Samstag, 30. Dezember 2017

Schreckliche Vereinfacher.

Malevitch, Carré noir 

Denken heißt vereinfachen. 

Wir nehmen keine 'Dinge' wahr. Auf unser Sensorium prasselt ohne Pause ein Sturzflut aller erdenklichen Reize ein. Nicht alle werden wohl an die Zentrale weiter geleitet: Redundanz betäubt. Und nicht alle kommen in der Zentrale an – weil die nämlich vorab schon filtert, was des Bemerkens wert ist und was nicht.

Noch bevor übrigens gedacht wurde. Die Stammesgeschichte hat unser Gehirn mit Regionen ausgestattet, die nur bei Homo sapiens vorkommmen – weil die dort verarbeiteten Informationen für die Lebenswirklichkeit von Homo sapiens von Belang sind, aber für andere Lebensformen nicht. Und jeder von uns bringt eine ganze Masse von Verschaltungen zwischen den Regionen fix und fertig mit auf die Welt, teils als die materialisierte Kollektiv- erinnerung unserer Gattung, teils – und keiner weiß, in welchem Maße – als individuelle Erbschaft.

Sie alle sind mit Vereinfachung beschäftigt.

Aber nun erst das Denken selbst! Es handelt sich – nach der unwillkürlichen, genetisch vorgegeben Auslese – um die willkürliche Anordnung der wahrgenommenen Gegebenheiten auf eine vorgängige Absicht hin. Nichts wird "nur so" wahrgenommen. Auch die zweckfreie ästhetische Betrachtung geschieht "um etwas willen" – um ihrer selbst willen, anders fände sie nicht statt. Für wahr wird nur das genommen, was in einem irgend erkennbaren Verhältnis zur Absicht steht; und im Erkennen unerwarteter und verborgener Verhältnisse zeichnet sich Intelligenz aus (Humor+Gedächtnis).

Das gilt für das alltägliche Denken des gesunden Menschenverstands nicht minder als für die Wissenschaft. Und namentlich die Philosophie. Man kann, ohne einen allzu großen Schnitzer zu riskieren, sagen: Philosophieren heißt vereinfachen. Die subtilen Distinktionen der Schulphilosophie sind nicht der Zweck des Philosophierens, sondern sein Mittel. Die historisch-philologische Arbeit bereitet der Philosophie ‘nach dem Weltbegriff’, wie Kant es nennt, das Material zu. Der Sinn ist immer: Ordnung in das Mannigfaltige bringen; festlegen, was das Wichtige sein soll und was hintan gestellt werden darf. Und zwar so, dass im Idealfall eine einfache Frage übrig- bleibt, die mit ja oder nein zu beantworten wäre. Es ist, in einem Akt, das Abstrahieren vom Zufälligen und das Reflektieren auf das Notwendige.

Eine Anwort auf eine philosophische Frage von Erheblichkeit kann erst dann richtig sein, wenn sie einfach ist. (Sie kann allerdings auch dann noch falsch sein.)

in 2009


Absicht und Vereinfachung.

K. Malevitch, Schwarzer Kreis, 1923

Einfachheit ist kein Attribut des Wirklichen. Im Gegenteil, auszeichnendes Merkmal der Erscheinungswelt ist - von den Eleaten bis Kant - das Mannigfaltige. Das Einfache 'gibt es' immer nur als Erzeugnis einer Denkarbeit. Es ist Ergebnis des Prozesses von Reflexion und Abstraktion. Es handelt sich wohlbemerkt um ein und denselben Prozess: Wer auf das Eine absieht, sieht dabei von dem Andern ab.

Das Ein-fache, das dabei zustande kommt, ist ein Ein-seitiges, gewiss doch: Es ist ja Resultat einer Absicht. Ist die Absicht gerechtfertigt, so ist es auch die dazu gehörige Einseitigkeit. 'Kritisch'  ist das Denken nicht, wenn es Einseitigkeit vermeidet; denn ohne Vereinfachung ist gar kein Denken. Sondern indem es die zu Grunde liegen- de Absicht ausspricht und ihre Berechtigung prüft. Rechtfertigen kann sich die Absicht aber wieder nur durch ihr Ergebnis.

6. 12. 13 


Nachtrag. Das Ergebnis einer gelungenen Vereinfachung nennen wir Modell oder Schema.






Freitag, 29. Dezember 2017

Teilen und mitteilen und ihre Voraussetzung.


pixabay

Wenn ich die Sache als Eine und einzelne ansehe, ist sie nicht mitteilbar, weil sie nicht teilbar ist. Mitteilbar würde sie, wenn ich sie als - ein und dieses - Ensemble von Merkmalen ansähe: Das Merkmal, das ich an ihr bemerke, kann ich in meiner Vorstellungen von ihr - und möglichen anderen ihrer Merkmale - ablösen und womöglich an andern Sachen wiedererkennen. Das kann ich mitteilen, indem ich das Merkmal jeweils mit einem Symbol auszeichne.

Wenn ich nun ein Merk-Mal an ihr finde, das ich nie zuvor, noch nie an einer andern Sache bemerkt habe? Dann gibt's nichts zu vergleichen und gibt's nicht mitzuteilen. Dann ist es selbst ein  Einzelnes, ich kann es lediglich anschauen und als Bild in meiner Erinnerung zu behalten hoffen. Kann ich das Bild nachzeichnen, kann ich es nach Hause tragen und einem andern zeigen; um es ihm mitzuteilen, müsste ich es schon noch kopieren. Oder könnte, wenn ich es doch noch an einer andern Sache wiederfinde, mit dem Finger darauf zeigen und sagen: da! 

Dann weiß er, wovon ich rede, und wir können dem einen Namen geben. Den nennt man dann einen Begriff.


*

Es sind die Absichten der Menschen, an denen die Dinge ihre Merkmale bekunden. Nun mag das Merkmal, das 'sich zeigt', ein Singulum sein. Aber meine Absicht ist es nicht, sie lebt zusammen mit vielen ihresgleichen, die sich wiederum nur durch die Merkmale unterscheiden lassen, an den Dingen hervor bringen. Was trinkbar ist, weiß ich zwar nur, weil ich Durst habe, aber was Durst ist, weiß ich nur, weil ich weiß, was trinken ist. Wohl- bemerkt: Ich hätte ihn wohl auch, wenn ich nie erfahren könnte, was trinken ist, wenngleich nur drei Tage lang; aber ich wüsste nicht, was er ist!

Es ist also nicht möglich, von den Absichten der Menschen unmittelbar, ohne Umweg über die Sachen und die Merkmale, die sie aufweisen, zu den Begriffen zu kommen, denn ohne sie ließen sich die Absichten nicht be- stimmen; aber da mussten sie sein, sonst wäre nichts zur Erscheinung gekommen.

*

Das ist eine Kurzfassung der Wissenschaftslehre.







Donnerstag, 28. Dezember 2017

Singulär und individuell.


Martin Jäger, pixelio.de

Eine Sache-selbst ist immer singulär und individuell. Sie ist nicht teilbar und nicht mit-teilbar. Man kann lediglich (auf) sie zeigen. Sie "symbolisiert" sich-selbst. Das gilt auch für Sach-Verhalte, sofern sie gedacht werden als bloß summative Koexistenz mehrer Sachen im Raum und in der Zeit. Sofern sie aber gedacht werden als ein Wirk- verhältnis, als eine Beziehung, die 'mehr' ist als eine Summe, so ist dies eine Bedeutung, die den Sachen zu-gedacht wird. 

