseins sich anknüpfen ließe. Nur unter dieser Bedingung ist das Selbstbewusstsein möglich. ...

Es ist die Frage nur, was denn die aufgestellte Synthesis bedeuten möge, was sich darunter verstehen lasse, und wie das in ihr Geforderte möglich sein werde. Wir haben sonach von jetzt an das Gefundene nur noch zu ana- lysieren.

Es scheint, dass die vorgenommene Synthesis statt der Unbegreiflichkeit, die sie heben wollte, uns einen voll- kommenen Widerspruch zumutet.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 31f. 


Nota. - Aber freilich ist nicht der Akt der Selbstbewusstwerdung selber eine Synthesis von zwei vorher Getrenn- ten. Er ist ein Akt. Doch als solcher kommt er im Bewusstsein nicht vor. Im Bewusstsein kommt sein Ergebnis vor: die Entgegensetzung von Ich und Nicht-Ich. In der Vorstellung müssen wir sie nachträglich 'synthetisieren': und so kommt uns das Zweite als das Erste vor. Von nichts anderm als von Vorstellungen aber handelt die Transzendentalphilosophie. Die Vorstellung stellt sich sich selber vor. Da steht alles auf dem Kopf.
JE



Samstag, 14. Oktober 2017

Genetisch heißt nicht historisch.



Eins ist in unserer Geschichte nicht vorgekommen: dass Menschen isoliert lebten und sich erst zusammentun mussten, um sich zu vergesellschaften. Die Menschen lebten schon in großfamilialen Verbänden, bevor sie überhaupt Menschen wurden. Ein geschichtliches Ereignis war es vielmehr, dass gesellschaftliche Bildungen entstanden, in der sich die Individuen individualisieren und zu Einzelnen vereinzeln konnten. Und in der wirklichen Geistesgeschichte musste ein bestimmtes Ich aus einem unbestimmten 'wir' sich erst heraus bilden, um sich als einem Nicht-Ich entgegengesetzt setzen zu können.

Manche Binsenwahrheit muss erst ausgesprochen werden, bevor sie einleuchtet: Die Wissenschaftslehre ist nicht die wirkliche Entstehungsgeschichte des Bewusstseins. Sie hebt an auf dem Punkt der bürgerlichen Gesellschaft, wo sich die Individuen als Subjekte ihres Lebens vorkommen und zu anderen Subjekten in Konkurrenz treten. Versippte Haufen, die aufeinander einschlagen, brauchen keine Vernunft, nicht nach außen und nicht nach innen.

Die wirkliche Geschichte des Bewusstseins begann nicht mit dem Vereinigen, sondern mit dem Trennen. Von dieser Trennung geht die Wissenschaftslehre aus.


3. 12. 14 






Freitag, 13. Oktober 2017

...was man für ein Mensch ist.


Apoll und Marsyas

Wir alle gehen von der Erfahrung aus, werden aber in uns zurückgetrieben und finden unsre Freiheit; es kommt darauf an, welches Gefühl bei dem Menschen das hervorstechende ist, das lässt er sich nicht nehmen. –

Der Streit des Dogmatismus und Idealismus ist eigentlich kein philosophischer, denn beide Systeme kommen nie auf einem Feld zusammen, denn jedes, wenn es konsequent ist, leugnet die Prinzipien des andern. Ein phi- losophischer Streit kann nur dann entstehen, wenn beide Seiten über die Prinzipien einig, aber bloß über die Folgen uneinig sind. Er ist ein Widerstreit der Denkart, der konsequente Dogmatiker ist sein eigenes Gegen- mittel, er kann diese Denkart in die Länge nicht ertragen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, Zweite Einleitung, S.16








Donnerstag, 12. Oktober 2017

Übergehen: eine tätige Dialektik.


andramedia

Das Mysterium der Hegel'schen Dialektik und damit seines ganzen Systems ist das Umschlagen des Begriffs in seinen Gegensatz. Wie es vor sich gehen soll, kann man sich nicht vorstellen, es wird nicht erläutert, es bleibt ein Mysterium, man muss daran glauben wie an die Dreifaltigkeit. Tatsächlich findet es bereits im Begriff selber statt: Er trägt seinen Gegensatz schon in sich. So wird es behauptet.

Bei Fichte schlagen keine Begriffe um, sondern eine Vorstellung geht über in eine andere. Nämlich so: Sie soll bestimmt werden, doch das geht nur durch Entgegensetzung. Es ist ein Subjekt, das bestimmen soll, es muss die Entgegensetzung selber vornehmen. Muss? Nein. Es geschieht aus Freiheit; es könnte das Bestimmen auch unterlassen, und seine Vorstellung blieben unbestimmt.

Ist nicht die Freiheit auch ein Mysterium? Ja, ausdrücklich: "Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... Denn ein Akt der Freiheit ist schlechthin, weil er ist, und ist ein absolut Erstes, das sich an nichts anderes anknüpfen und daraus erklären lässt. ... Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist also absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit."*

Es ist das Mysterium, das dem ganzen System zu Grunde liegt. Liegt es? Nein, es wurde gelegt – von dem Philoso-phen, er hat es als Erklärungsgrund (aus Freiheit!) gewählt. Er hat es nicht begründet, er kann es rechtfertigen nur durch die Ausführung des Systems. Er hätte ein anderes wählen können? Nur, wenn sich damit ein System rechtfertigen ließe.

Die Freiheit rechtfertigt das System vom Anfang bis... zum Schluss? Wenn die Freiheit zu einem Schluss käme, wäre sie keine. Wird sie als Freiheit gedacht, ist sie ohne Ende: Die Reflexion ist unendlich, so wurde sie zu An-fang aufgefasst. Soll ein Schluss dennoch für möglich gehalten werden, müsste eine zusätzliche Prämisse einge-führt werden. Aber dann läge sie dem System zu Grunde und nicht die Freiheit, und Fichte hätte nicht sagen dürfen, dass auf diese "mein ganzes Denken aufgebaut ist".

