Dienstag, 31. Oktober 2017

Indem sie den Menschen auf seine Füße stellt.


Leonardo, Kanon 

Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligiöse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu machen.

Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. – 

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.
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 J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 123]






Montag, 30. Oktober 2017

Wozu taugt denn nun die Wissenschaftslehre?


Rembrandt, Die Anatomie des Dr. Tulp

Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung derselben, wenn sie gesteht, dass sie für das Leben nichts andres sagen, zu demselben [sich] nicht einmal als Instrument bilden kann; daß sie nur Wissenschaftslehre, keineswegs Weisheitsschule ist?

Ich erinnere auch hier an die oft gegebene Antwort. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält.
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J. G. Fichte,  Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 122]





Sonntag, 29. Oktober 2017

Wahrheit.


Albrecht Arnold, pixelio.de

Es ist das unmittelbare Gefühl der Gewißheit und Notwendigkeit eines Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen ... zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen übereinstimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem Urteile über die Übereinstimmung nicht wieder irren? Etwa wieder durch theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. – Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das Gefühl?
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 146] 


Nota. - Er nennt es Gefühl. Es ist aber nichts Physiologisches; kein sinnliches Gefühl. Ein intellektuelles Gefühl also. Das Urteil tritt mit der Wahrnehmung selbst ein, es gibt das eine nicht ohne die andere und die andere nicht ohne das eine. Eine Deliberation geschieht nicht. 

Wie nennen wir Urteile, die notwendig von einem Gefühl der Zustimmung oder der Ablehnung begleitet sind? Richtig: Wir nennen sie ästhetisch.
JE









Donnerstag, 26. Oktober 2017

Ist Philosophie eine Sache der Universitäten?

Rembrandt, Der lachende Philosoph (Demokrit)

aus einem Kommentar:

... Die nächstliegende Bemerkung: Das Problem ist, dass die Universitäten zu Ausbildungsstätten für Berufskarrieren geworden sind. Bologna war ein Höhe-, aber vermutlich nicht einmal der Schlusspunkt.

Allerdings waren die Universitäten als Ausbildungsstätten für Berufskarrieren entstanden. Ärzte, Juristen und Theologen brauchten einen Universitätsabschluss. In der Neuzeit kamen die leitenden Staatsbeamten hinzu; wer den Fürsten ihre Reiche verwalten sollte, brauchte eine umfassende Allgemeinbildung - denn gegen die Juristen und Theologen würde er bestehen müssen.

Die besondere Ausprägung der deutschen Universitäten, deren universalistisches Ideal im 19. Jahrhundert zum Vorbild der westlichen Welt wurde, verdanken sie dem spezifisch deutschen Bildungs-Begriff. 'Tatsächlich ist die Entgegensetzung von Bildung und dem Lernen nützlicher Realien für sozialölkonomische Zwecke eine deutsche Erfindung. Sie wurde zur identitätsstiftenden nationalen Leitidee, denn eine solche brauchten wir.

Die andern großen Nationen mußten ihre Identität nicht aus der Reflexion konstruieren, sie konnten sie anschauen: in einem lebendigen verbindlichen Menschenbild, in dessen charakteristischen Zügen die Spuren der gemeinsamen Geschichte lesbar sind. Der englische gentleman personifiziert die historische Vereinigung von Adel und Großbürgertum zur typisch britischen Oligarchie, im französischen citoyen verbinden sich der plebejische Stolz des Sansculotten mit römischer Staatsvergötzung, der amerikanische pioneer vereinigt den beengten Blick auf den nächstliegenden Vorteil mit einer kontinentalen Weite des Horizonts. Die tausendfach zersplitterten Deutschen haben als Nationaltype lediglich den Michel hervorgebracht, und schämten sich seiner: Er mußte sich erst einmal bilden.'

Die erste Realisierung dieses Ideals wurde die Humboldt'sche Universität in Berlin, ihr erster gewählter Rektor wurde der idealistische Philosoph Fichte - der seinerseits das erst hundert Jahre später in Angriff genommene Programm der Landerziehungsheime entworfen hat. Wandervogel und Deutsche Reformpädagogik wurden zu unmittelbaren Erben der deutschen Bildungsidee.