Das gilt freilich schon für die Annahme, dass "es" die Sache als Singulum "gibt". Denn diese Annahme ist bereits ein abstraktives Urteil. Im bloßen Merken kommt lediglich ein ungeschiedener Fluss von Sinneseindrücken vor. Das Herausheben eines Komplexes von Sinneseindrücken als diese Sache ist ein Auf-Merken: das Zuschreiben einer Bedeutung. Als solche lässt sie sich allerdings symbolisieren.
aus e. Notizbuch, 1992

Merke: Im Symbol sind keine Sachen dargestellt, sondern Bedeutungen.





Mittwoch, 27. Dezember 2017

Was Wahrheit wirklich ist.

Joujou, pixelio.de

Die Auflösung des Problems der Wahrheit ist ziemlich schlicht - aber leider auch wieder nur ein Problem. 

Nämlich so: Wahrheit ist gar nichts, das ist, sondern das, was gelten soll. Sie liegt gar nicht in den Dingen selbst, sondern in unseren Urteilen. Nämlich so, dass ich gar nicht urteilen könnte, wenn ich nicht voraussetzte, dass "es" Wahrheit 'gibt' - wohl wissend, dass "es" ein solches Es gar nicht 'gibt'. Wahrheit ist eine Fiktion. Aber keine, auf die ich, wenn's beliebt, auch verzichten könnte. Der umgekehrte Satz 'Wahrheit gibt es nicht' ist nämlich sinn- los. Indem der Satz offenbar beansprucht, wahr zu sein, widerspricht seine Form dem Inhalt. (Kommunikations- theoretiker reden von der Meta-Ebene im Unterschied zu der Objekt-Ebene.)*

Der theoretische Widerspruch, dass "es" einerseits Wahrheit nicht 'gibt', und "es" andererseits Wahrheit schlech- terdings 'geben soll', lässt sich nur praktisch heben: Die Wirklichkeit der Wahrheit 'besteht' immer nur darin, dass ich nach ihr frage. Sie ist ein schöner Schein; aber ein unumgänglicher.
 

aus e. online-Forum, in 2007

*) ein 'performativer Widerspruch', sagen die Sprechakttheoretiker...






Dienstag, 26. Dezember 2017

Der Sinn des Wahren.



Nach der Wahrheit wurde erst gefragt, als ein Sinn sich nicht mehr von selbst verstand.

Mit dem Verblassen des Mythos traten Sinn und Wahrheit auseinander. Und zwar so, dass im Wahren der Sinn gesucht wurde: das Eine um des Andern willen.



 

Sonntag, 24. Dezember 2017

Ist philosophieren Kunst?


Apoll, Neapel
aus Die Presse, Wien,

Die Philosophie gibt die Distanz zur Kunst auf
Verarmen die Ausdrucksformen der Philosophie, weil diese der naturwissenschaftlichen Tradition Platons zu sehr verhaftet ist? In einem Forschungsprojekt wurden Formate ausprobiert, die den Künsten wieder Raum lassen.

  

Kant liegt nach der Lektüre von Nietzsches „Zarathustra“ auf der Couch von Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé. Er sinniert über den berüchtigten Philosophenkollegen, der sein Weltbild erschüttert hat. Das ist eine von 43 unzeitgemäßen Performances des Forschungsfestivals Philosophy on Stage, die im November 2015 im Tanzquartier gezeigt wurden. Die Darstellung war ein Ergebnis, das internationale Wissenschaftler und Künstler im vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Künstlerphilosoph?innen. Philosophie als künstlerische Forschung“ gemeinsam erarbeiteten. 

Ziel des nun mit Oktober beendeten Projekts war, eine neue Form der künstlerischen Forschungspraxis zu entwickeln. Für diese gibt die Philosophie den Anspruch auf, „reine“ Wissenschaft zu sein. „Bereits drei Wochen vor dem Festival waren alle Tickets ausverkauft. Die positiven Rückmeldungen haben uns überwältigt“, sagt Projektleiter Arno Böhler vom Institut für Philosophie der Uni Wien. 


Er wertet das Resultat als einen Erfolg gegen große Widerstände. Denn Böhler will mit seiner Forschung ein neues „Bild des Denkens“ entwickeln, quasi eine neue „Selbstinterpretation des Denkens“ (Deleuze), die Leib und Affektivität inkludiert. Damit stellt er die konventionelle geisteswissenschaftliche Trennung von Gefühlen und Rationalität, Körper und Geist radikal infrage. „Das Denken ändert sich, wenn sich materielle Bedingungen ändern. Also Räumlichkeiten, Stühle, Licht, Darstellung. Philosophen haben selten Expertise auf diesem Gebiet. Wer also hat sie, wenn nicht die Künstler?“, fragt er.

„Frontalunterricht ist falsch“
 
Die Art, wie Philosophie an Universitäten gelehrt und in Konferenzräumen präsentiert wird, hält Böhler für falsch: „Die Vorträge werden oft im Frontalunterricht gelesen. Das kann gar nicht begeistern.“ In der Geschichte der Geisteswissenschaften sei die heutige akademische Philosophie eine Ausnahmeerscheinung: „Diese wurde allerdings globalisiert und hat sich damit an den Universitäten durchgesetzt.“ Die Bedenken gegen die geisteswissenschaftliche Lehre und der bestehende Mangel an philosophischen Ausdrucksformen treiben ihn dazu, die gewohnten Bahnen der universitären Philosophie zu verlassen.

Denn diese hat ihren historischen Ursprung in Platon. Ursprünglich kunstaffin wird Platon nach der Begegnung mit dem Philosophen Sokrates zu einem der erbittertsten Kunstkritiker. Philosophie hat seitdem vor allem naturwissenschaftlichen Maßstäben zu folgen. Von nun an muss man wählen: Entweder ist man Künstler oder Philosoph. „Sobald Philosophie mit künstlerischer Praxis in Verbindung gebracht wird, wird sie denunziert, nicht seriös zu sein. Ein Philosoph sollte, will er als seriös gelten, die nötige Distanz zur Kunst wahren“, so Böhler. „Aber führt nicht gerade diese kategorische Ablehnung anderer Ausdrucksformen zu einer Verarmung der Philosophie?“ Böhler sieht das sokratisch-platonische „Bild des Denkens“ als Defizit unserer Kulturgeschichte – und will dieses mit seinem Projekt dekonstruieren.

Ein ehrgeiziges Unterfangen, das sich 2014 das Ziel gesetzt hat, „einen temporären Lebensraum zu schaffen, der nicht von Ökonomie und Juristerei dominiert ist, sondern von den Künsten und der Philosophie“. Dazu arbeitete Böhler mit der am Max-Reinhardt-Seminar und an der Musikuniversität Wien tätigen Professorin für Rollengestaltung Susanne Valerie Granzer zusammen. Einst habe sie der Mangel an Tiefgang im Schauspielbetrieb zur Philosophie getrieben. Jetzt ist sie eine der treibenden Kräfte hinter Böhlers Forschungsprojekt, das nun nach dreijähriger Laufzeit ausgelaufen ist.