*) Fichte, Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 181f.


 9. 12. 25




 

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Vorstellen und darstellen.


Die Darstellung kann nicht anders als diskursiv verfahren. Aber in der Vorstellung selbst ist alles auf einen Schlag.

Das gilt wohlbemerkt auch empirisch. Zwar müssen wir meistens suchen, um etwas in unserem Bewusstseins-vorrat zu finden; aber dann kommt es uns so vor, als sei es schon die ganze Zeit da gewesen und habe nur dar-auf gewartet, aktiviert zu werden. 

Tatsächlich sind die Verschaltungen zwischen den Neuronen 'schon da' – sie müssen nur noch befeuert werden. Wie steht es da aber mit Fichtes dauernder Versicherung, dass die ideale Tätigkeit 'aus Freiheit' geschehe? Dass ich in meiner Erinnerung nur finde, was ich finden will, kann ich empirisch nicht bestätigen. Ist es einmal da, kann ich jederzeit darüber stolpern, da ist mehr Zufall als Freiheit. Aber ob ich einen Wissensgehalt überhaupt erst anlege und ablege, das hängt von mir, und das heißt: von meinem Wollen ab.

Mit dem Darstellen ist es etwas ganz anderes. Ob ich alles wiederfinden werde, wonach ich suche, mag zum Teil Zufall sein. Aber was ich dann an was anknüpfe und wie, das ist Sache meiner Freiheit: der Reflexion. Doch muss ich es in der Zeit vortragen, eines nach dem andern, und so wird es immer ein bisschen so aussehen, als sei das Zweite vom Ersten verursacht, während sie doch einander gegenseitig bedingen, und dies ohne Vor- und Nachher. Anders könnte die Wissenschaftslehre nicht vom Bestimmten auf das Bestimmende rückschlie-ßen.

*

Es ist ein Missverständnis, dass die transzendentale Betrachtungsweise mit dem Faktischen gar nichts zu tun habe. Sie ist nicht dessen Abbildung oder Nacherzählung, das wäre überflüssig. Aber sie ist dessen Sinndeu-tung, und es wäre sehr merkwürdig,* wenn sie einander gar nicht ähnlich sähen.

*) Warum dieses? Weil auch die diskursive Darstellung nicht 'das Seiende' ausspricht, sondern immer nur, was es bedeuten soll – freilich nicht selbstreflexiv ausspricht, sondern gegenstandsbezogen, während die Transzen-dentalphilosophie rekonstruiert, wie die Bedeutungen entstanden sein müssen; aber beide handeln von Bedeu-tungen, und von den Bedeutungen der Dinge.

18. 12. 15






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Dienstag, 10. Oktober 2017

Wieviel Erfahrung steckt in der Transzendentalphilosophie?




Im System gibt es keine Zeit. Aber aus dem System der Vorstellung soll eine Zeit, die ja selber eine Vorstellung ist, entstehen. Die Aporie ist Fichte nicht entgangen. Nicht aus dem Setzen soll daher die Zeit entstehen, das ge- schieht idealiter alles gleichzeitig; sondern durch das Deliberieren: das Abwägen und Wählen aus mannigfal- tigen Möglichkeiten. In diesem retardierenden Moment geschieht nichts – und gerade das dauert.

Die Hirnphysiologen haben – das ist nun aber auch schon eine Weile her – aus dem Umstand, dass jeder Zustand des Gehirns unvermeidlich auf einen und aus einem vorhergehenden Zustand folgt, ohne dass ein Zentralorgan namens Ich eingriffe, auf die Determiniertheit unseres Willens geschlossen und die Freiheit be- stritten. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Libet-Experiment: Zwischen dem Moment, in dem im Gehirn nachweislich die Breitschaft zu einer bestimmten Handlung x getroffen ist, und dem Beginn ihrer Ausführung vergeht offenbar eine Denkpause von einer Fünftelsekunde. In dieser Spanne könnte – seitens desselben Ge- hirns! – noch der Einspruch geschehen: Nein, tu das nicht! Dieser neuerdings experimentell wieder bestätigte Versuch gibt der Freiheit noch eine ganz kurze, aber dadurch umso größere Chance: Der Mensch kann nein sagen! Nachdem er sie nämlich zum Überlegen genutzt hat.

Nach Fichte nun liegt in diesem Moment des Deliberierens – ganz allgemein: des Übergehens vom Bestimmba-ren zum Bestimmten – nicht nur die (einzige) Realität der Freiheit, sondern überdies die Entstehung der Zeit: der Übergang aus der idealen Tätigkeit ins Sinnliche. In specie geht die Zeit hervor aus unserm Wollen, soweit es ursprünglich als rein angenommen wird: Dass wir wollen, ist gewissermaßen das einzige Apriori, das die Wis- senschaftslehre 'an sich' gelten lässt. Doch das bestimmbare Wollen muss erst bestimmt werden: Man kann immer nur dieses wollen. Die Auswahl aus den unendlich vielen Handlungsmöglichkeiten, alias das 'Entwerfen eines Zweckbegriffs', dauert.

*

Es bringt die Transzendentalphilosophie in Verlegenheit, wenn man einen ihrer Sätze in einen Erfahrungssatz umschreiben kann; denn wozu taugt sie dann noch? Was aus der Erfahrung stammt, wird positiv gewusst, punctum. 

Die Transzendentalphilosophie ist kein hypothetischer Vorentwurf von etwas, wovon man noch keine Erfah- rung hat, aber noch machen will. Natürlich bezieht sie sich auf etwas, das ist, sonst wäre sie überflüssig. Aber doch nicht auf das, was ist: Das setzt sie spekulativ voraus, in der Tat. Sondern auf das, was es bedeutet. Das muss aus dem, was ist, herausgedeutet oder besser: hineingemeint werden (und sich daran bewähren: nämlich in den Vor- stellungen).

