Donnerstag, 28. September 2017

Das Vernunftwesen ist ein Körper, der durch Freiheit bestimmbar ist.



Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es als wirksam erscheint, sein Körper ist bestimmbar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, es sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche. 

Nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teile eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksam-keit in der Sinnenwelt ab.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 235










Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Mittwoch, 27. September 2017

Vernunft wird als gegeben vorgefunden.


Ich finde mich also als Objekt, bin mir gegeben.

Das Bestimmbare ist ein Reich vernünftiger Wesen außer mir. Aber vernünftige Wesen außer mir werden nur gedacht, um das Mannigfaltige zu erklären. Die Vernunft und den freien Willen anderer außer mir nehme ich nicht wahr, ich schließe nur darauf aus einer Erscheinung in der Sinnenwelt; sie gehören daher nicht in die Sinnen-, sondern in die intelligible Welt, in die der Noumene. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150 


Nota. - Dass Vernunft sei, nehme ich nicht wahr in der Begegnung mit andern Wesen, die ich hinterher als vernünftig ansehen werde wie mich selber. Wahr nehme ich bloß, dass sie da sind neben mir. Aus diesem bloßen Umstand schließe ich - finde ich? postuliere ich? -, dass da ein Medium sein muss, in dem wir miteinander bestehen. 

Mit andern Worten, die 'vernünftigen Wesen' sind eher da - in meiner Vorstellung -, als die Idee der Vernunft. Ich finde, dass sie 'in gewisser Hinsicht' mir gleich sind, oder ich ihnen. Dieses Tertium will ich Vernunft nennen. Wie weit es reicht, wird man sehen; was es ist, muss man dann nicht wissen.
JE

29. 12. 16

Montag, 25. September 2017

Reden könnten sie wohl; sie wissen nur nicht, worüber.


 Süddeutsche  
aus Süddeutsche.de, 12. Juni 2016,

"Keiner der Affen hat mal etwas Interessantes erzählt"

Tiere können erstaunlich viel ausdrücken. Doch sie haben verblüffend wenig Lust dazu.

Von Katrin Blawat

400 Millisekunden reichen einer Dianameerkatze, um ihrer Sippe alles Wichtige mitzuteilen: "Da hinten sehe ich eine fremde Gruppe, die könnte Ärger machen. Und, ach ja, ich bin die Verfressene mit der Narbe im Ohr, ihr wisst schon." Zu hören ist nur ein kurzes, tonloses Rattern (der sogenannte R-Laut), gefolgt von einem längeren, bogenförmig an- und absteigendem Ton (A-Laut). Das Besondere an den beiden zusammengesetzten Rufen ist: Die Tiere kombinieren sie keineswegs willkürlich, sondern abhängig von der jeweiligen Situation. Das Rattern ertönt, wenn es leicht brenzlig wird; der A-Ton verrät, wer der Rufende ist. Daneben nutzen die Affen noch einen langen Triller (L-Laut), der für sozial entspannte Zeiten reserviert ist.

Mit dieser Übersetzung der Meerkatzen-Kommunikation liefern Verhaltensforscher in der Mai-Ausgabe des Fachmagazins Animal Behaviour einen weiteren der inzwischen zahlreichen Belege für die erstaunliche Kommunikation vieler Tiere - fast ist man versucht zu schreiben: für ihre Sprachfähigkeiten. Vom Huhn bis zum Schimpansen ist die auf Lauten basierende Kommunikation im Tierreich viel komplexer als lange gedacht. Das gilt besonders für die Fähigkeit vieler Primaten, ihre Rufe nach Art der Dianameerkatzen bewusst zu kombinieren - etwas, was unserer Grammatik sehr nahe kommt.


Wo also liegen die Unterschiede zwischen den Rufen der Tiere und der Sprache des Menschen? Nur in der Undurchdringlichkeit mancher Grammatikregel? Oder vielleicht weniger im Können als vielmehr im Wollen? "Uns verblüfft immer wieder, dass viele Primaten ihr Potenzial offenbar nicht ausnutzen", sagt Klaus Zuberbühler von der Universität Neuchâtel, einer der Autoren der aktuellen Studie. Womöglich sind Tiere also einfach weniger schwatzhaft als der Mensch.

Der gilt als narratives Wesen par excellence, für das die Wirklichkeit nicht das ist, was tatsächlich geschieht, sondern was er sich selbst oder anderen erzählt. Allen anderen Lebewesen hingegen wurde bis vor einigen Jahrzehnten nur zugestanden, aus großer innerer Erregung heraus Laute auszustoßen, vergleichbar mit dem menschlichen "Huch!".

Manche Schimpansen haben zwar Gebärdensprache erlernt, wissen aber wenig zu erzählen

Doch auch wenn Aufregung oder Furcht oft zu den Lauten beitragen, haben viele Spezies Rufe entwickelt, die auf eine konkrete Situation hinweisen, etwa auf einen bestimmten Fressfeind. Am längsten bekannt ist dies von Grünen Meerkatzen. Hören die Affen jenes Bellen, das einen Leoparden ankündigt, flüchten sie in Bäume. Rechnen sie mit einem Adler (angekündigt durch eine Art Husten), fahnden sie am Boden nach Deckung und suchen den Himmel ab. Und kündigt ein Artgenosse mit einem Meckern eine Schlange an, richten sich die Primaten auf und schauen am Boden nach der Gefahr.

Nun zählen Meerkatzen immerhin zu den Primaten, denen man weiter reichende Kommunikationsfähigkeiten zutraut als vielen anderen Tieren. Doch auch Hühner zum Beispiel kennen verschiedene Alarmrufe. Auch für sie ist es sinnvoll zu wissen, ob sie sich vor einem Greifvogel aus der Luft oder vor einem Fuchs am Boden in Sicherheit bringen müssen.

