Sonntag, 10. Dezember 2017

Hinweis für neue Leser.




Dies Blog wird gelegentlich auch von Lesern besucht, denen die transzendentale Denkweise ganz neu ist. Darum dieser Hinweis:

Hier ist nicht die Rede davon, wie in der wirklichen Welt 'Stoff' entsteht. Es geht vielmehr darum, wie die Vor- stellung von einem Stoff ins Bewusstsein gelangen kann.

Es ist auch keine (neuro-)psychologische Beschreibung dessen, was im Bewusstsein tatsächlich vor sich geht; sondern es ist eine Erklärung dafür, wie es zu einem Bewusstsein überhaupt erst kommen kann - was logi- scherweise im Bewusstsein gar nicht auftaucht, weil es ihm vorausging.

Auch dann noch sei die Vorstellung von einem Ich, das erst ein Nicht-Ich 'setzt', um ihm dann eine Tätigkeit zumessen zu können, die seiner eigenen so vollkommen entgegengesetzt ist, dass sie einander 'aufheben', und lediglich als 'Spur' ein toter Stoff übrigbleibt... - sei diese Konstruktion noch immer zu gewaltsam, um dem gesunden Menschenverstand (von dem Fichte anders als andre Philosophen eine gute Meinung hatte) irgend einleuchten zu können? - Dann sei erinnert, dass die wirkliche, empirische Geschichte des menschlichen Geistes dazu eine verblüffende Analogie bietet: Die früheste Bewusstseinsverfassung von Homo sapiens ist der Animis- mus, der eben darin besteht, allem, was nicht Ich ist, dieselbe Wirkungsmächtigkeit zuzuschreiben wie mir selbst, und die Vorstellung von einem toten Stoff kann erst eintreten, nachdem beide Seiten - ich und das Andere - ihres Tätigkeitscharakters entkleidet und zu statisch Seienden objektiviert wurden.


Nein, die Transzendentalphilosophie ist keine besonders gewitzte Interpretation der von der historischen Anthropologie rekonstruierten Mentalitätsgeschichte unserer Gattung. Doch wenn sie  überhaupt etwas taugen soll, dann muss sie fähig sein, in die unter historischen Kontingenzen verschüttete Geistesgeschichte ihr 'prag- matisches' Licht zu werfen. Sie 'begründen' einander nicht. Aber wenn sie einander desavouieren würden, wäre das schlecht - nicht, wie Hegel meinte, für die Tatsachen, sondern für die Philosophie.


25. Februar 2014



Nota.
Das obige Foto ist nicht von mir, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Besitzer dieses Fotos sind und seiner Verwendung an dieser Stelle nicht zustimmen, bitte ich Sie um Ihre Mitteilung.

Hinweis für neue Leser.




Dies Blog wird gelegentlich auch von Lesern besucht, denen die transzendentale Denkweise ganz neu ist. Darum dieser Hinweis:

Hier ist nicht die Rede davon, wie in der wirklichen Welt 'Stoff' entsteht. Es geht vielmehr darum, wie die Vor- stellung von einem Stoff ins Bewusstsein gelangen kann.

Es ist auch keine (neuro-)psychologische Beschreibung dessen, was im Bewusstsein tatsächlich vor sich geht; sondern es ist eine Erklärung dafür, wie es zu einem Bewusstsein überhaupt erst kommen kann - was logi- scherweise im Bewusstsein gar nicht auftaucht, weil es ihm vorausging.

Auch dann noch sei die Vorstellung von einem Ich, das erst ein Nicht-Ich 'setzt', um ihm dann eine Tätigkeit zumessen zu können, die seiner eigenen so vollkommen entgegengesetzt ist, dass sie einander 'aufheben', und lediglich als 'Spur' ein toter Stoff übrigbleibt... - sei diese Konstruktion noch immer zu gewaltsam, um dem gesunden Menschenverstand (von dem Fichte anders als andre Philosophen eine gute Meinung hatte) irgend einleuchten zu können? - Dann sei erinnert, dass die wirkliche, empirische Geschichte des menschlichen Geistes dazu eine verblüffende Analogie bietet: Die früheste Bewusstseinsverfassung von Homo sapiens ist der Animis- mus, der eben darin besteht, allem, was nicht Ich ist, dieselbe Wirkungsmächtigkeit zuzuschreiben wie mir selbst, und die Vorstellung von einem toten Stoff kann erst eintreten, nachdem beide Seiten - ich und das Andere - ihres Tätigkeitscharakters entkleidet und zu statisch Seienden objektiviert wurden.