Die Transzendentalphilosophie muss sich nicht durch Erfahrung beweisen lassen; theoretisch an dem, was ist. Denn ihr Zweck ist kein theoretischer, sondern ein praktischer. Sie muss sich nicht durch erfahrbar Seiendes begründen lassen; es reicht, wenn das Seiende ihrer Absicht nicht widersteht. Tut sie das - nämlich punktuell -, dann steht der Transzendentalphilosophie eine saure Arbeit von dialektischen Windungen bevor. Tut sie es über- haupt - nämlich in den Augen von diesen und jenen -, kann man nur sagen: Was für eine Philosophie einer wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist.
JE





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Montag, 9. Oktober 2017

Das Ding an sich ist auf immer aufgehoben.



Es wird sich finden, dass jene Beschränktheit des Handelns zu einem NichtIch führt, zwar nicht auf ein an sich vorhandenes, sondern auf etwas, das durch die Intelligenz notwendig gesetzt werden muss, um jene Be- schränktheit zu erklären.

Der Urgrund alles Wirklichen ist demnach die Wechselwirkung oder Vereinigung des Ich und NichtIch. Das NichIch ist demnach nichts Wirkliches, wenn es sich nicht auf ein Handeln des Ich bezieht, denn nur durch diese Bedingung und Mittel wird es Objekt des Bewusstseins; dadurch wird nun das Ding an sich auf immer aufgehoben. 

So ists auch mit dem / Ich; das Ich kommt im Bewusstsein nur in Beziehung auf ein NichtIch vor. Das Ich soll sich setzen, es kann dies aber nur im Handeln; Handeln ist aber eine Beziehung auf ein NichtIch. Das Ich ist nur insofern etwas, als es mit der Welt in Wechselwirkung steht, in dieser Verbindung kommen beide vor. Hin- terher, nachdem man sie gefunden hat, kann man sie trennen, aber jedes, wenn es abgesondert betrachtet wird, erhält seinen ursprünglichen Charakter; jedes wird nur in Bezieung auf das andere vorgestellt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 61f.








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Sonntag, 8. Oktober 2017

Was sich bestimmen soll, muss sich schon haben.




Das Ich bestimmt sich selbst. Das Wörtchen Selbst bezieht sich auf es. Es bestimmt sich, aber indem es sich bestimmt, hat es sich schon; das sich bestimmen soll, muss sich selbst haben, und was sich selbst hat, ist eine Intelligenz.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 53















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Samstag, 7. Oktober 2017

Das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes.



Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätigkeit fielen zusammen, so etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes. 
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 67  


Nota. – Zunächst ist zu bedenken, dass für einen Christen – als solchen verstand sich Fichte – Gott nicht gedacht, sondern nur geglaubt werden kann. Und, zweitens, dass nicht zu verstehen wäre, wie einem solchen ungebundenen Selbstbewusstsein je ein Gegenständliches, ein Objektives erwachsen sollte und wie es folglich überhaupt zu einem Bewusst sein käme. – Kurz, dieser Satz besagt nur: Gott kann nicht Gegenstand der Philo-sophie werden.
JE









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Freitag, 6. Oktober 2017

Menschenrechte sind eine Fiktion.



Es gibt keinen Stand des Urrechts und keine Urrechte des Menschen. Wirklich hat er nur in Gemeinschaft mit Anderen Rechte, wie er denn, nach den obigen höheren Prinzipien, überhaupt nur in der Gemeinschaft mit Anderen gedacht werden kann. Ein Urrecht ist daher eine bloße Fiktion, aber sie muss, zum Behufe der Wis- senschaft, notwendig gemacht werden.
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 J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 112


Donnerstag, 5. Oktober 2017

Licht und Luft apriori deduziert.


Ich werde zu einem vernünftigen Wesen, in der Wirklichkeit, nicht dem Vermögen nach, erst gemacht; wäre jene Handlung nicht geschehen, so wäre ich nie wirklich vernünftig geworden. Meine Vernünftigkeit hängt damit ab von der Willkür, dem guten Willen eines Anderen; von dem Zufalle; und alle Vernünftigkeit hängt ab von dem Zufalle.

So kann es nicht sein: denn dann bin ich als Person zuerst doch nicht selbsttätig, sondern nur ein Akzidens eines anderen, welcher wieder ist dein Akzidens eines dritten, und so weiter ins Unendliche.


Dieser Widerspruch lässt sich nicht anders heben, als durch die Voraussetzung, dass der andere schon in jener ursprünglichen Einwirkung genötiget, als vernünftiges Wesen genötiget, d. i. durch Konsequenz verbunden sei, mich als ein vernünftiges Wesen zu behandeln: und zwar, dass er durch mich dazu genötiget sei; also, dass er schon in jener ersten, ursprünglichen Einwirkung, in welcher ich von ihm abhänge, zugleich von mir abhängig sei; dass demnach schon jenes ursprüngliche Verhältnis eine Wechselwirkung sei. (S. 74)

Wir Nachkömmlinge haben Hegel gelesen, und meist lange bevor wir auf Fichte gestoßen sind; da sind wir allerhand gewöhnt, was unter Dialektik vorgeführt wird: Der ist pedantisch, aber nimmt es doch logisch nicht wirklich genau, 'herleiten' tut er eigentlich gar nicht, das besorgt ihm der Begriff schon von ganz allein: Der setzt sich, entfaltet sich, zerlegt sich, setzt sich entgegen und vereinigt sich wieder, indem er sich aufhebt. 

Fichte hat aber vom Begriff eine ganz prosaische Meinung, der tut gar nichts für ihn, er muss alles selber besorgen. Darum wirken seine Deduktionen und Konstruktionen so laboriös. Eigentlich ist der Gedanke ja einfach: Na, sie sind einander als vernünftige Wesen eben schon bekannt, sie erkennen, anerkennen einander, und weiter geht's im Text.