Zum Prahlen bekommen Tiere den Mund auf

Wenn aber schon ein Huhn verschiedene Alarmrufe zustande bringt, warum haben sie sich dann nicht bei allen Arten entwickelt? Die kurze Antwort lautet: Weil es sich in vielen Fällen nicht lohnt. Kennt ein Tier sowieso nur einen Weg, sich in Sicherheit zu bringen, reicht ihm auch ein allgemein gehaltener Gefahrenhinweis. "Für eine Maus ist es vermutlich egal, ob sie von einer Katze oder einem Fuchs gejagt wird. Sie wird immer versuchen, so schnell wie möglich in ihrem Loch zu verschwinden", schreibt die Leipziger Verhaltensforscherin Juliane Bräuer in ihrem Buch "Klüger als wir denken: Wozu Tiere fähig sind" (Springer Spektrum).

Weniger existenziell, aber durchaus nützlich ist es, wenn es einen speziellen Laut gibt, der auf Futter hinweist. Obwohl der Rufer riskiert, selbst weniger abzubekommen, ist das Verhalten im Tierreich erstaunlich weit verbreitet, etwa bei Hühnern, Raben und vielen Primaten. Dahinter steckt oft Prahlerei: Wer genügend Futter für zwei findet, kann ein so schlechter Partner nicht sein. Dementsprechend paart sich eine Henne am liebsten mit einem Hahn, der oft zum Essen ruft. Ähnliches gilt für Bonobos. Sie differenzieren in ihren Rufen sogar zwischen verschiedenen Qualitäten des gefundenen Futters. Aus Bonobo-Sicht schmecken Äpfel ganz okay, Kiwis hingegen bombastisch. Angesichts der Südfrüchte lassen die Affen ein Piepsen und Bellen hören, Äpfel kündigen sie durch Kläffen und Grunzen an.

Die von Zuberbühler und seinem Team getesteten Bonobos hörten aus den Rufen ihrer Artgenossen heraus, welches Futter sie erwarten konnten. Die Forscher hatten ihnen zuvor beigebracht, dass es Äpfel immer in der einen, Kiwis stets in einer anderen Ecke ihres Käfigs gab. Bekamen sie nun den Kiwi-Ruf eines Kumpels vorgespielt, liefen sie zuverlässig in die Kiwi-Ecke. Trotzdem hält es Zuberbühler für unwahrscheinlich, dass die Bonobos tatsächlich eine Art Wort für Kiwis kennen. "Bei Trauben, die ihnen ebenso gut schmecken, würden sie den gleichen Laut hören lassen", sagt der Schweizer Forscher. "Die Rufe stehen wohl für mehr oder weniger beliebtes Futter."

Doch nicht immer ist das Publikum so aufmerksam. Auch Tiere hören einander manchmal nicht zu und bekommen nur die Hälfte mit. Erdmännchen zum Beispiel hängen ihren Rufen zwar eine individuelle Signatur an, die sie eindeutig identifiziert. Doch warum sie das tun, ist bislang ein Rätsel. Denn die Artgenossen achten gar nicht auf die Signatur, wie Playback-Studien eines Teams um Simon Townsend von der University of Warwick gezeigt haben. Wer hätte gedacht, dass sich Erdmännchen und Menschen so nah sein können: Beide müssen damit leben, dass die Hälfte von dem, was man mitteilen möchte, niemals beim anderen ankommt.

Auch in einem anderen Bereich ähnelt die tierische der menschlichen Kommunikation. Zwar hat nur der Homo sapiens eine ausgefeilte Grammatik entwickelt. Daher sagt etwa die Göttinger Verhaltensforscherin Julia Fischer, Tiere hätten keine Sprache in unserem Sinne. Dennoch lassen viele Primaten - wie die erwähnten Dianameerkatzen - immerhin zarte Ansätze von etwas hören, das der menschlichen Syntax ähnelt. Sie kombinieren ihre Rufe so, dass dabei neue Bedeutungen entstehen.

Wenn Campbell-Meerkatzen ihrer Warnung vor einem Adler oder Leoparden ein "Boom" voranstellen, schwächt dies die Warnung ab, wie sich aus der bedächtigen Reaktion der Artgenossen schließen lässt. Ähnliches gilt für das Anhängsel "-oo". Es entspricht dem menschlichen "-artig". Hängt das "-oo" am Ende des Leoparden-Warnrufs ("Krak-oo"), warnt der modifizierte Laut vor allen möglichen "leopardenartigen" Gefahren: vor abbrechenden Ästen ebenso wie vor einer Gruppe fremder Artgenossen.

Auch Weißnasenmeerkatzen haben es mit ihren Grammatikkünsten weit gebracht. Vor einem Adler warnen sie überwiegend mit "Hack", vor einem Leoparden hauptsächlich mit "Pyow". Kombiniert zu "Hack-Pyow"-Sequenzen bedeutet der Ruf hingegen: "Los Kumpel, auf geht's!"

Warum aber nutzen die Meerkatzen kombinierte Rufe nicht häufiger, wenn sie es doch offensichtlich grundsätzlich können? Liegt ihnen vielleicht einfach nichts an den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die sich durch neue Laut-Kombinationen ergeben?

Vor dem Chef tun Affen mehr kund

Für Klaus Zuberbühler klingt das plausibel. Zumal auch weitere Indizien darauf hinweisen, dass Tiere ein viel geringer ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis haben wie Menschen. Manche Schimpansen haben sogar erfolgreich die menschliche Gebärdensprache gelernt, konnten sich also sehr wirkungsvoll ausdrücken. Sie nutzten diese Chance aber nicht. "Keiner dieser Affen hat mal etwas Interessantes erzählt", sagt Zuberbühler. "Da ist nichts gekommen außer Imperativen: "Ich will dies oder jenes haben, und du kannst mir helfen, es zu bekommen."