Nein, die Transzendentalphilosophie ist keine besonders gewitzte Interpretation der von der historischen Anthropologie rekonstruierten Mentalitätsgeschichte unserer Gattung. Doch wenn sie  überhaupt etwas taugen soll, dann muss sie fähig sein, in die unter historischen Kontingenzen verschüttete Geistesgeschichte ihr 'prag- matisches' Licht zu werfen. Sie 'begründen' einander nicht. Aber wenn sie einander desavouieren würden, wäre das schlecht - nicht, wie Hegel meinte, für die Tatsachen, sondern für die Philosophie.


25. Februar 2014



Nota.
Das obige Foto ist nicht von mir, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Besitzer dieses Fotos sind und seiner Verwendung an dieser Stelle nicht zustimmen, bitte ich Sie um Ihre Mitteilung.

Samstag, 9. Dezember 2017

Die Erkennbarkeit der Welt.


daniel stricker  / pixelio.de 

Wenn in dem beständigen Flusse aller Dinge nichts Festes, Ewiges beharrte, würde die Erkennbarkeit der Welt aufhören und Alles in Verwirrung stürzen.
________________________________________________________________________________
Gottlob Frege, Die Grundlagen der Arithmetik. Eine logisch-mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl.  
Breslau 1884, Vorwort, S. VII


Nota. - Richtig musste es heißen: Damit die Welt erkennbar wird und nicht Alles in Verwirrung bleibt, müssen wir ihr etwas Festes, Ewiges, Beharrendes voraussetzen
 
Dass die Welt erkennbar sei, ist eine dogmatische Voraussetzung. Kritisch lässt sich nicht einmal darlegen, was 'erkennen' bedeuten soll. Die Erkennbarkeit kann richtiger Weise nur problematisch angenom-men werden; prag- matisch: indem man etwas versucht und zusieht, was sich damit anfangen lässt. Und zum Beispiel stellt man fest: Ich muss voraussetzen, dass der Welt etwas Festes, Ewiges zu Grunde liegt, wenn ich in ihr etwas 'verstehen' will. 

Der Beweis: Die gegenteilige Annahme hat Heraklit womöglich zu einer heroisch-nihilistischen Lebenshaltung verholfen; aber nicht zu praktikablen Erkenntnissen. Die (wiederum umgekehrte) Prämisse der Eleaten hat auch zu keinen brauchbaren Erkenntnissen geführt. Aber auf die konnte Platon zurückkommen, und so ent- stand allmählich Wissenschaft.

30. 9. 15 



PS. Erkennen heißt, etwas Unbekanntes zu einem als bekannt Vorausgesetzen in ein logisches Verhältnis setzen. Das erste empirisch Unbekannte - das ist die ganze Welt - kann dabei nur zu einem logisch als bekannt Behaupteten in ein Verhältnis gesetzt werden. Ein Absolutes kann dies logisch Vorausgesetzte nicht sein, denn wäre von ihm etwas bekannt, wäre es nicht absolut.
JE
 








Donnerstag, 7. Dezember 2017

Philosophieren im Internet?


aus Tagesspiegel.de, 6. 13. 2017

Soziale Medien in der Wissenschaft
Bloggen kann befreiend wirken 
Bloggen oder nicht? Geisteswissenschaftler können darüber trefflich streiten. Für die einen ist es eine Befreiung, andere fürchten, die wahre Wissenschaft komme zu kurz.

Von Miriam Lenz

Bloggen und komplexe Gedanken in aller Kürze darstellen? Das hält die Historikerin Mareike König für geradezu „heilsam“. Das mag erstaunen, sind Geisteswissenschaftler doch oft eher bekannt für langatmige Ausführungen. Für König, die am Deutschen Historischen Institut Paris forscht, stellt wissenschaftliches Bloggen jedoch eine Art Befreiung dar, insbesondere für Nachwuchswissenschaftler. Denn es biete die Möglichkeit, seine Gedanken erst einmal in einem kürzeren, formal nicht so reglementierten Rahmen wie einer Fachzeitschrift auszuprobieren. Zugleich fördere Bloggen den wissenschaftlichen Austausch und mache Forschungsergebnisse sichtbarer, sagt König.
 