Mit andern Worten, anscheinend war der vernünftige Zustand schon da, den er aus der wechselseitige Setzung erst herleiten wollte; nämlich 'im Begriff'.


Doch um die Begriffe geht es eben nicht, sondern um die Vorstellungen, die zum Zweck der Mitteilung in ihnen schlecht und recht erfasst werden, und um deren Voraussetzungen, die in ihnen unversehens mitgemeint sind. Die gilt es zu Bewusstsein zu bringen, und aus ihnen die Schlüsse zu ziehen, die nötig sind, um ans Ziel zu kommen. Denn ein Ziel hat das Unternehmen ja: erklären, wie das wirkliche Bewusstsein, das wir ja haben und das uns zu vernünftigen Menschen macht, möglich geworden ist.

Ob Begriffe für sich etwas sind, ist eine metaphysische Frage, die den Transzendentalphilosophen nicht beschäftigt. Vorstellungen jedoch haben immer nur wirklich lebende Menschen, und von denen muss geredet werden.


Fichte fährt also fort:

Aber vor jener Einwirkung vorher bin ich gar nicht Ich, ich habe mich nicht gesetzt, denn das Setzen meiner selbst ist ja durch diese Einwirkung bedingt, nur durch sie möglich. Ich soll sonach wirken, ohne zu wirken, wirken ohne Tätigkeit. (ebd.)

Und weiter:

Wirken ohne zu wirken bedeutet ein bloßes Vermögen. Dieses bloße Vermögen ist nichts als ein idealer Begriff: und es wäre ein leerer Gedanke, einem solchen das ausschließende Prädikat der Realität: die Wirksamkeit zuzuschreiben, ohne anzunehmen, dass es reali/siert sei.

Nun ist das gesamte Vermögen der Person in der Sinnenwelt allerdings realisiert in dem Begriff ihres Leibes, der da ist, so gewiss die Person ist, der da fortdauert, so gewiss sie fortdauert, der ein vollendetes Ganzes materieller Teile ist, und demnach eine ursprüngliche Gestalt hat[...]

Mein Leib müsste also wirken, tätig sein, ohne dass ich durch ihn wirkte.

Aber mein Leib ist mein Leib, lediglich inwiefern er durch meinen Willen in Bewegung gesetzt ist, außerdem ist er nur Masse; er ist als mein Leib tätig, lediglich inwiefern ich durch ihn tätig bin. Nun soll ich im gegenwärti- gen Falle noch gar nicht Ich, demnach auch nicht tätig sein, demnach ist auch mein Leib nicht tätig. Er müsste daher durch sein bloßes Dasein im Raume und durch seine Gestalt wirken, und zwar so wirken, dass jedes vernünftige Wesen verbunden wäre, mich für ein der Vernunft fähiges [Wesen] anzuerkennen. (S. 74 f.)

Auch der Transzendentalphilosph meint, wenn er von Tätigkeit redet, keine Telekinese, sondern einen Körper aus Fleisch und Blut. Der Idealismus ist kein Spiritualismus, sondern ein Begreifen der wirklichen Tätigkeiten wirklicher Personen in einer wirklichen Welt. Wirken, Wirklichkeit ist materiell.

Materiell heißt: in Raum und Zeit. Wirkliche Menschen begegnen einander in Raum und Zeit, und sofern sie sich verständigen wollen, müssen sie einander als vernünftig voraussetzen. Denn das ist Vernunft: sich verständigen wollen. (Sie wollen und sie müssen einander nicht über all und nicht jederzeit verstehen; das müssen sie nur, wenn und solange sie miteinander wirken wollen: in Raum und Zeit, und nach gemeinsamen Begriffen.) 

Und hier nun geraten wir an eine famose Stelle, die seinerzeit viel Tinte hat fließen lassen:* Fichte deduziert Licht und Luft apriori:    

Nun setze man, dass wir in gegenseitiger Einwirkung auf einander stünden durch die zu erschütternde subtile Materie (mit einander sprächen)  ... Luft, Licht. ... Mein Leib muss der Person außer mir sichtbar sein, ihr durch das Medium des Lichts erscheinen und erschienen sein, so gewiss sie auf micht wirkt ... dass sonach dem anderen angemutet werden könne: so wie du diese Gestalt erblickest, musstest du / sie notwendig für die Repräsentation eines vernünftigen Wesens in der Sinnenwelt halten, wenn du selbst ein vernünftiges Wesen bist. (S. 75f.)                                                                    

Hier also haben wir Fichte nackt als das, was er im Grunde ist: ein Materialist und Realist, der begreiflich machen will nicht, 'wie der Geist in die Materie hinein kommt', sondern dass er die gewollte Tätigkeit ("nach Begriffen") von Menschen aus Fleisch und Blut selbst ist - im Unterschied zu den unwillkürlichen Tätigkeiten der bloßen Natur.

*) s. Annalen des philosophischen Tons, SW II, S. 472ff.
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alle Zitate aus J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III









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Mittwoch, 4. Oktober 2017

Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik.


Die Wissenschaftslehre ist keine logische Metaphysik. Sie stellt nicht die Welt, wie etwa Hegel, dar als ein syste- matisches Verzeichnis der denkbaren Begriffe. 

Sie ist die Genealogie der notwendigen Vorstellungen.

Notwendig aber nicht aus einem gegebenen Grund, sondern für einen gegebenen Zweck: dem, das tatsächliche Bewusstsein zu erklären. Weil jenes zum Ergebnis der 
wirklichen Entwicklung der Vorstellungen geworden ist, muss jene Entwicklung diesen Weg genommen und an diesem Punkt begonnen haben.

Die Wissenschaftslehre ist immanent, aber so bleibt sie nicht. Sie wird transzendental, indem sie unter den wirk- lichen Vorstellungen deren notwendige Prämissen aufsucht.