"Das grundlegende Interesse am Anderen ist etwas Menschentypisches"

Dementsprechend fehlt den Rufen von Tieren weitgehend etwas, was manchen Forschern zufolge eine Voraussetzung für richtige Kommunikation ist: der Wunsch, dass der andere das Gesagte wirklich begreift. Viele Tiere verfügen lediglich über eine sogenannte Intentionalität erster Ordnung: Sie wollen das Verhalten ihrer Artgenossen beeinflussen, sie zum Beispiel auf einen Baum locken, wenn ein Leopardenangriff droht. Manche Tiere stimmen zudem ihre Rufe auf ihre Zuhörer ab - immerhin eine Leistung, mit der selbst menschliche Sprecher manchmal ihre Probleme haben.

Schimpansen verkünden eine neu gefundene Futterquelle vor allem dann, wenn sie sich in der Gesellschaft hochrangiger Gruppenmitglieder wissen: Vor dem Chef kann es nicht schaden, die eigenen Leistungen ausgiebig kundzutun. Und Grüne Meerkatzenweibchen warnen häufiger, wenn sie mit ihren eigenen Kindern als mit anderen Jungen unterwegs sind.

Für die nächste Stufe der Intentionalität müsste sich der Rufende jedoch sowohl seiner eigenen Perspektive als auch der des anderen bewusst sein - und letztere verändern wollen. "Da sieht es dürftig aus bei Tieren", sagt Zuberbühler. "Allenfalls bei Schimpansen finden wir solche kleinen Inseln des Bewusstseins." Zum Beispiel, wenn eine Schlangenattrappe am Wegesrand liegt. In einem Experiment mit wild lebenden Schimpansen konnte Anne Marijke Schel von der Universität Utrecht zeigen, dass ein Schimpanse beim Anblick der vermeintlichen Schlange vor allem dann seine Alarmrufe hören ließ, wenn nichts ahnende Artgenossen in der Nähe waren.


Außerdem wurden Freunde häufiger gewarnt als Fremde, ranghohe Bekannte öfter als rangniedere. "Die Schimpansen scheinen ihre Rufe also unter taktischen Gesichtspunkten zu produzieren", schreiben die Autoren im Fachblatt Plos One. Außerdem schauten sich die Affen um, ehe sie zu ihren Warnrufen ansetzten: "Ist irgendjemand hier, der noch nicht Bescheid weiß?" Häufig warnten die Schimpansen so lange, bis sie sich durch Blickkontakt vergewissert hatten, dass die Botschaft bei allen Zuhörern angekommen war, und stellten die Warnrufe dann ein.

"Das war einer der seltenen Momente, in denen ein Schimpanse sich dafür interessiert, welche Sicht der Dinge ein Artgenosse hat", sagt Zuberbühler, der an der Studie beteiligt war. Es sei schwierig zu erkennen, ob die Tiere in anderen Situationen diese geistige Leistung nicht schaffen, oder ob sie schlicht keinen Vorteil darin sehen. "Das grundlegende Interesse am anderen ist etwas Menschentypisches", sagt Zuberbühler. Im Unterschied zu allen anderen Lebewesen gilt allein für den Homo sapiens: Er kann nicht nur erzählen - vor allem will er auch. So betrachtet könnte es erstaunlich banal sein, was den Menschen ausmacht. Niemand sonst fragt: "Wie war dein Tag?"


Nota. - "Das grundlegende Interesse am Anderen ist etwas Menschentypisches" - da hat wohl ein Wissen-schaftler seiner Sentimentalität den Vortritt gelassen. Das Interesse am Andern - wie geht es dir, was empfin- dest du im Hier und Jetzt? - hatten alle Tiere, bevor sie die ersten gestischen oder tonalen Symbole erfanden, längst in Mimik und Körpersprache gepackt, wo sie nicht nur ausreichen, sondern sogar deutlicher sind als Worte, die lügen können. 

Gleich fällt auch die Rolle der sozialen Kommunikation beim Nahrungserwerb ein, namentlich der gemeinsamen Jagd. Doch so viele Tierarten jagen in Gruppen, ohne auf Worte angewiesen zu sein!

Wie geht das? 

In den Umwelten, in denen sie sich seit Jahrtausenden eingerichtet haben, hat alles, was begegnet, seine angestammte Bedeutung. Eigentlich verständigen muss man sich da nicht, sondern allenfalls auf das eine oder andere hinweisen. Die Kommunikation ist rein demonstrativ, zum Fragen, Erwägen und Verneinen gesteht kaum Anlass.

Ganz anders unsere Vorfahren, als sie sich auf die Hinterfüße stellten und ihre angestammte Urwaldnische im afrikanischen Graben verließen. Sie hatten nicht eine Nische gegen eine andere Nische getauscht, sondern hatten sich als Vaganten eine weite Welt eröffnet, in der nichts eine angestammte Bedeutung hatte, wo man für alles eine Bedeutung erst neu erfinden musste - und sich mit andern darüber austauschen. Dafür ist die Entwicklung von komplexer artikulierter Sprache nötig. Es geht um die Verständigung über die Bedeutungen in der Welt. Und kein anderes Lebewesen braucht das; nur wir.
JE

Freitag, 22. September 2017

Sprachspielnetz.