Blogs und soziale Medien wie Facebook und Twitter haben nicht nur die Medienlandschaft und Alltags- kommunikation verändert, sondern auch die Wissenschaftsvermittlung. Doch welche Chancen und Her- ausforderungen bieten diese neuen und kürzeren Kommunikationsformen eigentlich für die Geisteswissen- schaften, die traditionell einen Schwerpunkt auf Diskurse statt reiner Faktenvermittlung legen? Dies disku- tierte die Historikerin König jetzt mit drei weiteren Vertretern aus den Geisteswissen- schaften und Medien in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Fehlendes Bewusstsein für das Potenzial der neuen Medien

Auch für Anna-Lena Scholz, Redakteurin bei der „Zeit“ und promovierte Germanistin, haben die neuen Kommunikationsformen großes Potenzial für die Vermittlung geisteswissenschaftlicher Forschung. Doch Geisteswissenschaftlern sei häufig gar nicht bewusst, wie groß das Interesse an ihrer Forschung in der Gesellschaft sei. Sie sähen somit auch keinen Grund, die neuen Kommunikationsformen zu nutzen. In dieser Hinsicht müsse sich noch viel ändern.


Aber geht durch Verkürzung und Vereinfachung nicht auch Substanz und Präzision verloren? Das denkt Michael Meyer, Professor für Prähistorische Archäologie an der FU. Als Einziger in der Runde stand er der wissenschaftlichen Nutzung sozialer Medien und Blogs kritisch gegenüber. Zwar zwinge einen ein begren- zender Rahmen auch, Gedanken auf den Punkt zu bringen, was durchaus positiv zu bewerten sei, sagte Meyer. Die Flüchtigkeit digitaler Medien verleite einen jedoch häufig dazu, etwas zu veröffentlichen, zu dem man in fünf Jahren vielleicht nicht mehr stehe.

Ein realistischeres Bild der Wissenschaft

Dem widersprach Mareike König scharf. Denn gerade das Prozesshafte, das Lernen aus Fehlern, das Subjektive seien das Wesentliche von Wissenschaft und Forschung. All das zeige sich in Blogbeiträgen mehr als in klassischen wissenschaftlichen Kommunikationsformen wie Monografien. Ekkehard Knörer, Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“, stimmte König zu. Durch das wissenschaftliche Bloggen entstehe ein realistischeres Bild der Wissenschaft. Mit dem Blog zu seiner Zeitschrift wolle er den Austausch zwischen akademischer geisteswissenschaftlicher Welt und interessiertem Laienpublikum fördern.

Oftmals würde unterschätzt, wie viel Zeit auch kurze Veröffentlichungen wie Blogbeiträge kosten, wandte Meyer ein. Zeit, die für die Arbeit an Publikationen für klassische wissenschaftliche Medien wie Fachzeit- schriften dann fehle. Anna-Lena Scholz forderte, Universitäten und Fachverbände müssten daher Ressourcen für diese neue Form der Wissenschaftskommunikation bereitstellen und Wissenschaftler dabei unterstützen. Das fand großen Zuspruch auf dem Podium und im Publikum. Wie eine solche institutionelle Unterstützung neuer Wissenschaftskommunikationsformen aussehen könnte, blieb bei der Diskussion allerdings offen


Nota. - Was ist denn die 'reguläre' Alternative zum Bloggen? Die Fachjournale? Es hängt von so vielen Umständen ab, ob man dort je einen Beitrag untergebracht kriegt, dass man vorab alles, was Anstoß erregen könnte, rausstreicht - mit der Folge, dass das meiste, das schließlich doch erscheint, ledern, langweilig und konventionell ist; mit andern Worten: nicht gelesen wird! Um gelesen zu werden wurde es auch gar nicht verfasst, sondern um gedruckt und - zitiert zu werden. 

Zwischen dem Verfassen und dem Erscheinen eines Beitrags können Jahre vergehen, es empfiehlt sich, auch alles wegzulassen, was einen aktuellen Bezug haben könnte. Wissenschaftliche Fehden, die Aufsehen erregen, finden so nicht mehr statt. Und wieder wird vom Ende der Geisteswissenschaften geraunt...

Das Internet und die Blogosphäre (nicht Twitter und Facebook) sind für die Geisteswissenschaften und namentlich die Philosophie ein Geschenk der Götter. Das wirkliche Problem dieser Formate ist kein forma- les, sondern ein sachliches - sofern die Philosophie der Sache nach Systematik zu erstreben hat, während das Internet nur fragmentarische Darstellungsformen bietet. Doch mit der Dialektik von Form und Stoff ist es wie verhext; je systematischer eine Philosophie der Sache nach ist, umso mehr widersetzt sie sich der systematischen Darstellung. 

Voilà la boucle bouclée.
JE

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Zum Anfang ein dreifacher Salto.