Für Fichte ist der Begriff lediglich Medium der Vorstellung. Er selbst leistet gar nichts. Es bleibt immer der Vor- stellende, der leistet.


Und was ist das 'tatsächliche Bewusstsein'? Es ist nicht mehr und nicht weniger als alles, was über Dinge - Gegen- stände, Begriffe, Bilder - tatsächlich gedacht wird, vom gesunden Menschenverstand bis hin zu Teilchenphysik, Mole- kularbiologie und spekulativer Kosmologie: wirkliches Wissen und Wissenschaft. Wissenschaftslehre dagegen ist - die Genealogie der Vorstellungen, die auf dem Weg dahin notwendig wurden.


22. 12. 14











Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. 


Dienstag, 3. Oktober 2017

Alle unsere Vorstellungen sind Vorstellungen von Verhältnissen.


wikipedia
 
Alle unsere Vorstellungen sind Vorstellungen von Verhältnissen, aber zuletzt müssen wir doch auf etwas zu Grunde Liegendes kommen. Dies ist aber nicht an dem, wir kommen auf etwas Ursprüngliches, das unendlich auffasst. Also die Intelligenz hat das Vermögen, entgegengesetzte Dinge in einem Akte zu fassen, oder sie hat Einbildungskraft, ursprüngliche Synthesis des Mannigfaltigen. Das Aufgefasste ist nur entgegengesetzt, man kann mit dem Verstand unendlich teilen, aber es wird / doch aufgefasst; in sofern ist die Einbildungskraft produktiv.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 202 


Nota. - Hier sind nun aus den ursprünglich angeschauten singulären Bildern schon Vorstellungen geworden: Sie unterscheiden sich von der Anschauung eben dadurch, dass sie Mannigfaltiges vereinigen. Wenn sie dann auf sich reflektiert, gewahrt die Vorstellung allerdings nur Verhältnisse. Aus denen schafft sie Begriffe.- Das ist Verstand in specie. (Nie vergessen: Begriffe sind, auch wenn sie noch so bestimmt ausgesprochen werden, keine Sachverhal- te, sondern Denkwerkzeuge. Sie auseinanderhalten schafft selber keine Erkenntnis, sondern ist lediglich eine Übung in Scharfsicht.)
JE





Montag, 2. Oktober 2017

Vernunft ist Bestimmtheit des Wollens.


pacific northwest birds
 
Es entsteht aus der Bestimmtheit durch mich selbst ein Gefühl, und aus diesem der Gedanke meiner selbst. Also ich finde mich als Objekt und bin mir selbst Objekt; aber ich kann mich unter keiner anderen Bedingung finden, als dass ich mich finde als Individuum unter mehreren geistigen Wesen.

Es ist ein Hauptsatz des kritischen Idealismus, dass von einem Intelligiblen ausgegangen wird. Dies hat uns ge- trieben bis zu einem reinen Wollen, das empirische [Wollen] langt nicht zu. Jede meiner irdischen Bestimmungen bezieht sich auf meine ursprüngliche Bestimmtheit und ist nur unter ihrer Voraussetzung gedenkbar; dieses Ver- mögen könnte ich mir nicht zuschreiben, wenn ich es nicht fände; aber ich kann es nur finden als die Bestimmt- heit und das reine Wollen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150 


Nota. - In der Literatur wird es gelegentlich so dargestellt, als bräuchte F. die Vorausetzung "mehrerer" geistiger Wesen, um 'irgendwie' die apriorische Sozialisiertheit der Menschen ins System des sich-selbst-setzenden-Ich doch noch aufzunehmen; eigentlich: von der Seite her einzuschieben

Tatsächlich ist die Prämisse einer 'Reihe vernünftiger Wesen' nichts anderes als die Vorausgesetztheit einer 'intel- ligiblen Welt'. Die intelligible Welt wiederum ist nichts anderes als - die Vernunft selbst. Mit andern Worten: Ver- nunft ist nichts anderes als das praktische Übereinkommen wirklicher Personen, im wechselseitigen Verkehr nach gemeinsamen Zwecken = empirischen Willensbestimmungen zu suchen und fortzufahren. Diese Übereinkunft schafft in der Zeit nicht nur faktische, sondern auch logische (real logische) Folgen. Vernunft ist nichts Gegebenes, sondern Vollzug einer Absicht.

JE




Sonntag, 1. Oktober 2017

Fundsache.



"Der Philosoph arbeitet für gewöhnlich 'einsam und maulwurfsähnlich'. Das hat einst der große Johann Gottlieb Fichte erklärt, der 1847 der Gastgeber der allerersten deutschen Philosophenversammlung war." So schrieb der Berliner Tagesspiegel vor ein paar Tagen.

1847 war der große Fichte schon 33 Jahre lang tot, einen Philosophenkongress hätte er allenfalls im Himmel mit Descartes und Aristoteles eröffnen können - sofern diese nicht in der Hölle schmoren. Und einsam oder gar maulwurfsähnlich hat er gewiss nicht gearbeitet. Kein Philosoph vor ihm und wohl auch keiner nach ihm hat dermaßen in der Öffentlichkeit gewirkt und wirken wollen wie er.

Aber schon kurz nach seinem Tod ging es mit der Philosophie wieder bergab und sie machte sich zur Weih- rauchschwenkerin von Metternichs Heiliger Allianz. Wer nicht mitmachte, wurde totgeschwiegen und musste tatsächlich „einsam und maulwurfsähnlich“ seinem brotlosen Geschäft nachgehen. Und nach dem geräusch- vollen Zusammenbruch der Hegel'schen Schule Anfang der 40er Jahre ging es ihm nicht etwa besser, sondern noch schlechter. Die Philosophie war so gründlich in Verruf, dass sie gut dreißig Jahre brauchte, um wieder gesellschaftsfähig zu werden.