Das Wort (Klangbild) ist ein Symbol. Die Sprache ist ein System von Symbolen; System im Vollzug, indem sie gebraucht wird in der Sprachgemeinschaft; "Sprachspiel"; diachronisch. Es läßt sich aber als System darstellen, synchronisch: als kodifizierter Verweisungszusammenhang. Doch jeweils nur als endlicher Verweisungszusammen- hang: Lexikon, Grammatik, "Logik". Das Wort "bezeichnet", benennt ein Ding als "das, was" es ist; aber das Ding kann selber Symbol sein: etwas "bedeuten", das sich seinerseits nicht "endlich darstellen" läßt; Gedanken- ding, "Begriff". – Das gilt für das System der Sprache selbst: Es "sieht so aus, als ob" es Alles umfaßt. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", Tractatus [5.6] [aber was heißt hier "bedeuten"? Bezeichnen? "Darstellen"? "Sein"?] 

Die Besonderheit dieses Systems ist, daß es – historisch und logisch! – unbegrenzt erweiterbar ist. Es ist Bild der Welt. In der Welt sind nicht nur die Dinge, die die Wörter benennen, sondern auch ihre… (und andere) Bedeutun-gen! Die Sprache ist ein (historisch je) endliches Symbol für ein "unendliches" Ding. Nicht nur können immer neue Wörter eingefügt werden; es können auch neue Sätze gebildet werden, in denen die Wörter neu verwendet, "umgewidmet", d. h. umgedeutet werden. Denn sie sind Symbole, Bilder, keine Abbilder.

Und sie können auch sinnwidrig verwendet werden: "uneigentliches" Sprechen z. B. Man kann die Wörter regelwidrig verwenden: das "Spiel" stören. Sprach-Spielverderber.


Januar 15, 2009



Nachtrag. Eine 'Welt' gibt es überhaupt nur als Bild.







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Donnerstag, 21. September 2017

Und nochmal: Analytisch oder kontinental?

Mineralienatlas Lydischer Stein, "Prüfstein"
 
Unter der Überschrift Was ohne Deutung bleibt, ist leer  veröffentlichte die FAZ [am 16. 1. 16] einen kurzen Beitrag des kanadischen Philosophen Charles Taylor zu der von ihr begonnenen Kontroverse zwischen 'analytischer' und 'kontinentaler' Philosophie. Diese Gegenüberstel- lung sei nur die Oberfläche, meint Taylor. Wichtiger sei viel mehr der "Unterschied, der sich aus den verschiedenen Antworten auf die Frage ergibt, ob die Philosophie eine autarke Fachdisziplin ist; ob Philosophen also ihre Fragen ohne Rückgriff auf die Erkenntnisse anderer Fachge- biete beantworten können oder nicht."

Er knüpft dabei an den Kernsatz aus dem Beitrag von Tobias Rosefeldt an: Zweck der Philosophie sei es, eine eigene Sprache zu entwickeln, "deren Bedeutung so klar ist, dass sie nicht erst der Interpretation bedarf." Sind die Begriffe scharf genug definiert, bleiben keine Probleme übrig. Das meint Taylor mit der "verhängnisvollen Vor- liebe vieler analytischer Philosophen für das selbstgenügsame Philosophiemodell". Wenn schon innerhalb des Fachs kein Raum für Interpretation bleiben soll, dann ist ein Aus-, Zurück- und Übergreifen auf andere Fächer – Geschichte, Ethik, Soziologie – schon gar nicht mehr statthaft. 


Dies wiederum beruhe auf "einem positivistischen Weltbild, das die Hermeneutik unter Generalverdacht stellt". Was immerhin eine originelle Wende wäre, denn bislang hatte man den Positivismus so verstanden, als würde er die ganze Philosophie als bloße Hermeneutik abtun und ins Reich der Fabeln verweisen. Dies hätten die 'Analy- tiker' mithin überwunden, indem sie die Philosophie selber zu einer autarken positiven Wissenschaft 'von den Be- griffen' purifiziert und gerettet hätten.

An dem Punkt bricht Charles Taylor ab. Für ihn ist damit das Terrain abgesteckt, und auf welcher Seite er steht, ist ja außer Frage, weshalb ihn die Redaktion der FAZ auch ohne Zögern einen Sozialphilosophen nennt.

Der Beitrag schafft mehr Verwirrung, als dass er zur Klärung beitrüge. Ob die Philosophie 'ein Fach' ist – oder vielleicht das öffentliche Forum aller andern Fächer –, ist eine Frage; wie weit  dieses Fach reicht, bedürfte gegebe- nenfalls einer eigenen Erörterung. Darf es übergreifen? Darf es Anleihen machen? Worauf darf es sich berufen?

Letzeres kommt dem Kern der Sache näher. Wenn sie ein Fach ist – ein wissenschaftliches, denke ich wohl –, dann muss sie auf eigenen Prämissen beruhen. Dann aber muss ihre Kritik; – immanent – von diesen Prämissen ausgehen. Von anderen, äußeren Prämissen aus ließe sich bestreiten, dass sie ein Fach und dass sie eine Wissen- schaft ist. Das eine ist Kritik, das andere Metakritik, das sind zwei Paar Schuhe.

Soviel gegen Taylor. Es geht aber auch gegen die Analytischen. Denn Prämissen, die das Philosophieren zu einem Fach konstituieren könnten, kennen sie nicht und wollen sie nicht kennen. An denen müssten sich die scharf de- finierten Begriffsmoleküle ja überprüfen lassen – und das hieße interpretieren. Ein Fach kann ihr Philosophieren da- her nicht sein, und eine Wissenschaft schon gar nicht. Jeder Begriff für sich und aus eignem Rechtsgrund (ver- mutlich der "Anschlussfähigkeit" im jeweiligen Kontext): Das ergäbe gerade kein 'Fach', sondern nur eine prag- matische Hilfsdisziplin der realen Wissenschaften. Womit wir dann doch wieder beim "positivistischen Weltbild" wären.