„Was sollen wir nach dem großen Erfolg machen? Als Nächstes die Stadthalle füllen?“, fragen Böhler und Granzer. Um ein unerwartetes Resümee zu ziehen: „Wir wollen wieder kleiner werden!“

v. Honthorst, König David spielt

Nota. - Das ist reklamige Anbiederei. Wenn man eingangs keine Grenzen zieht, wird man hinterher keine finden. Dass Arno Böhler eingangs keine Definition gab, was er unter Kunst verstehen will, darf man ihm nachsehen, denn Begriffe sind nicht das Medium, in dem sie wirkt. Aber mit der Philosophie ist es was anderes. Die wollte Wissenschaft sein, und zwar als erste Disziplin des Denkens überhaupt; und schon zu einer Zeit, da es die Kunst als einen selbständigen Lebensbereich noch gar nicht gab.

Wissensschaft sei Kunst, sagte der ungarische Musiker Sándor Végh, aber Kunst sei keine Wissenschaft. Wir haben also ein Problem. 

Mit den Begriffen fangen wir besser nicht an. Die beruhen auf Prämissen, doch um die scheint es gerade zu gehen. Aber Kunst und Wisssenschaft und Philosophie sind zweifellos historische Gegebenheiten, und als solche müssen sie sich umschreiben lassen. Wissenschaft und Philosophie in specie und Kunst in specie haben sich im Westen ausgebildet. Hier haben sie sich als konkurrierende gesellschaftliche Instanzen eta- bliert, miteinander und gegeneinander.

Beschreibend lässt sich sagen: Was immer heute unter Kunst verstanden wird, hat mit Gestaltung nach ästhetischen Gesichtspunkten zu tun. Mehr oder weniger: Daneben mochten magische und kultische Zwecke eine Rolle spielen und die Verherrlichung der Macht, der ästhetische Anteil konnte auf bloße Verzierung schrumpfen. Was immer produziert wird - eine Form wird es haben, ob darauf abgesehen wurde oder nicht. 

Es ist dem Verständnis dienlich, die Entwicklung der Kunst - bemerkenswert wieder, dass es eine eigene Entwicklungsgeschichte der Kunst nur im Westen gibt - zu beschreiben als den Prozess der Herauslösung der ästhetischen Absicht aus ihrer Verstrickung mit anderen, sozusagen profanen Motiven. In der Entbin- dung des rein-Ästhetischen hätte die Kunst ihre Bestimmung erreicht und nichts in ihr weist noch über sie hinaus.


Was immer die Wissenschaftler in ihrem ahnenden Suchen und Probieren mit der Praxis der Künstler ge- mein haben mögen: Der Prüfstein für ihre Ergebnisse ist stets, ob sie dem Erkenntnisinteresse dienen. Sie haben einen Zweck, der über sie hinausreicht - die Ermächtigung des Menschen. Technische Verwertbarkeit natürlich. Aber auch die an sich selber zweckfreie Grundlagenforschung erweitert mit dem Blick auf die Welt seine Freiheit in der Wahl seiner Lebenszwecke. Während die Kunst im besten Fall Fragen an das Le- ben stellen kann, schafft Wissenschaft - und insbesondere die Philosophie als ihr Inbegriff - Anhaltspunk- te für Antworten.

*

Ein ganz anderes Thema ist, mit welchen Mitteln sie ihr Verfahren und ihre Ergebnisse darstellt. Nämlich ob ihr bevozugtes Medium der Begriff sei oder das Bild. Für die Kunst beantwortet sich die Frage von selbst. Sie besteht in Bildern, und wo sie zusätzlich Begriffe bemüht, stellt sie die Kunst in den Dienst profaner Zwecke.

Ich glaube, meine Stellung zur Philosophie dadurch zusammengefasst zu haben, indem ich sagte: Philoso- phie dürfe man eigentlich nur dichten, heißt es in Wittgensteins Vermischten Bemerkungen. Er meinte frei- lich, die Philosophie fange dort erst an, wo sein Tractatus endete; nämlich nachdem logisch-philosophisch festgestellt wurde, 'was der Fall ist'. "Meine Art des Philosophierens ist im Wesentlichen der Übergang von der Frage nach der Wahrheit zur Frage nach dem Sinn", steht am selben Ort.*


Recht besehen, kommt die Frage nach dem Sinn jedoch vor der Frage nach der Wahrheit. Nicht historisch, aber genetisch, denn durch sie ward die Frage nach dem Wahren erst aufgeworfen. Historisch war zuerst der Mythos da, als Einheit von Sinn und Wahrheit. Als der Mythos mit seinen unberechenbaren Göttern das Leben in den griechischen Poleis nicht mehr regulieren konnte, kam die Suche nach dem Wahren auf. Und zwar durch den Augenschein, dass der Mensch ein Teil des Kosmos ist und das, was für den Kosmos gilt, auch für die Menschen darin zu gelten hat - der Götter unerachtet.

Dieser Gedanke fand seinen höchsten Ausdruck in den metaphysischen Systemen des siebzehnten und acht- zehnten Jahrhunderts. Seit Galileo, Descartes, Spinoza, Newton und Leibniz war Mathematik das Gesetz der Welt und Urtyp der Vernunft. Diesen Systemen verdanken wir die Emergenz der Wissenschaft als Paradigma des Wissens und als Wegweiser des Lebens. Die Frage nach der Wahrheit und die Frage nach dem Sinn fielen zusammen, denn sie fanden dieselbe Antwort.

Doch dann kam die Kritik, und die ist es, wodurch Philosophie wissenschaftlich wurde. Was ihrer Prüfung nicht standhält, wird verworfen.


Wahrheit ist überhaupt nur eine Fiktion um des Sinnes willen. Um nämlich den Sinn nicht bei sich selbst, sondern in der Welt lokalisieren zu können: "an sich". Doch dies ist das Ergebnis der Kritik: Wahr ist etwas nur in Hinblick auf einen Zweck, der unbedingt gilt, der selber kein Maß außer sich hat, aus dem nichts über ihn hinweg weist. Und er hat keine Merkmale, durch die er mit Anderem vergleichbar wäre. Durch ihn wird Anderes vergleichbar. Er ist wie das Ästhetische; er ist das Ästhetische. 

*

Befremdlich bleibt die gewissermaßen technische Verwandtschaft von Wissenschaft und Kunst. Sie sind beide nicht Konstruktion aus vorfindlichen Elementen, sondern Entwurf ins Blaue. Ja, auch die Wissen- schaft! Aus der Erfahrung selbst folgt gar nichts. Sie kann lediglich eine Vermutung bestätigen oder wider- legen. Die Vermutung muss der Forscher schon selber haben. Allerdings muss eine so gewonnene Erkenntnis den Blick auf weitere Erkenntnisse öffnen: über sich hinausweisen; sonst ist sie wissenschaftlich überflüssig. Aber das ist bei der Kunst anders. Sie rechtfertigt sich durch bloße Anschauung, oder eben nicht. Dass es über sich hinausweist, macht ein Kunstwerk eher lächerlich - und macht es zu Kitsch.

Übrig bleibt die Frage nach Begriffen und Bildern. Historisch betrachtet, kann man sich's leicht machen: All unsere Begriffe waren selber irgendwann mal Bilder, sie machten sich durch häufigen Gebrauch selbstver- ständlich und sahen aus, als ob es sie schon immer gegeben habe. Gar, als ob sie das wahre Geheimnis hinter den (lediglich erscheinenden) Bildern wären. Und hier kippt das Verhältnis auf einmal um. Nämlich braucht die Philosophie, um - als Kritik - Wissenschaft zu werden, nichts so dringlich wie den kristallklaren Begriff. 