Das muss Immanuel Herrmann, Sohn des großen und deshalb gelegentlich der Kleine Fichte genannt, im Sinn gehabt haben, als er am 27. September 1847 in Gotha den ersten deutschen Philosophenkongress eröffnete. Auf dem diesjährigen Jubiläumskongress, von dem der Tagesspiegel berichtet, wurde er zwar richtig beim Namen genannt, aber so einsam und maulwurfsähnlich hatte er gewirkt, dass ihn der anwesende Redakteur doch für seinen Vater hielt.


Immanuel Hermann hat zwar loyal die erste Gesamtausgabe seines Vater veröffentlicht. Seine eigene Philoso- phie steht aber in einem krassen Gegensatz zu Wissenschaftslehre und Transzendentalphilosophie
.



Donnerstag, 28. September 2017

Das Vernunftwesen ist ein Körper, der durch Freiheit bestimmbar ist.



Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es als wirksam erscheint, sein Körper ist bestimmbar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, es sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche. 

Nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teile eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksam-keit in der Sinnenwelt ab.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 235










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Mittwoch, 27. September 2017

Vernunft wird als gegeben vorgefunden.


Ich finde mich also als Objekt, bin mir gegeben.

Das Bestimmbare ist ein Reich vernünftiger Wesen außer mir. Aber vernünftige Wesen außer mir werden nur gedacht, um das Mannigfaltige zu erklären. Die Vernunft und den freien Willen anderer außer mir nehme ich nicht wahr, ich schließe nur darauf aus einer Erscheinung in der Sinnenwelt; sie gehören daher nicht in die Sinnen-, sondern in die intelligible Welt, in die der Noumene. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150 


Nota. - Dass Vernunft sei, nehme ich nicht wahr in der Begegnung mit andern Wesen, die ich hinterher als vernünftig ansehen werde wie mich selber. Wahr nehme ich bloß, dass sie da sind neben mir. Aus diesem bloßen Umstand schließe ich - finde ich? postuliere ich? -, dass da ein Medium sein muss, in dem wir miteinander bestehen. 

Mit andern Worten, die 'vernünftigen Wesen' sind eher da - in meiner Vorstellung -, als die Idee der Vernunft. Ich finde, dass sie 'in gewisser Hinsicht' mir gleich sind, oder ich ihnen. Dieses Tertium will ich Vernunft nennen. Wie weit es reicht, wird man sehen; was es ist, muss man dann nicht wissen.
JE

29. 12. 16

Montag, 25. September 2017

Reden könnten sie wohl; sie wissen nur nicht, worüber.


 Süddeutsche  
aus Süddeutsche.de, 12. Juni 2016,

"Keiner der Affen hat mal etwas Interessantes erzählt"

Tiere können erstaunlich viel ausdrücken. Doch sie haben verblüffend wenig Lust dazu.

Von Katrin Blawat

400 Millisekunden reichen einer Dianameerkatze, um ihrer Sippe alles Wichtige mitzuteilen: "Da hinten sehe ich eine fremde Gruppe, die könnte Ärger machen. Und, ach ja, ich bin die Verfressene mit der Narbe im Ohr, ihr wisst schon." Zu hören ist nur ein kurzes, tonloses Rattern (der sogenannte R-Laut), gefolgt von einem längeren, bogenförmig an- und absteigendem Ton (A-Laut). Das Besondere an den beiden zusammengesetzten Rufen ist: Die Tiere kombinieren sie keineswegs willkürlich, sondern abhängig von der jeweiligen Situation. Das Rattern ertönt, wenn es leicht brenzlig wird; der A-Ton verrät, wer der Rufende ist. Daneben nutzen die Affen noch einen langen Triller (L-Laut), der für sozial entspannte Zeiten reserviert ist.

Mit dieser Übersetzung der Meerkatzen-Kommunikation liefern Verhaltensforscher in der Mai-Ausgabe des Fachmagazins Animal Behaviour einen weiteren der inzwischen zahlreichen Belege für die erstaunliche Kommunikation vieler Tiere - fast ist man versucht zu schreiben: für ihre Sprachfähigkeiten. Vom Huhn bis zum Schimpansen ist die auf Lauten basierende Kommunikation im Tierreich viel komplexer als lange gedacht. Das gilt besonders für die Fähigkeit vieler Primaten, ihre Rufe nach Art der Dianameerkatzen bewusst zu kombinieren - etwas, was unserer Grammatik sehr nahe kommt.


Wo also liegen die Unterschiede zwischen den Rufen der Tiere und der Sprache des Menschen? Nur in der Undurchdringlichkeit mancher Grammatikregel? Oder vielleicht weniger im Können als vielmehr im Wollen? "Uns verblüfft immer wieder, dass viele Primaten ihr Potenzial offenbar nicht ausnutzen", sagt Klaus Zuberbühler von der Universität Neuchâtel, einer der Autoren der aktuellen Studie. Womöglich sind Tiere also einfach weniger schwatzhaft als der Mensch.

Der gilt als narratives Wesen par excellence, für das die Wirklichkeit nicht das ist, was tatsächlich geschieht, sondern was er sich selbst oder anderen erzählt. Allen anderen Lebewesen hingegen wurde bis vor einigen Jahrzehnten nur zugestanden, aus großer innerer Erregung heraus Laute auszustoßen, vergleichbar mit dem menschlichen "Huch!".

Manche Schimpansen haben zwar Gebärdensprache erlernt, wissen aber wenig zu erzählen

Doch auch wenn Aufregung oder Furcht oft zu den Lauten beitragen, haben viele Spezies Rufe entwickelt, die auf eine konkrete Situation hinweisen, etwa auf einen bestimmten Fressfeind. Am längsten bekannt ist dies von Grünen Meerkatzen. Hören die Affen jenes Bellen, das einen Leoparden ankündigt, flüchten sie in Bäume. Rechnen sie mit einem Adler (angekündigt durch eine Art Husten), fahnden sie am Boden nach Deckung und suchen den Himmel ab. Und kündigt ein Artgenosse mit einem Meckern eine Schlange an, richten sich die Primaten auf und schauen am Boden nach der Gefahr.