Das positivistische Weltbild beruht – nach Kant muss man es genau so formulieren – auf dem Verbot jedweder Wissenskritik. Die Dinge sind, was sie sind, wo ist da das Problem?


Die Transzendentalphilosophie hat ein für allemal geantwortet: Von der Wirklichkeit weißt du gar nichts, son- dern nur von dem, was in deinem Bewusstsein vorkommt, und das sind Vorstellungen. Die mögen ja richtig sein, das wollen wir gerne unterstellen. Aber wie das möglich ist – das würden wir doch schon herausfinden wollen. Die- ses Herausfinden heißt Philosophieren.

Hieße die Frage: Ist diese oder jene Vorstellung berechtigt? – so müsste auf reales Wissen von außerhalb der Phi- losophie zurückgegriffen werden. Aber wo es um das Vorstellen selber geht, kann nicht auf reales Wissen von außerhalb zurückgegriffen werden; denn dessen Begründetheit steht ja hier in Frage, und das gilt auch von der empirischen Psychologie: Deren Wissen kann höchstens so begründet sein, wie Wissen überhaupt, also kann sie es nicht selber begründen.*

Das ist ein eng gefasster Begriff von Philosophie, er ist rein kritisch; aber er ist hart und haltbar. Unmittelbar taugt er zu nichts, da haben die Nörgler Recht. Doch mittelbar taugt er zu allem und ohne ihn taugt nichts: Er ist der Prüfstein, an dem sich Alles bewähren muss. Aber um das Vorstellen selber  geht es. Die brauchbaren Begriffe sind bloß Derivate, die seien euch geschenkt.
 
*) Sollte die Hirnphysiologie eines Tages bildgebend sichtbar machen, wie aus einem Sinnes- eindruck eine Vorstellung entsteht, so könnte das nur beweisen, dass sich diese Praxis gattungsgeschichtlich als nützlich bewährt hat; aber wir wollten mehr wissen.

17. 1. 2016


Mittwoch, 20. September 2017

Genealogie der Vernunft.


Martina Herbst, pixelio.de

Die WL handelt nicht davon, wie ein Individuum zu seinem Bewusstsein kommt, sondern davon, wie Vernunft "zur Welt kommt" - wenn sie 'zur Welt' kommt. [wie das Ich 'sich setzt', indem es 'seine' Welt konstruiert - und mit 'unserer' Welt ins Benehmen setzt.]


aus e. Sudelbuch, 2. 8. 04
Die WL handelt vom Denken der empirischen Individuen [nur], insofern sie vernünftig sind. Vernunft ist nicht das, was sie als Individuen identifiziert und unterscheidet, sondern das, was ihnen als logischen Subjekten gemeinsam ist; nur darum kann sie es in einem allgemeinen Schema darstellen. 

Die obige Formulierung 'wie das Ich sich setzt, indem es seine Welt konstruiert - und mit unserer Welt ins Benehmen setzt', ist falsch - weil sich in 'seiner Welt' kein Ich 'setzt', sondern lediglich ein empirisches Selbst vorfindet - denn davon, dass es seine Welt konstruiert hat, weiß es noch nichts. Das erfährt es erst in dem Moment, wo es reflektiert - und ipso facto in 'unsere' Welt übertritt.

Ich kann mich nun einfacher ausdrücken: 'Unsere' Welt ist das Reich, wo Vernunft an ihrem Platz ist. Zu 'meiner' Welt kommt die Vernunft nicht.

Wissenschaftslehre ist die Genealogie der Vernunft; darum ist sie die pragmatische Geschichte des Geistes und nicht bloß eine Nacherzählung.
18. Oktober 2013

Sonntag, 17. September 2017

Wittgenstein im Fliegenglas.


Von der Fliege im Fliegenglas: Neue Einsichten zur Denk- und Arbeitsweise von Ludwig Wittgenstein

Dr. Romy Müller 
UNI Services
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
07.09.2017 11:21  
"Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen." So heißt es in Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen, §309. Wie er die Metapher genau verstanden haben wollte, wurde aus seinen publizierten Texten nicht in derselben Weise klar, wie dies nun anhand der Mitschriften der „Whewell’s Court Lectures“ (1938-1941) deutlich wird. Die Wittgenstein-Forscher Volker Munz und Bernhard Ritter haben die Vorlesungsmitschriften redi- giert, mit Einleitungen und Verweisen auf publizierte Schriften versehen und zeitlich eingeordnet. Nun ist das Buch dazu erschienen, das viel Erhellendes zu Wittgensteins Denken bereithält.

„The fly catcher. The fly gets in but can’t get out. The stronger the wish to get out, the harder it is for it to get out. (It is fascinated by one way of trying to get out.) If we put the fly in glasses of shapes and shades different to this one, where it was easier for it to get out, where it was less fascinated by the light, etc., and we trained it to fly out of these, it might fly out of this one also.” Diese Zeilen hat der Schüler und enge Freund Wittgensteins Yorick Smythies im Sommertrimester 1938 am Campus des Trinity College in Cambridge notiert. Sie und andere Notizen geben Volker Munz und Bernhard Ritter (beide Institut für Philosophie der AAU) Aufschluss über die Metapher: Die Fliege sei gefangen in ihrer Art, den Ausweg zu suchen. Sie strebt dabei der Faszination des Lichts entgegen und übersieht, dass es die Option gäbe, die Fliegenfalle wieder so zu verlassen, wie sie hineingeraten ist. Die Aufgabe der Philosophie könnte es nun sein, das Glas abzudecken, sodass die Faszination weg fällt, und die Fliege den Weg erkennt. „Äquivalent könnte man das Diskutieren über philosophische Begriffe sehen. Es gibt Termini, die haben die Faszination des in die Irre führenden Lichts. Man wendet sich einem anderen, weniger aufgeladenen Begriff zu, der dann als Modell dient, den ersten Begriff zu verstehen“, erläutert Bernhard Ritter dazu.
 