Aber woher sollte sie ihn bekommen? Das Universum der überkommenen Begriffe wollte sie doch gerade überprüfen; da musste sie wohl kritisch hinter sie zurückgreifen! Was aber liegt den Begriffen, durch die wir uns im alltäglichen Verkehr verständigen, zu Grunde? Es sind die Vorstellungen eines jeden Einzelnen, denen sie mehr oder weniger entsprechen. Ob mehr, ob weniger, das ist eine Frage des Gebrauchs; "die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel". Aber worum kreist die Verwendung? Um das, was gemeint ist, und das sind Vorstellungen. 

Die jeweilige Verwendung der Begriffe betrifft ihre Genauigkeit. Genau sind Vorstellungen nie, denn sie 'zeigen sich' als Bilder, und die bedürfen der Deutung. Aber man darf sie nach ihrer Berechtigung fragen: nach den Vorstellungen, auf denen sie... nein, nicht beruhen, sondern aufbauen. So dass gerade in dem Abschnitt der Philosophie, wo allein sie wissenschaftlich ist, sich die Begriffe vor den Bildern rechtfertigen müssen.

*) L. W., Vermischte Bemerkungen, Ffm. 1994, SS. 21, 58.
JE  

Freitag, 22. Dezember 2017

Bedeutung gilt.

Harald Lapp, pixelio.de 

Es wurde beanstandet, dass ich Geltung und Bedeutung logisch nicht genügend auseinanderhielte.

Das ist aber auch richtig so. Denn nur Bedeutung gilt. Alles, was sonst vorkommt, ist. Und Bedeutung gilt immer nur als Urteilsgrund für eine mögliche Handlung. Geltung ist eine praktische Kategorie.

26. 11. 13


Nachtrag zu gestern: Für das Tier ist diese Unterscheidung sinnlos. Was die Dinge ihm in seiner Umweltnische bedeuten, gehört zu deren Sein. Es kann davon nicht absehen.




Donnerstag, 21. Dezember 2017

Bedeutung und freies Urteilen.



'Auch das Tier lebt in Bedeutungen', hieß es in einem meiner Texte.

"...weil es mir der Hauptthese zu widersprechen scheint, derzufolge das Proprium Humanum doch die Doppe- lung von Erscheinungsstrom und Bedeutung ist, also die Bedeutungsstiftung als genuin Menschliches anzusehen ist", schrieb dazu ein eiliger Reviewer. Nicht beachtet hat er die kleine, aber spezifische Differenz: nur weiß es nichts davon. Weil die Menschen von den Bedeutungen der Dinge wissen, haben sie die Möglichkeit der Wahl. Jene haben sie nicht. Die Dinge haben Bedeutung für sie als Exemplare ihrer Gattung, aber nicht für sie als Subjekte. Sie müssen und können nicht urteilen.*

Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, sagte ein Knecht. 

Wissen ist die Einsicht in die Möglichkeit von Freiheit.


19. 12. 13 


*) urteilen = eine Erscheinung einer Bedeutung zuordnen; 'X gilt als A'.


Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.

aus nzz.ch, 19.12.2017, 05:30 Uhr

Der maskierte Philosoph
Dieser feine Ironiker und Verführer: Friedrich Nietzsche ist neu zu entdecken. 

von René Scheu 

Friedrich Nietzsche, das ist der Philosoph mit dem Schnauzbart. So inszenierte er sich auf den Fotografien, die überliefert sind. Mit wuchernder Haarpracht mitten im Gesicht wollte er der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Dieses eine, immer wieder variierte und auf merkwürdige Weise gleichsam alterslose Konterfei des Denkers prägt die Wahrnehmung bis heute. Was aber wollte der Philosoph uns Nachgeborenen mit dieser Selbststilisierung übermitteln: seine Radikalität, seine Männlichkeit, seine Entschlossenheit oder – kompensatorisch – seine Schüchternheit? 

Wer so fragt, muss die Pointe verfehlen. Nietzsche war ein Meister des Hinterfragens, das er selbst einmal als besondere Kunst des Lesens charakterisierte: «Bei allem, was ein Mensch sichtbar werden lässt, kann man fragen: was soll es verbergen?» Indem Nietzsche das eine Gesicht zur Schau stellte, versteckte er hinter seinem Schnauzbart die vielen Gesichter, die er in seinen Schriften vor seinem Publikum ausbreitete. Nietzsche als Virtuose der Masken, des Spiels, des Experiments – als feiner Ironiker, der seine Leser ebenso herausfordert wie sich selbst: Das ist der Nietzsche, der auch über hundert Jahre nach seinem Tod noch zu entdecken bleibt. Und so führt ihn uns der Schweizer Philosoph Andreas Urs Sommer in seiner neuen Einführung vor. 

Memento vivere

Zu Lebzeiten ein nahezu Unbekannter, hatte Nietzsche nach seiner geistigen Umnachtung im Jahre 1889 nicht nur immer mehr Jünger, sondern auch prominente Leser. Die meisten versuchten sein Werk um einen zentralen Begriff zu gruppieren: Karl Löwith etwa um die ewige Wiederkehr des Gleichen, Martin Heidegger um die Lehre des Willens zur Macht, Gilles Deleuze um Nietzsches Typologie der Figuren, vom Sklaven über den Priester bis hin zum Übermenschen. Doch sie alle scheiterten auf ihre Weise, denn Nietzsche lässt sich nicht systematisieren. Seine angeblichen Lehren sind in Sommers Sichtweise nichts anderes als «intellektuelle und existenzielle Experimente», die dieser unablässig auf ihre Wirkung hin prüfte. Und die Wirkung war bemerkenswert. Nietzsche hatte recht, als er in späten Jahren einmal schrieb, er sei kein Mensch, sondern Dynamit.

Sommer, als Herausgeber des kritischen Nietzsche-Kommentars der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zweifellos einer der besten Kenner der Materie, verwirft die in Handbüchern übliche Einteilung in verschiedene Denkperioden. Vielmehr zeigt er, wie Nietzsches Gedanken seit jungen Jahren um dieselben Themen kreisen. Stets geht es um philosophische Selbstreflexion, die das eigene Ich zum Inhalt hat, um Kritik am Christentum, um ein Lob des Mythos, um die Diagnostizierung einer kulturellen Krise der Gegenwart, um eine Zurückführung alles Seienden auf das Gewordensein, um einen Vorrang des Kulturalismus über jede Form von Materialismus oder Metaphysik.

Nietzsche arbeitete mit einer bewundernswerten Konsequenz an einer Befreiung des Menschen, die zugleich seine eigene Befreiung meinte. An die Stelle des memento mori setzte er ein memento vivere, das er einmal salbungsvoll beschreibt als «Neu-Anpflanzen, Kühn-Versuchen, Frei-Begehren». Nietzsche war ein dilettierender Denker erster Güte.