 

Die jetzt aufgezeigte Handlung* ist thetisch, antithetisch und synthetisch zugleich. Thetisch, inwiefern sie eine - schlechterdings nicht wahrzunehmende - entgegengesetzte Thätigkeit ausser dem Ich setzt. ... Antithetisch, in- wiefern sie durch Setzen oder Nicht-Setzen der Bedingung eine und ebendieselbe Thätigkeit des Ich ihr selbst entgegensetzt. Synthetisch, inwiefern sie durch das Setzen der entgegengesetzten Thätigkeit, als einer zufälligen Bedingung, jene Thätigkeit als eine und ebendieselbe setzt.
_____________________________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen. SW Bd. 1, S. 337f.

*) ['Tathandlung'] 




Dienstag, 5. Dezember 2017

Sein und bedeuten II.


Frans Hals, Jasper Schade van Westrum

Es sei eine allgemeine Quelle unsers Unglücks, daß wir glauben, die Dinge seien das wirklich, was sie doch nur bedeuten, meint Lichtenberg.

Etwas kann nur für Anderes etwas bedeuten. Ich selber bedeute gar nichts, ich kann allenfalls jemandem etwas bedeuten, aber das liegt mehr bei ihm als bei mir. Ich selber bin auch jemand, mir kann auch ich etwas bedeu- ten. Und das ist der Punkt, wo Lichtenberg erst ganz im Recht ist: Es ist ein Unglück, dass so viele meinen, sie seien wirklich, was sie sich selbst bedeuten.



Montag, 4. Dezember 2017

Schweben der Einbildungskraft.


Carl Spitzweg, Drachensteigen

Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunkt; nur die Vernunft setzt etwas Festes, dadurch, daß sie erst selbst die Einbildungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt. ... 

Jenes Schweben eben bezeichnet die Einbildungskraft durch ihr Produkt: sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens, und durch dieses Schweben hervor. ... 

Im praktischen Felde geht die Einbildungskraft fort ins Unendliche, bis zu der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach der vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich ist. ...
_________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 217f.




 

Sonntag, 3. Dezember 2017

Es gibt nichts Unbestimmtes.



Das logisch Unbestimmte ist phänomenal (entwicklungsgeschichtlich, genetisch) ein Zubestimmendes; nicht unbestimmt, sondern bestimmt als ein mit einem Mangel Behaftetes. Es ist als Frage gegeben. Es begegnet nicht als etwas, das im allgemeinen Verweisungszusammenhang der Bedeutungen keinen Platz hat, sondern als eines, dessen Platz noch aufzufinden ist. Es ist (schon) eine Aufgabe. 

Dem Tier begegnet in seiner geschlossenen Umwelt nichts schlechthin Bedeutendes, sondern immer schon ein Dieses-Bedeutendes. Was in seiner Umwelt nichts zu bedeuten hat, begegnet ihm nicht als unbedeutend, sondern begegnet ihm so-gut-wie-gar-nicht. Das Gesamt aller ihm möglichen Bedeutungen ist in seiner Umwelt, als seine Umwelt abgeschlossen. Es ist kein zu realisierender Verweisungszusammenhang, sondern realisiert sich selber als ein Dieses-hier-und-jetzt.

Der logischen Betrachtung erscheint das Reich der Bedeutungen als gegeben, der transzendentalen Betrachtung erscheint es als gemacht.

30. 12. 13 





Samstag, 2. Dezember 2017

Vernunft ist ein Vorurteil.


Klicker, pixelio.de

Vernunft besteht nur darin, dass Menschen meinen, es gäbe für ihr Urteilen ein Maß.* Sie ist das allgemeinst- mögliche Vor-Urteil.
 
*) ...für ihrer Aller Urteilen wohlbemerkt ein Maß.




Freitag, 1. Dezember 2017

Nur das Unmittelbare ist wahr.


 
Nur das Unmittelbare ist wahr: und das Vermittelte ist wahr, inwiefern es sich auf jenes gründet, außerdem Schimäre und Hirngespinst.
____________________________________________
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 139]


Nota. - Unmittelbar ist eigentlich nur der Schein: das Ästhetische. Zugänglich ist es allerdings nicht unmittelbar, sondern nur auf Umwegen. (Das Unmittelbare ist ein Paradox.) 
JE





 

Donnerstag, 30. November 2017

Begriffe waren einmal Bilder.



Begriffe sind durch häufigen Gebrauch abgeschliffene Bilder. Scharf wurden sie dabei nur in der einen Hinsicht, in der andern wurden sie glatt und platt.


Aus e. Notizbuch, im Sept. 10







Mittwoch, 29. November 2017

Gibt es denn Wahrheit?