Das Beispiel der Fliege im Fliegenglas zeigt, wie die nunmehr bearbeiteten mehr als 2.000 Seiten an Manuskripten und Typoskripten dazu beitragen können, die Verfahrensweise und das Denken eines des bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen.
 

Besonders schwierig war die Datierung der Mitschriften: „Sie war eine der größten Herausforderungen, da in den meisten Fällen jeder direkte Hinweis fehlte“, so Volker Munz. Dass es dennoch gelungen ist, jede einzelne Mitschrift mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Jahr und Trimester einzuordnen, sei jedoch besonders lohnend.
 

Zeigt sich so beispielsweise, dass Wittgenstein zu jenen Philosophen gehörte, die „ die ihre Gedanken nicht schreibend, sondern zuerst im Kopf entwickeln“, wie Ritter ausführt. Beim Thema "Begriffsbildung" zeigen die Vorlesungsmitschriften, dass er schon lange vor der Niederschrift ausführlich darüber gesprochen hat. Ein anderes Beispiel ist der Themenkomplex "Gewissheit": Zur Zeit der Vorlesungen (1938) hatte Wittgenstein zwar schon darüber geschrieben, aber noch nicht so viel. Der große Metaphoriker Wittgenstein bedient sich sowohl in seinen Vorlesungen als auch in seinen Schriften einer einfachen Sprache, was auch gefährlich werden kann, wie Munz erklärt: „Man hat schnell das Gefühl, Wittgenstein zu verstehen, weil man die einzelnen Worte versteht.“ Dies sei aber vielerorts trügerisch. Dessen sei sich auch Wittgenstein selbst bewusst gewesen, weswegen er die Mitschrift seiner Vorlesungen nur bestimmten Schülerinnen und Schülern gestattete.
 

Das Ergebnis der Aufarbeitung ist kürzlich unter dem Titel „Wittgenstein's Whewell’s Court Lectures, Cambridge 1938-1941“ im Verlag Wiley-Blackwell erschienen. Die Forschungsarbeit wurde vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützt. 


Weitere Informationen:
http://www.aau.at


Nota. - Mit der Zeit steigt in mir der Verdacht, Wittgenstein sei in seinem Jahrhundert überschätzt worden - selbst wo man ihn nicht zum Erfinder der Analytischen Philosophie stilisiert. Der Gedanke, die Philosophie habe es nicht mit den Begriffen, sondern mit dem in ihnen zu-Begreifenden zu tun, scheint mir so unab- weisbar, dass ich einen, der darauf nicht gekommen ist, nicht für wirklich klug halten mag. Er selbst muss von der überlieferten dinglichen Auffassung des Zubegreifenden so fasziniert gewesen sein, dass er es nur als metaphysisch verwerfen konnte; nicht aber den Ausweg erkannte, das Vorstellen selber zu begreifen. Mit andern Worten, er kann von der kritischen Philosophie nicht einmal die Anfangsgründe gekannt haben.

Darum meinen die Adepten der heutigen 'analytischen' Schule, es auch nicht zu brauchen. Das ist einfach dumm.
JE



Samstag, 16. September 2017

Wo die Logik herkommt.


Es ist nicht wahr, dass die Vernunft an den Wörtern hängt. Die Mitteilung der Vernunft hängt an den Wörtern: die Verständigung, der Verstand.

Auch die Bilder können mitgeteilt werden, im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zumal. Aber es gibt keine Gewissheit, ob sie so 'ankommen', wie sie 'abgesandt' wurden: ob der Empfänger sie so 'versteht' wie der Absender. Das analogische Denken fordert die Einbildungskraft heraus, und auf die ist nur sehr unter- schiedlich Verlass: bei dem einen schafft sie viel, vielleicht zu viel, bei dem andern wenig... Und ob, das lässt sich vom Sender gar nicht kontrollieren.

In einem Lebensverbund ("Gesellschaft"), der auf Arbeitsteilung beruht, kann aber das Gelingen der Mitteilung nicht dem Zufall überlassen bleiben. Die ganzen Bilder müssen - durch Abstraktion/Reflexion - in viele einzel- ne Zeichen zerlegt und mit einer Gebrauchsanleitung zu ihrer Rekomposition ausgestattet werden: lauter Be- deutungsatome ("Informationen"), die nach allgemeinen, d. h. öffentlichen, nämlich zwingenden und kontrol- lierbaren Denkgesetzen zusammengesetzt sind: der Logik.

Die Begriffe und die Logik sind in der Tat pragmatische Produkte: Sie bewähren sich - täglich aufs Neue - als Medien der Verständigung.

Aber das, worüber Verständigung geschieht; das, was mitgeteilt wird, das sind 1.) Anschauungen und 2.) Vor- stellungen, die "zuerst" als Bilder "da sind". Mit den Zeichen und ihren Verbindungsregeln werden sie nur "beschrieben".

Und selbstredend kann es gelingen - nämlich diesem oder jenem -, dass aus dem freien Gebrauch der Zeichen und Verbindungsregeln neue Bilder sichtbar werden. Aber sie schaffen die Bilder nicht, sondern sie führen, d. h. verführen... die Einbildungskraft.

Der Verstand kann den Blick frei machen - nämlich durch die im zu langen Gebrauch opak gewordenen Bilder hindurch; aber sehen muss jeder selbst.