Die Karriere

Seine Karriere als öffentlicher, wenn auch zunächst nicht gerade öffentlichkeitswirksamer Intellektueller begann mit seiner Philologie-Professur 1869 in Basel im zarten Alter von 25 Jahren. Kaum hatte er sein Studium beim grossen Philologen Friedrich Ritschl in Leipzig abgeschlossen, wurde er nach Basel berufen – dank Ritschls Vermittlung, doch ohne Promotion. Nietzsche fühlte sich nie wirklich wohl in Basel. Bereits 1876 nahm er ein Jahr Urlaub, und 1879 quittierte er den Dienst, wobei ihm eine Pension in der Höhe von zwei Dritteln des Professorengehalts zugesprochen wurde. Damit liess sich leben – und reisen. Nietzsche liess fortan alles Akademische hinter sich. Er wurde zum philosophischen Grenzgänger und Könner der aphoristischen Form.

Sommer zeichnet mit viel Witz nach, wie Nietzsche sich als eine Art Fortsetzungsschriftsteller betätigte. 1878 legt er mit «Menschliches, Allzumenschliches» ein Werk vor, das kaum rezipiert wird – im ersten Jahr werden bloss 120 Exemplare verkauft. Er plant Neuauflagen mit neuen Anhängen und Vorworten, daraus gehen neue Werke hervor, die ebenfalls Ladenhüter bleiben. Von der «Morgenröte» über die «Fröhliche Wissenschaft» bis hin zu «Also sprach Zarathustra» und «Jenseits von Gut und Böse» – Nietzsche probiert immer wieder neue Denkexperimente und Schreibstile aus, denen der kommerzielle Erfolg versagt bleibt. Halbwegs erfolgreich ist erst das im Jahre 1888 erschienene Buch «Der Fall Wagner», in dem er mit dem einst verehrten Musikgenie abrechnet. Dieser Umstand dürfte Nietzsche nicht nur wegen des Inhalts gefreut haben, denn das Werk hatte er auf eigene Rechnung publiziert.

Die Versuchung

Zehn Jahre lang schreibt Nietzsche unentwegt, und stets geht es um Alles oder Nichts, um die ersten und letzten Dinge. Er macht sich lustig über die grossen Begriffe wie Wahrheit, Gott und Gerechtigkeit. Doch will er nicht als Erkenntnistheoretiker deren Inexistenz beweisen, sondern als Ironiker zeigen, wie langweilig, unnütz und sinnlos der Glaube daran ist. Zugleich formuliert er in einer philosophischen Gegenbewegung eigene Mythologeme wie die «ewige Wiederkehr des Gleichen» oder die «Umwertung aller Werte», um so die entstandene Lücke zu füllen. Er propagiert sie allerdings nicht im Sinne metaphysischer Lehren, sondern als neue fiktive Deutungsangebote, zu denen er sich selbst und seine Leser verführen will.

Nietzsche hat die neuen Philosophen einmal als «Versucher» charakterisiert, als jene, die Versuche wagen und in Versuchung führen. Darin besteht nach Sommer Nietzsches Novum. Er ist kein Metaphysiker, sondern ein Spieler. Zu diesem Behuf erfindet er ein Schreiben, das sich seine Leser erst erschafft. Er verfährt – je nach eigenem Gestimmtsein – appellierend, mobilisierend und agitierend. Und jeder Leser darf sich nehmen, was ihm passt.

Zuletzt ist Nietzsche, der in seinen schriftlich fixierten Selbstgesprächen sich auch selbst immer wieder überrascht und verführt, vollständig von sich eingenommen. Der experimentelle Philosoph hat sich durch seine Sprachspiele gewissermassen selbst hypnotisiert und ist zu seinem eigenen Schüler geworden – er nimmt das Geschriebene für bare Münze. Das ist zugleich der Moment, in dem er im Januar 1889 vom Wahnsinn übermannt wird.

Sein Denken kommt damit an sein Ende. Die Rezeption aber beginnt erst. Und sie hält bis heute an. Andreas Urs Sommer zeigt in seinem ebenso kundigen wie vergnüglichen Werk, warum der Philosoph mit dem Schnauzbart zugleich er selbst war – und doch immer auch ein anderer gewesen sein wird.

Andreas Urs Sommer: Nietzsche und die Folgen. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2017. 208 S., Fr. 26.90.



Dienstag, 19. Dezember 2017

Kann die Vernunft sich rechtfertigen?


Escher

Unter Vernunft vestehen wir - unausgesprochen, denn das ist seine Bedingung - unser System geprüfter und im geistigen Verkehr bewährter Begriffe. Es ist ein System in processu und nur darum sind wir bereit, es als System anzunehmen: Begriffe, die ihren Dienst nicht mehr tun, werden ausgemustert oder als zu vieldeutig einstweilen auf die Reservebank verwiesen (aber wir haben ein gutes Gedächtnis, und mancher Begriff, der verworfen wur- de, kommt gelegentlich wieder zu Ehren). Und: Es kommen allezeit neue hinzu.

So aber nehmen wir das System als gegeben an - so selbstverständlich, dass die Frage Woher? und Wozu? seit gut einem Jahrhundert als 'metaphysisch' schon gar nicht mehr statthaft ist. Ist es vom Himmel gefallen, hat es sich autopoietisch ex nihilo selbst kreiert? Hat es sich aus bloßer Erfahrung angesammelt?

Das wäre völlig gleichgültig, wenn seine Geltung heute nur pragmatisch gerechtfertigt ist. Tut es den Dienst, den man ihm vernünftiger Weise unterstellen darf?

Die Frage lässt sich nicht erörtern, wenn wir die Begriffe, aus denen es besteht, zu seiner Überprüfung auf das System selber anwenden. Es könnte immer nur antworten Ick bün all do. Wir müssen vielmehr eine Vorausset- zung aufsuchen, unter der allein die Begriffe zu dem werden konnten, was sie (uns heute) sind.

Die Wissenschaftslehre behauptet, die allgemeine Prämisse aufgefunden zu haben, auf der alle unsere Begriffe in letzter Instanz beruhen, auf die sie alle letzendlich zurückzuführen sind, und vor der sie sich alle praktisch bewähren müssen. Sie heißt: Vernünftig ist der Mensch, wenn und insofern er sich ursprünglich als wollend vor- stellt. Lässt sie sich überprüfen? Historisch, empirich, faktisch nicht; nur pragmatisch: Lässt sich unter dieser Voraussetzung das Leben vernünftig führen?


Das wäre ein Zirkelschluss?

Nun ja. Aber es ist ein zirkulärer Rückschluss, und das ist, worum es uns zu tun war: Hat Vernunft einen Grund? Quod erat demonstrandum: Ihr Grund ist ihr Zweck.







Montag, 18. Dezember 2017

Über den Sinn des Lebens philosophieren...


Nolde. Jesus und die Schriftgelehrten,1951

Aus einem online-Forum, im Februar 2010:

Ich bin freilich der Meinung, dass die Philosophie mit der "Kritischen" alias Tranzendentalphilosophie (Kant bis Fichte) ihrem Umfang nach 'abgeschlossen' ist; nämlich nur als Kritik besteht an allen ('metaphysischen') Versu- chen, aus reinen Denkbestimmungen Aussagen über das Wirkliche destillieren zu wollen. Mit dem 'Umfang' ist allerdings nicht ihr 'Stoff' erschöpft; denn die Versuchung, aus einem (postulierten) 'Sinn' auf ein (vorfindliches) 'Sein' zu schließen, tritt tagtäglich im Alltagsverständnis wie im Wissenschaftsbetrieb in Gestalt ihrer Umkehrung immer wieder an das Denken heran: nämlich aus einem (zuvor klammheimlich mit 'Sinn' aufgeladenen) Sein (zirkulär) auf dessen (und meinen) Sinn zu schließen.