Sais

Ich meine nicht, dass "es" Wahrheit "gibt". Wer oder was könnte mit "es" gemeint sein? Und was sollte "geben" hier bedeuten?* Dennoch haben alle Sätze, die ich sagen kann, nur dann einen Sinn, wenn ich unterstelle, daß sie wahr sind. Das ist offenbar ein Paradox. Das läßt sich nur... nein, nicht ausräumen, sondern lediglich: vor mir her schieben, indem ich sage, dass es Wahrheit geben soll

Natürlich kann ich aber "den Dingen" nicht vorschreiben, wie oder was sie 'sollen'! Der Satz 'Wahrheit soll sein, weil anders meine Sätze keinen Sinn haben' lässt sich anders formulieren: 'Du sollst reden, als ob es Wahrheit gäbe'. Das ist keine theoretische Tatsachenbehauptung, sondern eine praktische (pragmatische) Fiktion. 

Ob ich diese Fiktion logisch, ethisch oder ästhetisch nenne, ist an diesem fortgeschrittenen Punkt schon gleichgültig. Es gibt allerdings (denkpraktische) Gründe, sie als eine ästhetische Fiktion aufzufassen.

aus e. online-Forum, 29. 9. 07


*) Auf Englisch heißt es there is: Da ist.
Auf Französisch il y a: Da hat es.
Auf Spanisch hay: (Es) hat.
Italienisch: c'è: Da ist 





Montag, 27. November 2017

A und O.



Eine Intelligenz, die so handelt, wie es in der Wissenschaftslehre dargestellt ist, soll vernünftig heißen. 

Zur westlichen Großmacht stieg die Vernunft im siebzehnten Jahrhundert, genau: nach dem Ende des Dreißig- jährigen Krieges auf. Sie sollte an die Stelle der Glaubensbekenntnisse treten, die Europa in Zwietracht und Verheerung geführt hatten. 

Zu uneingeschränkter Herrschaft wollte die französische Revolution sie bringen: Im November 1793 wurde in Notre Dame de Paris statt der christliche Kulte die Fête de la Raison gefeiert. Doch dem Wohlfahrtsausschuss grauste vor ihrer atheistischen Tendenz und setzte ihr im Juni 1794 die Fête le l'Être Suprème entgegen - die Ver- nunft nicht länger als handelndes Subjekt, sondern als Attribut der Gottheit. 

Da hatte in Deutschland die Vernunftkritik bereits begonnen: die Reflexion der Vernunft auf sich selbst, die Frage nach ihrer Reichweite und ihren Bedingungen. Kant war beim Apriori als einem Vorauszusetzenden steckengeblieben. Die Wissenschaftslehre führt auch dieses auf den Voraussetzenden selbst zurück: das tätige Ich. Doch leider ist die Wissenschaftslehre ihrerseits im Atheismusstreit steckengeblieben. Aber der hat sich erübrigt und nichts hindert uns, sie wieder aufzunehmen.





 

Freitag, 24. November 2017

Was lehrt Transzendentalphilosphie?



Transzendentalphilosophie ist keine Lehre von Dingen und Sachverhalten; sondern eine Lehre von Sicht- weisen, die man einnehmen kann und unter gewählten Voraussetzungen einnehmen muss. 

Es kommt also offenbar auf die zu wählenden Voraussetzungen an.





Donnerstag, 23. November 2017

Sein ästhetisches Vermögen ist das ursprünglich Schöpferische im Menschen.



'Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung ... ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung.' 

So habe ich [seinerzeit] aus einem Notizheft zitiert und auf den ursprünglich ästhetischen Charakter des Urtei- lens hingewiesen: 'Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - 'Mal sehen, zu was.''

*

Ich hole aus.

'Beifall und Missbilligung' - damit kennzeichnet der Fichte-Schüler Herbart, der früh mit der Transzendental- philosophie gebrochen hat, um zu den Eleaten (und eigentlich auch Leibniz) zurückzukehren, die Besonderheit der ästhetischen Urteilensweise. - Wie ein Kantianer unterscheidet er das Wissen nicht nach seinen Gegenstän- den, sondern nach der Art und Weise, wie es zustandekommt. Und zwar unterscheidet er Metaphysik und Ästhe- tik. Metaphysisch ist alles Wissen, das durch das An- und Verknüpfen von Vorstellungen zustandekommt; also das ganze Feld des diskursiven Denkens. Ästhetisch nennt er jene Vorstellungen, die notwendig unmittelbar mit einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet sind. Ästhetische Vorstellungen im Bereich der Wil- lensakte nennt er ethisch, Ethik ist ein Teilbereich der Ästhetik. - Dass er Fichte-Schüler war, ist kaum zu über- hören, wenn er es selber auch nicht wahrhaben wollte.