Allerdings ist es wahr - und insofern haben die Lamentationen der Postman & Co. was für sich -, dass es kaum noch ein Bild gibt, das nicht schon tausendmal "da war" - und darum tausendmal bezeichnet wurde. Der verge- sellschaftete Einbildner kann gar nicht anders als die im Verkehr bewährten Zeichen "immer schon" in die Bilder mit hineinzusehen - was deren 'Gehalt' aber nicht vermehrt, sondern im Gegenteil schmälert: indem auf diese Bedeutung besonders abgesehen wird, wird von jener andern eben auch abgesehen.

Kritisches Denken ist nur in einem flachen Verständnis dasjenige, das sich auf die Prüfung beschränkt, ob die Zeichen auch wirklich alle nach den Regeln der Kunst (dem Denkgesetz) zusammengesetzt sind. Im ausge- zeichneten Sinn ist das kritische Denken dasjenige, das den Gebrauch der im Verkehr bewährten Zeichen immer wieder mit dem Anblick der Bilder vergleicht. Das ist kein diskursiver, sondern ein intuitiver Akt. Ob in den Bildern "mehr", das heißt was andres zu sehen ist, als die konventionellen Zeichen herausholen, ist ein ästhetisches Urteil, kein logisches.

1. 11. 94


Nota I. - Ich behaupte nicht die Konventionalität des Logischen. Wenn eine bestimmte Zahl von Parteien sich auf etwas verständigt, ist das Ergebnis eine Partikularität - und als solche zufällig. Hier ist aber die Rede von einem endlosen Prozeß stetiger Ausmittelung - und dessen Resultat ist allgemein und notwendig. Die logischen Formen wurden nicht ersonnen und nicht vereinbart, sondern haben sich notwendig ergeben. Dass sie sich im täglichen Gebrauch als zwingend bewähren, ist kein Mysterium: denn so sind sie entstanden.

Nota II. - für Kenner und Liebhaber: Es handelt sich um denselben Prozess der 'Realabstraktion' wie bei der Ausbildung des Tauschwerts im Zirkulationsprozess auf dem Markt. 
JE

13. 10- 13 





Freitag, 15. September 2017

Wird die Logik wie der Wert im verallgemeinerten Verkehr ermittelt?


 
Einigen unter den Kennern und Liebhabern ist aber aufgefallen: Im reellen Prozess des Warenverkehrs wird als Tauschwert schließlich und endlich eine reelle Größe ermittelt - nämlich der Anteil am gesellschaftlichen Gesamt- arbeitstag, der in der Ware jeweils vergegenständlicht ist. Das ist ein tatsächliches, historisches Verhältnis, das aber außerhalb dieses reellen Vermittlungsprozesses nie und nirgends in Erscheinung tritt.

Gibt es eine ähnliche feste Größe, um die kreisend die Logik sich aus dem geistigen Verkehr der Menschen ausgemittelt hätte? Die also der Logik logisch vorausgeht? Das könnte doch nur das Projekt eines intelligenten Designers sein! Dem läge wiederum gar nichts irgend Zwingendes zu Grunde; es wäre ein reiner Willkürakt ohne alle Logik.

Aber so ist es nicht. Der Tauschwert - Wert - der Ware ist etwas Sachliches: das wirkliche, tätige Verhältnis lebendiger Menschen, die ihre Produkte tauschen unter der Bedingung prinzipiell knapper Ressourcen - und unter der Bedingung, dass der Stoffwechsel der Menschen mit der Natur und miteinander in ganz überwiegen- der Weise in der Nutzung und dem Verzehr von Gegenständen geschieht, die (nur) durch menschliche Arbeit erzeugt werden können. Ob das der Fall ist oder nicht, ist ausschließlich historisch bedingt und muss wie jedes historische Datum empirisch überprüfbar sein.

Was der Logik 'zugrunde liegt', ist aber nicht eine Wirkursache, sondern eine Zweckursache. Sie soll es möglich machen, dass ein gedankliches Argument jederzeit einem jeden so mitteilbar ist, dass es ihm so einleuchtet, wie es dem Absender eingeleuchtet hat (ohne Informationsverlust, clare et distincte, usw. usw. ...) Das kann sich nur erweisen, indem man es versucht. 

Ein solches Verfahren heißt problematisch. Der Zweck ist gegeben, aber als reine Form: Es soll Übereinstimmung hergestellt werden. Er ist Postulat; Projekt.  

Ob das Argument Übereinstimmung erlaubt, ist immer noch eine materiale Frage, die geprüft wird im Akt des Mitteilens selbst: Hält das Material den Mühsalen der Mitteilung stand? Das ist an vielen Materialen und vielen Übermittlungsweisen auszuprobieren, man kann nicht das eine überprüfen ohne das andere: Es ist ein unun- terbrochener, sich ständing erneuernder Prozess; der niemals endende geistige Verkehr eben.

Dass er schließlich zu einem ('einstweilen definitiven') Ergebnis kommt, liegt daran, dass sie 'letzten Ende beide aus demselben Stoff' gemacht sind: der Intentio, der Absicht der miteinander verkehrenden Subjekte. Wobei sich das einstweilen definitive, aber konkrete Ergebnis an dem absoluten, aber als solchem unbestimmten End- zweck, der Endzweck wiederum
an den konkret-vermittelten Zwischenzwecken bewährt; diese an jenem for- mal, jener an ihnen material.

im Herbst 2015 



Die Analogie zum Wertgesetz springt ins Auge. Dabei ist dieses im engsten Sinne materiell, die Logik aber rein... logisch und ideell. Beide beruhen auf Voraussetzungen. Dieses auf materiellen, jene auf ideellen.