Nun zählen Meerkatzen immerhin zu den Primaten, denen man weiter reichende Kommunikationsfähigkeiten zutraut als vielen anderen Tieren. Doch auch Hühner zum Beispiel kennen verschiedene Alarmrufe. Auch für sie ist es sinnvoll zu wissen, ob sie sich vor einem Greifvogel aus der Luft oder vor einem Fuchs am Boden in Sicherheit bringen müssen.

Zum Prahlen bekommen Tiere den Mund auf

Wenn aber schon ein Huhn verschiedene Alarmrufe zustande bringt, warum haben sie sich dann nicht bei allen Arten entwickelt? Die kurze Antwort lautet: Weil es sich in vielen Fällen nicht lohnt. Kennt ein Tier sowieso nur einen Weg, sich in Sicherheit zu bringen, reicht ihm auch ein allgemein gehaltener Gefahrenhinweis. "Für eine Maus ist es vermutlich egal, ob sie von einer Katze oder einem Fuchs gejagt wird. Sie wird immer versuchen, so schnell wie möglich in ihrem Loch zu verschwinden", schreibt die Leipziger Verhaltensforscherin Juliane Bräuer in ihrem Buch "Klüger als wir denken: Wozu Tiere fähig sind" (Springer Spektrum).

Weniger existenziell, aber durchaus nützlich ist es, wenn es einen speziellen Laut gibt, der auf Futter hinweist. Obwohl der Rufer riskiert, selbst weniger abzubekommen, ist das Verhalten im Tierreich erstaunlich weit verbreitet, etwa bei Hühnern, Raben und vielen Primaten. Dahinter steckt oft Prahlerei: Wer genügend Futter für zwei findet, kann ein so schlechter Partner nicht sein. Dementsprechend paart sich eine Henne am liebsten mit einem Hahn, der oft zum Essen ruft. Ähnliches gilt für Bonobos. Sie differenzieren in ihren Rufen sogar zwischen verschiedenen Qualitäten des gefundenen Futters. Aus Bonobo-Sicht schmecken Äpfel ganz okay, Kiwis hingegen bombastisch. Angesichts der Südfrüchte lassen die Affen ein Piepsen und Bellen hören, Äpfel kündigen sie durch Kläffen und Grunzen an.

Die von Zuberbühler und seinem Team getesteten Bonobos hörten aus den Rufen ihrer Artgenossen heraus, welches Futter sie erwarten konnten. Die Forscher hatten ihnen zuvor beigebracht, dass es Äpfel immer in der einen, Kiwis stets in einer anderen Ecke ihres Käfigs gab. Bekamen sie nun den Kiwi-Ruf eines Kumpels vorgespielt, liefen sie zuverlässig in die Kiwi-Ecke. Trotzdem hält es Zuberbühler für unwahrscheinlich, dass die Bonobos tatsächlich eine Art Wort für Kiwis kennen. "Bei Trauben, die ihnen ebenso gut schmecken, würden sie den gleichen Laut hören lassen", sagt der Schweizer Forscher. "Die Rufe stehen wohl für mehr oder weniger beliebtes Futter."

Doch nicht immer ist das Publikum so aufmerksam. Auch Tiere hören einander manchmal nicht zu und bekommen nur die Hälfte mit. Erdmännchen zum Beispiel hängen ihren Rufen zwar eine individuelle Signatur an, die sie eindeutig identifiziert. Doch warum sie das tun, ist bislang ein Rätsel. Denn die Artgenossen achten gar nicht auf die Signatur, wie Playback-Studien eines Teams um Simon Townsend von der University of Warwick gezeigt haben. Wer hätte gedacht, dass sich Erdmännchen und Menschen so nah sein können: Beide müssen damit leben, dass die Hälfte von dem, was man mitteilen möchte, niemals beim anderen ankommt.

Auch in einem anderen Bereich ähnelt die tierische der menschlichen Kommunikation. Zwar hat nur der Homo sapiens eine ausgefeilte Grammatik entwickelt. Daher sagt etwa die Göttinger Verhaltensforscherin Julia Fischer, Tiere hätten keine Sprache in unserem Sinne. Dennoch lassen viele Primaten - wie die erwähnten Dianameerkatzen - immerhin zarte Ansätze von etwas hören, das der menschlichen Syntax ähnelt. Sie kombinieren ihre Rufe so, dass dabei neue Bedeutungen entstehen.

Wenn Campbell-Meerkatzen ihrer Warnung vor einem Adler oder Leoparden ein "Boom" voranstellen, schwächt dies die Warnung ab, wie sich aus der bedächtigen Reaktion der Artgenossen schließen lässt. Ähnliches gilt für das Anhängsel "-oo". Es entspricht dem menschlichen "-artig". Hängt das "-oo" am Ende des Leoparden-Warnrufs ("Krak-oo"), warnt der modifizierte Laut vor allen möglichen "leopardenartigen" Gefahren: vor abbrechenden Ästen ebenso wie vor einer Gruppe fremder Artgenossen.

Auch Weißnasenmeerkatzen haben es mit ihren Grammatikkünsten weit gebracht. Vor einem Adler warnen sie überwiegend mit "Hack", vor einem Leoparden hauptsächlich mit "Pyow". Kombiniert zu "Hack-Pyow"-Sequenzen bedeutet der Ruf hingegen: "Los Kumpel, auf geht's!"

Warum aber nutzen die Meerkatzen kombinierte Rufe nicht häufiger, wenn sie es doch offensichtlich grundsätzlich können? Liegt ihnen vielleicht einfach nichts an den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die sich durch neue Laut-Kombinationen ergeben?