Zurück zum Ur-Sprung der Menschwerdung. Der Mensch, der die Selbstverständlichkeiten seiner Urwald- nische hinter sich gelassen hatte, musste fragen. Die Frage 'Ist es dies?' 'Ist es das?' kommt nie zu einem Ende, wo alles neu ist; wäre aber nur möglich, wenn die Erinnerungen an die verlassene Umwelt bestimmt wären, aber gerade das waren sie nicht - sondern selbstverständlich. 'Kann ich es essen, kann ich es trinken' - so wie noch heute der Franzose fragt - ist eine enge Fragestellung, aber 'Dient es meiner Selbst- und Arterhaltung?' konnte er noch nicht fragen, doch selbst auf die Frage nach der Genießbarkeit gab es nur eine Antwort: Du musst es versuchen. 

Die Versuchung ist es, die Beifall oder Missbilligung heischt, nicht das Ding. Die Frage, ob man's wagen soll, lässt sich aus Begriffen (noch) nicht entscheiden, sie muss intuitiv gefunden werden, in der Anschauung selbst. Es ist ein - ästhetisches Urteil.



Das ist Anthropologie, nicht Transzendentalphilosophie. Aber sie steht unter der Aufsicht der Transzendental- philosophie. Sie hat nicht zu beweisen - aus welche Dokumenten denn ? -, weshalb dieses so und nicht anders kommen musste. Sondern sie muss ausschauen, ob Bedingungen gegeben sind, an die sie sinnvoll ihre Fragen stellen kann. Die Fragen kommen woher? Aus dem, was uns phänomenal als 'das Menschliche' vorliegt. Die Bedingungen, das ist das Wenige (das aber immer mehr wird), was uns die Paläontologie versichern kann.

Wir haben gedacht, das spezifisch Menschliche, das uns phänomenal vorliegt, sei die Intelligenz. Von der wissen wir inzwischen, dass sie reichlich auch überall im Tierreich schon vorkommt, unsere Vorsprünge sind überall nur graduell. Auch dass Versuchungen an uns treten, ist nichts Spezifisches. Das wird Tieren auch passieren, und da zeigt sich, dass schon bei ihnen persönliche Lebenserfahrung ein Rolle spielt. Ansonsten sind Versuchungen für das Tier wie eine Lotterie.

Aber der Mensch will spielen. Er sucht die Versuchung, er bleibt sein Leben lang neugierig wie sonst nur die Kinder, er steht allezeit vor der Frage, ob ihn das Abenteuer lockt oder die Gefahr ihn schreckt. Früher war er Jäger. In der Arbeitsgesellschaft konnte er das nicht bleiben, darum hat sie den Phänotypus des Künstlers her- vorgebracht. So kam das ästhetische Vermögen zu seinem vorläufigen Bestimmungspunkt.

Das ist die Frage und die Antwort.


1. 12. 14




Mittwoch, 22. November 2017

Die Frage nach dem Sinn des Lebens.



Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach, vor der Frage flüchtet er.
_______________________________________________________
Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a. M., 1997, S. 369


Nota. - Ich würde im Gegenteil sagen: Der Sinn des Lebens ist, dass du danach fragst.
JE





Dienstag, 21. November 2017

Philosophie ist keine Gleichung.


 mykenisch, 14. Jhdt. v. Chr. 

Philosophie ist keine Gleichung, sondern eine Metapher.
27. 11. 14

Streng genommen ist sie daher eine Ungleichung; sie handelt mehr vom Sollen als vom Sein.





Sonntag, 19. November 2017

Der Mensch kann raten.


Wahrsagerin
 
Auch einem Tier begegnen wohl Situationen, die noch nie vorgekommen sind. Versucht es dann sein Glück?

Nicht eigentlich. Es tut irgendwas, oder auch nichts; was bleibt ihm übrig? 

Der Mensch versucht. Er "stellt sich was vor" und handelt so, wie er es getan haben würde, wenn es wirklich so wäre. Er rät.

Bislang habe ich Max Schelers Satz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, zu vervollständigen gemeint in der Formel: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er fragen muss. Vollständiger wird er aber so: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er raten muss, nachdem er gefragt hat. 

Die Antwort, die er sich nur selber geben konnte, muss er versuchen.  

6. 12. 14

Zwei Arten, vom Begriff zu reden.



Ein Thema der gegenständlichen (reellen) Philosophie ist, wie und wozu die Begriffe zu verwenden sind.
Das ist nicht Sache der Transzendentalphilosophie. Die fragt, wie und woher Begriffe entstehen.