Ihre Sache ist es, das Feld des Denkens zu bereinigen.

Das schließt offenkundig die Möglichkeit aus, 'Sinn' als ein Objektivum aufzufassen. Ich meine also das Gegenteil von dem, was Sie bei mir verstanden haben; nämlich "dass der Sinn des Lebens (oder 'der Welt' oder wie man das immer nennen will) aus keinerlei positivem Befund heraus zu lesen ist, sondern als Problem, als Aufgabe, als Fra- ge der praktische Lebensführung anheimgegeben ist." Sein Leben kann jeder nur selber führen. Und welchen Sinn sein Leben hatte, stellt sich am Ende als der rote Faden heraus, den er hindurchgesponnen hat. Der eine spinnt ihn bewusster ("Lebensphilosophie"), der andere intuitiver: je von Entscheidung zu Entscheidung. Über die "Richtigkeit" ist damit nichts gesagt. Mit andern Worten - ob ihm die Lehren der Kritischen Philosophie bei seiner Lebensführung geholfen haben oder nicht, steht ganz in den Sternen und ist seinem eigenen Urteil unter- worfen. Dasselbe gilt für die diversen konkurrierenden Weisheitslehren, die er privatim für sich wählen mag oder auch nicht, und für die er niemandem (und das heißt: nicht öffentlich) Rechenschaft zu geben hat.

*


Ihre Erlebnisse mit dem Wissenschaftsbetrieb nenne ich deshalb privat, weil irgendein Anderer ganz andere Erlebnisse haben kann. Ich selber habe nie einen Posten im akademischen Betrieb bekleidet, weil ich nie einen erstrebt habe. Ich muss daher auch nicht verbittert sein. Dass ich meinen Bemühungen im Feld des Denkens eine größere Resonanz wünsche, als sie tatsächlich haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nämlich auf dem Blatt, wo eingetragen ist, dass diese Bemühungen nicht im Geist der Zeit liegen. Das könnte ich ja ändern, wenn ich wollte, aber ich will nicht.

Stattdessen bediene ich mich eines Mediums, das neu ist und dem die akademische Zunftphilosophie auf die Dauer nicht standhalten wird: des Internets.





Sonntag, 17. Dezember 2017

Wissenschaftlich ist Philosophie nur als Kritik; positiv nur als Dichtung.


König David spielt

Aus einem online-Forum, im Februar 2010:

... Von der Philosophie habe ich, anders als Sie, keine Idee, sondern einen Begriff. Ich sage: Philosophie ist, sofern sie Wissenschaft sein kann (oder will), lediglich negativ und kritisch. Das Feld des Positiven hat sie den Realwissenschaften (zu) überlassen - seit Kant.

Sie leistet aber damit nicht das, wofür sie vor zweieinhalb tausend Jahren erfunden worden ist: den Sinn des Lebens entdecken. Sondern nur dies: immer und immer wieder neu darzulegen, dass der Sinn des Lebens (oder "der Welt" oder wie man das immer nennen will) aus keinerlei positivem Befund heraus zu lesen ist, sondern als Problem, als Aufgabe, als Frage der praktischen Lebensführung anheimgegeben ist.

Letztere Formulierung wird der eine ohne andere mit "existenzialistisch" beschreiben wollen, und das wollte ich nicht einmal zurückweisen. Zurückweisen würde ich allerdings, wenn er das nutzt für den Folgesatz: "Das ist doch aber auch Philosophie!"

In einem strengen, und das heißt: wissenschaftlichen Sinn ist das keine Philosophie. 'Wissenschaftlich' bedeutet nicht: Gegenstand + Methode. Die sind beide sekundär, abgeleitet nämlich aus der wesentlichen Bestimmung: Wissenschaftlich ist das Verfahren, das nur die Bestimmungen gelten lässt, die auf die Tragfähigkeit ihrer Gründe erfolgreich geprüft wurden. Darin hat Plato die Anstrengungen seiner griechischen Vorgänger zusammengefasst (êpistêmê versus dóxa).

Überprüfen der Gründe, das ist Kritik, und die radikale, weil unendliche Kritik ist Öffentlichkeit. (Das ist ganz wurscht, ob die Wissenschaftler selber diesen 'kritischen' Begriff von Wissenschaft haben; denn kritisieren werden sie den lieben Kollegen so wie so.)

Der springende Punkt: Eine wie immer geartete Aussage über den Sinn der Welt, des Lebens, der... wird nie zu begründen sein, denn dann müsste sie irgendwann auf einen letzten Grund stoßen, der seinerseits nicht mehr begrün- det ist; der aber aus eben demselben 'Grund' nicht gelten kann - weil er eben nicht... begründet ist.

Langer Rede kurzer 'Sinn': Der Sinn der Welt pp. kann nicht (wissenschaftlich) bewiesen, sondern allenfalls (sofern man ihn will!!) behauptet werden. Das geeignete Medium seiner Darstellung ist nicht der (Begriffe folgernd mitein- ander verknüpfende) Diskurs, sondern die bildliche Anschauung: ist nicht Logik, sondern Ästhetik. (Lässt sich noch viel weiter ausführen...)

Ob dieses Genre, zu dem ich auch einiges beizutragen hätte, dann "Lebensphilosophie", "Philosophie der Tat" oder ähnlich genannt werden darf, ist einen Streit nicht wert. Entscheidend ist, welchem Zweck die Philosophie, 'sofern sie wissenschaftlich ist', nämlich die kritische, eigentlich dient; d. h. welchen 'Sinn' sie hat. Es ist, wie immer die Antworten jeweils ausfallen, Meta-Philosophie - ein Denken, Reden, Meinen über die Philosophie.

Als Motiv liegt sie der Philosophie 'zu Grunde'. Ausführen lässt sie sich allerdings erst, wenn die Philosophie ihre wissenschaftliche, weil kritische Arbeit vollendet hat. Der Anfang muss sich als Ende behaupten.






Samstag, 16. Dezember 2017

Die Scheidung von Philosophie und Wissenschaft.

mein-fotoblog

Aus einem online-Forum, im Februar 2010:
 
... Die real existierenden Wissenschaften sind eben darum keine Philosophie, weil sie (ihrer Bestimmung nach: im Öffentlichen Raum ein Feld des Einverständnisses erzwingen zu können) positiv sein müssen. Sie müssen also in ihrer Praxis notwendig davon ausgehen, dass ein Wissen da ist, das (öffentlich) gegeben (und nicht erst noch aufge- geben) ist: "Stand der Wissenschaft". Insofern verfährt jede reale Wissenschaft (vorläufig) 'dogmatisch', wie Herr K. sagt. Dogmatistisch wäre sie, wenn sie vergäße, dass das gültige Wissen, von dem sie ausgehen muss, nur ein einstweiliges ist - und jederzeit von den Resultaten der wissenschaftlichen Praxis (und von nichts anderem) 'aufgeho- ben' werden kann.

Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte ihres Herausfallens aus der Philosophie (Galilei bis Newton): eine Scheidung, die zugleich zur Selbstbereinigung der Philosophie (Kant) geworden ist.