Vor dem Chef tun Affen mehr kund

Für Klaus Zuberbühler klingt das plausibel. Zumal auch weitere Indizien darauf hinweisen, dass Tiere ein viel geringer ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis haben wie Menschen. Manche Schimpansen haben sogar erfolgreich die menschliche Gebärdensprache gelernt, konnten sich also sehr wirkungsvoll ausdrücken. Sie nutzten diese Chance aber nicht. "Keiner dieser Affen hat mal etwas Interessantes erzählt", sagt Zuberbühler. "Da ist nichts gekommen außer Imperativen: "Ich will dies oder jenes haben, und du kannst mir helfen, es zu bekommen."

"Das grundlegende Interesse am Anderen ist etwas Menschentypisches"

Dementsprechend fehlt den Rufen von Tieren weitgehend etwas, was manchen Forschern zufolge eine Voraussetzung für richtige Kommunikation ist: der Wunsch, dass der andere das Gesagte wirklich begreift. Viele Tiere verfügen lediglich über eine sogenannte Intentionalität erster Ordnung: Sie wollen das Verhalten ihrer Artgenossen beeinflussen, sie zum Beispiel auf einen Baum locken, wenn ein Leopardenangriff droht. Manche Tiere stimmen zudem ihre Rufe auf ihre Zuhörer ab - immerhin eine Leistung, mit der selbst menschliche Sprecher manchmal ihre Probleme haben.

Schimpansen verkünden eine neu gefundene Futterquelle vor allem dann, wenn sie sich in der Gesellschaft hochrangiger Gruppenmitglieder wissen: Vor dem Chef kann es nicht schaden, die eigenen Leistungen ausgiebig kundzutun. Und Grüne Meerkatzenweibchen warnen häufiger, wenn sie mit ihren eigenen Kindern als mit anderen Jungen unterwegs sind.

Für die nächste Stufe der Intentionalität müsste sich der Rufende jedoch sowohl seiner eigenen Perspektive als auch der des anderen bewusst sein - und letztere verändern wollen. "Da sieht es dürftig aus bei Tieren", sagt Zuberbühler. "Allenfalls bei Schimpansen finden wir solche kleinen Inseln des Bewusstseins." Zum Beispiel, wenn eine Schlangenattrappe am Wegesrand liegt. In einem Experiment mit wild lebenden Schimpansen konnte Anne Marijke Schel von der Universität Utrecht zeigen, dass ein Schimpanse beim Anblick der vermeintlichen Schlange vor allem dann seine Alarmrufe hören ließ, wenn nichts ahnende Artgenossen in der Nähe waren.


Außerdem wurden Freunde häufiger gewarnt als Fremde, ranghohe Bekannte öfter als rangniedere. "Die Schimpansen scheinen ihre Rufe also unter taktischen Gesichtspunkten zu produzieren", schreiben die Autoren im Fachblatt Plos One. Außerdem schauten sich die Affen um, ehe sie zu ihren Warnrufen ansetzten: "Ist irgendjemand hier, der noch nicht Bescheid weiß?" Häufig warnten die Schimpansen so lange, bis sie sich durch Blickkontakt vergewissert hatten, dass die Botschaft bei allen Zuhörern angekommen war, und stellten die Warnrufe dann ein.

"Das war einer der seltenen Momente, in denen ein Schimpanse sich dafür interessiert, welche Sicht der Dinge ein Artgenosse hat", sagt Zuberbühler, der an der Studie beteiligt war. Es sei schwierig zu erkennen, ob die Tiere in anderen Situationen diese geistige Leistung nicht schaffen, oder ob sie schlicht keinen Vorteil darin sehen. "Das grundlegende Interesse am anderen ist etwas Menschentypisches", sagt Zuberbühler. Im Unterschied zu allen anderen Lebewesen gilt allein für den Homo sapiens: Er kann nicht nur erzählen - vor allem will er auch. So betrachtet könnte es erstaunlich banal sein, was den Menschen ausmacht. Niemand sonst fragt: "Wie war dein Tag?"


Nota. - "Das grundlegende Interesse am Anderen ist etwas Menschentypisches" - da hat wohl ein Wissen-schaftler seiner Sentimentalität den Vortritt gelassen. Das Interesse am Andern - wie geht es dir, was empfin- dest du im Hier und Jetzt? - hatten alle Tiere, bevor sie die ersten gestischen oder tonalen Symbole erfanden, längst in Mimik und Körpersprache gepackt, wo sie nicht nur ausreichen, sondern sogar deutlicher sind als Worte, die lügen können. 

Gleich fällt auch die Rolle der sozialen Kommunikation beim Nahrungserwerb ein, namentlich der gemeinsamen Jagd. Doch so viele Tierarten jagen in Gruppen, ohne auf Worte angewiesen zu sein!

Wie geht das? 

In den Umwelten, in denen sie sich seit Jahrtausenden eingerichtet haben, hat alles, was begegnet, seine angestammte Bedeutung. Eigentlich verständigen muss man sich da nicht, sondern allenfalls auf das eine oder andere hinweisen. Die Kommunikation ist rein demonstrativ, zum Fragen, Erwägen und Verneinen gesteht kaum Anlass.

Ganz anders unsere Vorfahren, als sie sich auf die Hinterfüße stellten und ihre angestammte Urwaldnische im afrikanischen Graben verließen. Sie hatten nicht eine Nische gegen eine andere Nische getauscht, sondern hatten sich als Vaganten eine weite Welt eröffnet, in der nichts eine angestammte Bedeutung hatte, wo man für alles eine Bedeutung erst neu erfinden musste - und sich mit andern darüber austauschen. Dafür ist die Entwicklung von komplexer artikulierter Sprache nötig. Es geht um die Verständigung über die Bedeutungen in der Welt. Und kein anderes Lebewesen braucht das; nur wir.
JE