Samstag, 18. November 2017

Einbildungskraft.


  knipseline  / pixelio.de

Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt - ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und dadurch sich selbst reproduziert, indem das Ich Un- vereinbares vereinigen will, jetzt das Unendliche in die Form des Endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurück- getrieben, es wieder außer derselben setzt, und in dem nämlichen Momente abermals es in die Form der Endlich- keit aufzunehmen versucht - ist das Vermögen der Einbildungskraft.
_________________________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 215




Freitag, 17. November 2017

Anschaubar wird meine Tätigkeit nur durch den Widerstand, auf den sie trifft.


Kunstart.net  / pixelio.de  

Handlung ist Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit des Ich anschaubar wird.
_____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 63


Nota. - Nur, was anchaubar ist, ist etwas: Erst durch Handeln wird der Widerstand, der der Tätigkeit geschieht, etwas. Das Handeln ist absolut; es ist der Grund von allem Sein und Gelten.
JE.

Donnerstag, 16. November 2017

Wie ist Erfahrung möglich?


Lothar Sauer

Dass ich mir überhaupt etwas bewusst werden kann, davon liegt der Grund in mir, nicht in den Dingen. Ich bin mir Etwas bewusst; das einzige Unmittelbare, dessen ich mir bewusst bin, bin ich selbst; alles andre macht die Bedingungen meines Selbstbewusstseins aus. Vermittelst des Selbstbewusstseins mache ich mir die Welt bewusst.
 

Ich bin mir Objekt des Bewusstseins nur im Handeln. Wie ist die Erfahrung möglich? heißt: Wie kann ich mir meines Handelns bewusst werden? Auf die Beantwortung dieser Frage geht alles aus, und wenn sie beantwortet ist, so ist unser System geschlossen.
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 101




Mittwoch, 15. November 2017

Die Vermittlung zwischen dem Transzendentalen und dem Realen ist das Ästhetische.


André Kertész, 1929
 
Die soeben beschriebene... Philosophie steht auf dem transzendentalen Standpunkt und sieht von diesem auf den gemeinen Gesichtspunkt herab; das ist das Wesen der transzendentalen Philosophie, dass sie nicht will Denkart im Leben werden, sondern zusieht einem Ich, welches im Leben ein Denksystem zustandebringt, sie schafft selbst nichts. Dieses Ich steht auf dem gemeinen Standpunkt. ...

Der Mensch kann sich auf den transzendentalen Standpunkt erheben nicht als Mensch, sondern als spekulativer Wissenschaftler. Es entsteht für die Philosophie selbst ein Anstoß, in ihr ihre eigene Möglichkeit zu erklären. Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten; - Frage über die Möglichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetztes. Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unsern eignen Grund- sätzen kein Mittel, zu ihm über/zugehen. 

Es ist faktisch bewiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und der gemeinen Ansicht: dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichts- punkt erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen [als] gemacht (alles in mir), auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben so als ob wir sie ge- macht hätten und wie wir selbst sie machen würden. [vide Sittenlehre, von den Pflichten des ästhetischen Künstlers] 
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 243f.
 
 
Nota. - Weder das Reale noch das Transzendentale gibt es an sich, und ebensowenig das Ästhetische. Es sind alles nur Anschauungsweisen und Gesichtspunkte, die man einnehmen kann in Freiheit (freilich: einen von ihrn muss man einnehmen, wenn immer man wahrnehmen will.) 

Also nicht das Ästhetische ist ein Mittelding; sondern lediglich ein Übergang, wenn ich von dem einen Gesichts- punkt zum andern wechseln will. Vom transzendentalen zum realen: Natürlich - wenn ich aus dem Zustand der Reflexion auf meine Tätigkeit in den Zustand der Tätigkeit unter den Dingen selbst zurückkehren will, stoße ich als erstes auf deren äußeren Schein. Umgekehrt ist es nicht ganz so natürlich. Wenn ich mich aus meiner Tätig- keit unter den Dingen zu meiner bloßen Vorstellung meiner Vorstellung zurückziehen will, muss sich allererst von der Gegenständlich-, nämlich Widerständigkeit der Dinge gegen meine Zwecke abstrahieren, indem ich meine Zwecke selbst außer Acht lasse - und von den Dingen ihren bloße Schein zurückbehalte.

Und drittens kann ich beides tun und dabei auf den Abschluss des Übergangs verzichten; im Übergang schwe- bend verharren. Das wäre Schillers ästhetischer Zustand oder, nach Fichte, der Standpunkt des ästhetischen  Künstlers.
JE



Dienstag, 14. November 2017

Quintessenz der Vernunft.