Die materiellen Voraussetzungen des Wertgesetzes sind, dass das gesellschaftliche Leben von einer Knappheit an Lebensmitteln bestimmt wird, die ihrerseits durch Arbeit jederzeit vermehrt werden können; und dass das Material und die Instrumente der Arbeit bei einer bestimmten Gruppe von Individuen monopolisiert ist, so- dass alle Gesellschaftsangehörigen auf gegenseitigen Austausch angewiesen sind, weil das Arbeitsprodukt stets als Ware erscheint. Daraus ergeben sich alle andern Bestimmungen, die unterm Strich das Wertgesetz ausma- chen.

Die Voraussetzung der Logik ist - was sie nicht ahnt - eine pragmatische: Es soll absolute Geltung geben. Damit es sie gibt, werden die Bedingungen herausgefunden, unter denen ein logisches Datum - ein Satz - gilt. Sind die Bedingungen gegeben, ist die Geltung absolut. Nur so ist ein verallgemeinerter Austausch von Gedachtem mög- lich.


Ist er aber nötig? Die Waren müssen vom Produzenten an die Konsumenten gelangen, das ist notwendig, damit die Gesellschaftsangehörigen Mittel zum Leben finden. In gewissem Maß ist dazu freilich ein Austausch von Gedachtem unerlässlich. Tatsächlich befasst sich aber der Austausch von Gedachtem in allen Gesellschaften, von den primitivsten Jäger- und Sammlerstämmen bis zu den postindustriellen Gemeinwesen der digitalen Re- volution, mit weit mehr als der Produktion und Verteilung materieller Güter. Letzteres wird in den kommenden Generationen immer mehr zur Angelegenheit intelligenter Maschinen werden. Wüssten wir uns nur um unsere materiellen Belange zu verständigen, stünden wir dann dumm da, aber zum Glück wissen wir viel mehr.

Ein Glück ist es, denn eine Gesetzmäßigkeit ist darin nicht zu erkennen. Es ist eine augenfällige Selbstverständ- lichkeit - das ja -, dass die Menschen, wenn sie das Denken schonmal erfunden haben, damit alles Mögliche ver- suchen und schaffen würden: So sind wir eben. Aber notwendig war es ja gerade nicht. Möglich wird dieses oder jenes, weil wir... die Freiheit haben, es zu versuchen, und selbstverständlich ist uns nur, dass wir diese Freiheit haben und immer hatten. Denn wenn sich der Philosoph gelegentlich auch fragt, ob die Freiheit nicht unser Fluch ist, muss er doch dem Faktum ins Auge schauen, dass wir ihrer Versuchung immer und immer wieder erliegen. Und dass wir das Beste, was man über unsre Auftritte in der Geschichte sagen kann, ihr verdanken.

13. 5. 2017

Sonntag, 10. September 2017

Der Goffinkakadu und die erste geschichtliche Tat.



Die 'erste geschichtliche Tat' sei die Erfindung eines 'neuen Bedürfnisses' gewesen, schrieben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie. Die erste historische Tat war die, durch die der Mensch aus dem blinden Naturgesetz heraus- und in seine eigene Geschichte eingetreten ist; und durch die er sich zum Menschen gemacht hat. Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen hieß dann das seinerzeit populärste Pamphlet von Friedrich Engels. Indes, begonnen wird wohl die 'Menschwerdung des Affen' vor der ersten historischen Tat haben, sie hat jene ja erst möglich gemacht. 

Also doch: das Denken. 

'Intelligenz' ist noch ein zu vager Begriff, sie muss ja inzwischen auch vielen Tieren zugeschrieben werden. Doch das Überlegen im Besonderen, das regelmäßige planende Vergleichen der Zwecke mit den Möglichkeiten, das macht ja wohl das Besondere menschlicher Wachheit aus; es ermöglicht Arbeitsteilung und macht ipso facto elaborierte Kommunikation notwendig; komplexe Sozialstrukturen, regelmäßigen Perspektivenwechsel. Reflexion, Verstand. Zugrunde liegt immer der Gedanke: Der Mensch muss arbeiten, um zu leben; und so kommen wir zurück zu Engels.

Das stellt der Goffinkakadu nun in Frage. Er tut, was wohl im Besondern menschlichen Verstand auszeichnet: er kalkuliert. 'Wenn ich dies tue, kostet es mich das und ich gewinne jenes; wenn ich jenes tue...' usw. - und er berechnet den größten Nutzen bei geringstem Aufwand. Aber arbeiten tut er nicht.

'Irgendwas tun' muss wohl auch der Kakadu, wenn er sich ernähren will. Und zwar mal dies, mal das, und meistens irgendwie dasselbe, was die Natur ihm angeerbt hat: Er liest auf, was er findet. Wenn wir auch das Arbeit nennen wollten, verlöre das Wort jeden Sinn, denn dann 'arbeiten' alle Lebewesen. Das Spezifische unserer Arbeit ist aber, dass die Menschen die Bedingungen, unter denen es etwas zu findet gibt, selber herstellen müssen. Bedingungen selber herstellen... - so etwas tun die Kakadus hier im Labor auch. Aber nicht, weil sie sich ernähren müssen - das besorgt das Laborpersonal -, sondern weil sie Muße haben, sich um Bonbons zu bemühen. So ist es in der freien Natur nicht, und da benutzen sie auch keine Werkzeuge: Es geht auch ohne.

Die Menschen haben sich aus freien Stücken eine Lebensweise zugelegt, in der sie die Bedingungen ihrer Ernährung selber schaffen müssen. Dass sie kalkulieren können und das Geschick zum Werkzeuggebrauch haben, kann schwerlich die hinreichende Voraussetzung dafür sein, denn all das können die Kakadus auch. Mit andern Worten, das bloße Kalkül und technisch-ökonomischer Verstand sind es nicht, die 'den Affen zum Menschen werden' ließen. Die gehören wohl zu den notwendigen Bedingungen. Aber es muss noch etwas hinzugekommen sein.