Civil society essentially is public space. But public opinion, by its nature, is divided. Science is able to reduce that domain of dissent; it is public knowledge. Its apogee in modern times was the political event par excellence.







Freitag, 15. Dezember 2017

Wissenschaft ist öffentliches Wissen (zum Zweiten).


Albrecht E. Arnold  / pixelio.de

Frage ich einen Wissenschaftler, wodurch Wissenschaft sich von andern Arten des Wissens unterscheidet, wird er mir sagen: Wissenschaft ist begründetes Wissen. Wenn ich ihn dann frage, was das bedeutet, fangen die Proble- me überhaupt erst an… Es wird sich finden, dass er „im Grunde“ der Überzeugung ist, nichtwissenschaftliches Wissen sei „eigentlich“ überhaupt kein Wissen (sondern bloßes “Meinen“)… Dann wird er Wissenschaft imma- nent zu erklären versuchen anhand ihrer Verfahren, und es läuft darauf hinaus: Wissenschaft ist „wahres“ Wis- sen, anderes Fürwahrhalten ist kindisch… 

Also Wissenschaft habe im Vergleich zu andern Arten des Wissens eine quasi onto-logisch höhere Qualität. Aber Wissen ist doch gar kein Sein, sondern ein Verhältnis zwischen (zwei oder mehreren) Seienden! Was könnte das aber heißen: ein „wahreres Verhältnis“?! Unterscheiden lässt sich nur ein Privatverhältnis von einem allgemeinen Verhältnis und ein notwendiges Verhältnis von einem zufälligen Verhältnis. Und so ist das Spezifikum der Wis- senschaft auch schon erschöpfend umschrieben: Es ist Wissen, das allgemein und notwendig ist, im Unterschied zu Wissen, das privat und zufällig ist – wenn auch „das Gewusste“ in beiden Modis ganz und gar dasselbe wäre; nämlich zufällig! 


Allgemein und notwendig: ist das eine additive Definition? Oder eine explikative (analytische: ‚zwei Seiten einer Medaille’)?!


Eben so: Nur ein Wissen, das sich als notwendig erweist, taugt dazu, allgemein zu werden. Dieser Prozess: ‚sich als notwendig erweisen’, heißt Reflexion/Kritik. Es ist die Verallgemeinerung dieses Prozesses, durch den Not- wendigkeit sich erweist. Summa summarum: Wissenschaft ist öffentliches Wissen; im Unterschied zu privatem. Die Form ist in diesem Fall die Sache selbst. Oder: der historische Unterschied ist zugleich der logische.
 
Civil society essentially is public space. But public opinion, by its nature, is divided. Science is able to reduce that domain of dissent; it is public knowledge. Its apogee in modern times was the political event par excellence. Its coercive power resides in its systematic proceeding from assuring its logical foundation, to the conceptual seizure of its object.

Wissenschaft ist nicht Institution, sondern Instanz (wie die Kunst). Wenn auch in öffentlichen Institutionen ver- faßt, die gern ein Monopol geltend machen. Aber im Grenzfall ist ihre Institutionalisierung sogar eine Schranke für ihren öffentlichen Charakter: Monopol = Exklusivität = Privatheit. Und nährt den Glauben, die Zugehörig- keit zur Institution sei selber schon Wissenschaft...

Begründet ist die Institutionalisierung der Wissenschaft aber nicht in ihrer Exklusivität - daß nur geprüfte Spe- zialisten mitmachen dürfen -, sondern im Erfordernis der Kontinuität des Wissens: Das Wissen muß nicht nur ausgelesen, sondern darüber hinaus bewahrt werden (sonst gäb's nichts auszulesen). Die Institution gewährleistet die Tradierung des Wissens: daß nichts verloren geht: daß die Akkumulation gründlich geschieht. Denn idealiter ist der Wissenschaftler einer, der alles weiß. Wenigstens in seinem Fach. Aber das gibts natürlich nicht mehr. Das Spezialistentum macht sich innerhalb der Disziplinen breit, so daß selbst innerhalb eines Fachs die Zusammenhänge selber zu Fächern von Spezialisten werden; in Wahrheit aber die Neue Doxa sich breit macht: das Vertrauen dar- auf, dass der Nachbar schon wissen wird, was er tut, und man ihm seine Resultate getrost abnehmen kann... So kommt es, daß allerlei Zwischen-Fächer auftauchen, die sich in den Ritzen der Institution festsetzen, ohne sich vor irgendwem ausweisen zu müssen - außer eben der Doxa innerhalb und außerhalb der Universität! Z. B. Päd- agogik, Politologie, Publizistik... Soziologie und Ökonomie haben den Anfang gemacht.

The rearing of the forthcoming generation is a task of most public concern. Though, pedagogy will never be founded in scientific theory, as at its ground there is no fact, but a problem, which cannot be proved, but just posed and postulated. And its object will never be seized, as it is "Life itself", which cannot be analyzed, but just told in stories and shown in pictures. The ways of pedagogy are not logical, but esthetical. By virtue of its practi- ces and by its place in society, it is Art and not Science. 

[Übrigens: die vorbürgerliche Öffentlichkeit ist der Nicht-Alltag : Hoheit; das Heilige; das Fest. Die erste alltäg- liche Öffentlichkeit sind die Märkte; d. h. Städte. {In wüstenhaften Gegenden Nordafrikas gibt es Marktplätze, an denen niemand wohnt : Man trifft sich dort nur zum Handeln. Und die Plätze heißen nach den Wochentagen, an denen man sich dort trifft.}]

irgendwann in 2000

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Das Naturgesetz und die Schöpfung.


rundumkiel.de  / pixelio.de

Der Gegenstand der Naturwissenschaft ist dadurch definiert, dass der Natur ein Gesetz zugeschrieben wird: Was durch ein Gesetz bestimmt/geregelt ist, will ich als 'die Natur' auffassen; bzw. Naturwissenschaft ist Suchen nach Gesetzmäßigkeiten.

Impliziert: Das Gesetz lässt sich von den realen Vorgängen selber unterscheiden und so darstellen, als ob es 'an sich selber' gälte. Dann kann es auch so gedacht werden, als ob es 'vor' den Vorgängen 'da war'. Dann muss man sich zum Gesetz einen Gesetzgeber vorstellen – oder das Gesetz als ein Subjekt, das 'sich selber setzt'; was auf dasselbe hinausläuft:  "Schöpfung", intelligent design.

Man gerät logisch zur Annahme von einem Schöpfer; was die Vorstellung von einer Schöpfung und einem Gesetz suggeriert. Notwendig aber ist keins von beiden. Es fragt sich nur: "Warum sollte der Schöpfer sich die Mühe gemacht haben…?" Allerdings ist die Frage nach einer Ursache der Schöpfung logisch ebenso ungehörig wie theo- logisch.

5. 1. 13




Mittwoch, 13. Dezember 2017

Aber was heißt Natur?


J. Chr. C. Dahl, Vom Lyshorn

Die Bereitschaft, einen Teil der Res extensa unter dem Namen "Natur" von ihrem Rest zu unterscheiden, geht auf das Erbe aus animistischer Zeit zurück. Sie ist nichts anderes als das Apriori, sie grundsätzlich als Subjekt denken zu wollen. Als ein Subjekt: das ist eine nachträgliche Beigabe einer Reflexion, die sich noch nicht bis zur Wurzel vorwagt.