1. Das Leben hat einen Zweck.

2. Wie immer er zu bestimmen ist - wenn ich ihn erfülle, ist er auf jeden Fall ein Gewinn; wenn ich ihn verfehle, ist das Leben vergeudet.


3. Sinn des Lebens ist Gewinn. 


Nota. - Ob es Vernunft gibt, mag strittig sein. Aber ein Vernunftzeitalter hat es unstreitig gegeben. Was haben sie sich damals darunter vorgestellt? Und wenn es ein solches Zeitalter gab - was ist daraus geworden, und warum? Dauert es womöglich an? 

Die erste Frage ist eine historisch-theoretische. Die zweite nicht.













Montag, 13. November 2017

Transzendentalphilosophie in zwei Sätzen.


Luke Hillestad, Echo

Was in der Intelligenz ist, ist Bild und nichts anderes. - Wir sehen alles in uns, wir sehen nur uns, nur als handelnd, nur als übergehend vom Bestimmbaren zum Bestimmten.
__________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 54
 

Das ist die knappste Zusammenfassung der Wissenschaftslehre, die ich mir denken kann.
JE







Sonntag, 12. November 2017

Transzendental oder ideal.


Lupo  / pixelio.de

...einer sonderbaren Verwechselung. Es ist die des Ich als intellektueller Anschauung, von welchem die WL aus- geht, und des Ich als Idee, mit welchem sie schließt. Im Ich, als intellektueller Anschauung, liegt lediglich die Form der Ichheit, das in sich zurückgehende Handeln, welches freilich auch selbst zum Gehalte desselben wird... 

Das Ich ist in dieser Gestalt nur für den Philosophen, und dadurch, daß man es faßt, erhebt man sich zur Philo- sophie. Das Ich als Idee ist für das Ich selbst, welches der Philosoph betrachtet, vorhanden; und er stellt es nicht auf als seine eigene, sondern als Idee des natürlichen, jedoch vollkommen ausgebildeten Menschen... 
_____________________________________________________
J. G. Fichte, Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, S. 517





Samstag, 11. November 2017

Das absolute Postulat.




Was tu ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophieren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zu Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne, sondern innere Beschaffenheit – Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muss also bei einem absoluten Grunde endigen. 

Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, was doch nur relativ gestillt werden könnte – und darum nie aufhören würde. 

Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche freie Tätigkeit in uns – das einzig mögliche Absolute, was uns gegeben werden kann und das wir durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebene Absolute lässt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, dass durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen. 

Das ließe sich ein absolutes Postulat nennen.
________________________________________________________
Novalis, "Fichte-Studien", in Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172



Donnerstag, 9. November 2017

Der harte Kern der Wissenschaftslehre.


Petra Bork  / pixelio.de

Anschauung des Wirklichen ist nur möglich durch Anschauung eines wirklichen Handelns des Ich, also alle Er- fahrung geht aus vom Handeln. Ist kein Handeln, so ist keine Erfahrung, und ist diese nicht, so ist kein Bewusst- sein. 

Nur meiner Tätigkeit kann ich mir bewusst werden, aber ich kann mir derselben nur bewusst werden als einer beschränkten. Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen aus Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. Im Handeln erst komme ich auf Objekte. Der Urgrund alles Wirklichen ist daher die Wechselwirkung oder Vereinigung des Ich und NichtIch.  

Das NichtIch ist sonach nichts Wirkliches, wenn es sich nicht auf ein Handeln des Ich bezieht, denn nur durch diese Bedingung und Mittel wird es Objekt des Bewusstseins. Dadurch wird nun das Ding an sich für immer aufgehoben.
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nach J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodoHamburg 1982, S. 60f.





Mittwoch, 8. November 2017

Real sind nicht die Dinge, sondern ihre Wechselwirkung.



 

Der Kritische Idealismus ist kein Materialismus oder Dogmatismus. Kein Materialismus, der von Dingen ausgeht, kein Idealismus, der von einem Geiste als Substanz ausgeht. Kein Dualismus, der vom Geist und von den Din- gen an sich als abgesonderten Substanzen ausgeht. Der kritische Idealismus geht aus von ihrer Wechselwirkung als solcher, oder als Akzidenz beider (Substanz und Akzidenz sind Formen unseres Denkens.) Dadurch wird er der Notwendigkeit enthoben, eines von beiden zu leugnen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 62


Nota. - Nicht was ist wird wahrgenommen, sondern was geschieht. Eine Sonderung durch Entgegensetzen ge- schieht erst in der Reflexion durch Bestimmung.
JE