In Wahrheit kann das Wort nichts anderes bezeichnen als all das, was nicht von Menschen geschaffen ist. Daß es ipso facto aber 'geboren' oder 'gebärend' wäre wie er, ist eine grundlose Voraussetzung, die uns lediglich 'natürlich' erschien – womit sich ein Zirkel schließt. Nicht die so oder so gearteten Definitionen von 'Natur' sind zu rechtfertigen, sondern diese Vorstellung selbst; nicht zu reden von ihrer Verwendung in wissenschaftlichen Zusammenhängen.

aus e. Notizbuch, Dez. 2012


 

Montag, 11. Dezember 2017

Erkennen ist projektiv.




Erkennen heißt, etwas Unbekanntes zu einem als bekannt Vorausgesetzen in ein logisches Verhältnis setzen. Das erste empirisch Unbekannten - die ganze Welt -  kann dabei nur zu einem logisch als bekannt Behaupteten in ein Verhältnis gesetzt werden. Ein Absolutes kann dies logisch Vorausgesetzte nicht sein, denn wäre von ihm etwas bekannt, wäre es nicht absolut.

*

Tatsächlich (historisch) ist das Erkennen freilich von der Erfahrung ausgegangen und nicht von logischer Speku- lation. Von der Erfahrung, was man aus dem vorgefundenen Unbekannten machen kann. Das Machen als Bestim- mungsgrund des Was war der Erfahrung vorausgesetzt, nicht als Begriff, sondern pragmatisch im Machen selbst. Erfahrung ist nichts anderes als Wissen von Machbarkeiten. Genauer gesagt, von den Widerständen, die die Din- ge meinem Machenwollen entgegensetzen - so, als wollten sie selber etwas anderes machen. Die erste Bewusst- seinsform der Menschen, von der wir Zeugnisse haben, ist der Animismus, die Vorstellung von der Welt als ein Zusammenwirken wollender Wesen.

Die Geschichte des Geistes ist die Geschichte der Einsicht in den projektiven Charakter dieser Vorstellung. 




Nota.
Das obige Foto ist nicht von mir, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Besitzer dieses Fotos sind und seiner Verwendung an dieser Stelle nicht zustimmen, bitte ich Sie um Ihre Mitteilung.

Sonntag, 10. Dezember 2017

Hinweis für neue Leser.




Dies Blog wird gelegentlich auch von Lesern besucht, denen die transzendentale Denkweise ganz neu ist. Darum dieser Hinweis:

Hier ist nicht die Rede davon, wie in der wirklichen Welt 'Stoff' entsteht. Es geht vielmehr darum, wie die Vor- stellung von einem Stoff ins Bewusstsein gelangen kann.

Es ist auch keine (neuro-)psychologische Beschreibung dessen, was im Bewusstsein tatsächlich vor sich geht; sondern es ist eine Erklärung dafür, wie es zu einem Bewusstsein überhaupt erst kommen kann - was logi- scherweise im Bewusstsein gar nicht auftaucht, weil es ihm vorausging.

Auch dann noch sei die Vorstellung von einem Ich, das erst ein Nicht-Ich 'setzt', um ihm dann eine Tätigkeit zumessen zu können, die seiner eigenen so vollkommen entgegengesetzt ist, dass sie einander 'aufheben', und lediglich als 'Spur' ein toter Stoff übrigbleibt... - sei diese Konstruktion noch immer zu gewaltsam, um dem gesunden Menschenverstand (von dem Fichte anders als andre Philosophen eine gute Meinung hatte) irgend einleuchten zu können? - Dann sei erinnert, dass die wirkliche, empirische Geschichte des menschlichen Geistes dazu eine verblüffende Analogie bietet: Die früheste Bewusstseinsverfassung von Homo sapiens ist der Animis- mus, der eben darin besteht, allem, was nicht Ich ist, dieselbe Wirkungsmächtigkeit zuzuschreiben wie mir selbst, und die Vorstellung von einem toten Stoff kann erst eintreten, nachdem beide Seiten - ich und das Andere - ihres Tätigkeitscharakters entkleidet und zu statisch Seienden objektiviert wurden.


Nein, die Transzendentalphilosophie ist keine besonders gewitzte Interpretation der von der historischen Anthropologie rekonstruierten Mentalitätsgeschichte unserer Gattung. Doch wenn sie  überhaupt etwas taugen soll, dann muss sie fähig sein, in die unter historischen Kontingenzen verschüttete Geistesgeschichte ihr 'prag- matisches' Licht zu werfen. Sie 'begründen' einander nicht. Aber wenn sie einander desavouieren würden, wäre das schlecht - nicht, wie Hegel meinte, für die Tatsachen, sondern für die Philosophie.


25. Februar 2014



Nota.
Das obige Foto ist nicht von mir, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Besitzer dieses Fotos sind und seiner Verwendung an dieser Stelle nicht zustimmen, bitte ich Sie um Ihre Mitteilung.

Hinweis für neue Leser.




Dies Blog wird gelegentlich auch von Lesern besucht, denen die transzendentale Denkweise ganz neu ist. Darum dieser Hinweis:

Hier ist nicht die Rede davon, wie in der wirklichen Welt 'Stoff' entsteht. Es geht vielmehr darum, wie die Vor- stellung von einem Stoff ins Bewusstsein gelangen kann.

Es ist auch keine (neuro-)psychologische Beschreibung dessen, was im Bewusstsein tatsächlich vor sich geht; sondern es ist eine Erklärung dafür, wie es zu einem Bewusstsein überhaupt erst kommen kann - was logi- scherweise im Bewusstsein gar nicht auftaucht, weil es ihm vorausging.

Auch dann noch sei die Vorstellung von einem Ich, das erst ein Nicht-Ich 'setzt', um ihm dann eine Tätigkeit zumessen zu können, die seiner eigenen so vollkommen entgegengesetzt ist, dass sie einander 'aufheben', und lediglich als 'Spur' ein toter Stoff übrigbleibt... - sei diese Konstruktion noch immer zu gewaltsam, um dem gesunden Menschenverstand (von dem Fichte anders als andre Philosophen eine gute Meinung hatte) irgend einleuchten zu können? - Dann sei erinnert, dass die wirkliche, empirische Geschichte des menschlichen Geistes dazu eine verblüffende Analogie bietet: Die früheste Bewusstseinsverfassung von Homo sapiens ist der Animis- mus, der eben darin besteht, allem, was nicht Ich ist, dieselbe Wirkungsmächtigkeit zuzuschreiben wie mir selbst, und die Vorstellung von einem toten Stoff kann erst eintreten, nachdem beide Seiten - ich und das Andere - ihres Tätigkeitscharakters entkleidet und zu statisch Seienden objektiviert wurden.



Nein, die Transzendentalphilosophie ist keine besonders gewitzte Interpretation der von der historischen Anthropologie rekonstruierten Mentalitätsgeschichte unserer Gattung. Doch wenn sie  überhaupt etwas taugen soll, dann muss sie fähig sein, in die unter historischen Kontingenzen verschüttete Geistesgeschichte ihr 'prag- matisches' Licht zu werfen. Sie 'begründen' einander nicht. Aber wenn sie einander desavouieren würden, wäre das schlecht - nicht, wie Hegel meinte, für die Tatsachen, sondern für die Philosophie.


25. Februar 2014



Nota.
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