Das war eine durch und durch bürgerliche Idee. Durch und durch bürgerlich waren auch die Naturwissenschaf- ten, die man damals so zu nennen begann, und die universalistische Bildungsidee öffnete ihnen die Hörsäle der Universitäten. Deutschland war im 19. Jahrhundert Heimstatt der Wissenschaft. Wollte wer 'in der Wissenschaft mitreden', wurde er am besten ein deutscher Professor; aber ein deutscher Doktor war das mindeste; natürlich war die Universität ein Sprungbrett für die Berufslaufbahn.


Auch die Philosophie kam seit den siebziger Jahren des 19. Jahunderts wieder zu Ehren, als Sahnehäubchen auf den Realwissenschaften, das niemand wirklich brauchte, aber über Alles ein weihevolles Licht goss. Den Natur- wisschenschaften zeigte sie sich erkenntlich, indem sie sich an deren strengen Wissenschaftsbegriff anschmieg- te: Seither ist deutsche Universitätsphilosophie philologisch, pedantisch und für Außenstehende unverständlich. Und das durfte sie ruhig werden, denn es entstand eine beispiellose Menge neuer Lehrstühle; und ein Studien- rat an deutschen Gymnasien war regelmäßig Dr. phil. Ein Studium der Philosophie - gern auch neben einem Brotstudium - diente der Vorbereitung auf einen Erwerbsberuf. Immer weniger der Sache, immer mehr der Form nach.


Das konnte dauerhaft nicht ohne Folgen für das Was der akademischen Philosophie bleiben. Tonnenideologie und Kästchendenken wucherten wie in allen andern Erwerbszweigen, und nach einem Überblick suchten nur drei- einhalb Außenseiter. Das Ergebnis: Ein Denkstil, der wie zu Wolff-Baumgartens Zeiten sein Genügen in immer neuen, immer spitzfindigeren Definitionen findet, spielt sich gegen die 'kontinentale', 'historische' und philologische Flohknackerei als denkerischer Stoßtrupp auf und nennt sich wie zum Hohne auch noch "syste- matisch".

Ausufernde Form und dünner Inhalt sind nicht an sich das Problem heutiger philosophischer Dissertationen. Es ist der Gehalt, der nichts als Wiederkäuen gestattet - und sei es 'ganz von vorne an'. Der Gehalt einer Philo- sophie, die sich zu Recht so nennt, bleibt aber immer:

Von der Wirklichkeit weißt du gar nichts, sondern nur von dem, was in deinem Bewusstsein vorkommt, und das sind Vorstellungen. Die mögen ja richtig sein, das wollen wir gerne unterstellen. Aber wie das möglich ist – das würden wir doch schon herausfinden wollen. Dieses Herausfinden heißt Philosophieren. Das ist ein eng gefasster Begriff von Philosophie, er ist rein kritisch; aber er ist hart und haltbar. Unmittelbar taugt er zu nichts, da haben die Nörgler Recht. Doch mittelbar taugt er zu allem und ohne ihn taugt nichts: Er ist der Prüfstein, an dem sich Alles bewähren muss. Aber um das Vorstellen selber geht es. Die brauchbaren Begriffe sind bloß De- rivate, die seien euch geschenkt.

Kritische Philosophie eignet sich nicht zum Wiederkäuen. Und wer nur einen Titel will, den wird das Wieder- käuen nicht verdrießen. Philosophie war Jahrhunderte lang keine Sache der Universität und braucht es auch nicht zu bleiben.


Nachtrag

Der Richtigkeit halber sei aber angefügt, dass Philosophie als selbständiges wissenschaftliches Fach im heutigen Sinn allerdings an der Universität, mit der Universität neu-entstanden ist: im hohen Mittelalter, und aus diesem Grund heißt diese ihre Entwicklungsetappe bis heute Scholastik. Sie war viel weniger steril, als man es redens- artlich glauben macht; der Universalienstreit war ein Wendepunkt der Geistesgeschichte, von einer 'Ersten Auf- klärung' ist gar die Rede; und dass er andernorts nicht stattgefunden hat, merkt man den außereuropäischen Kulturen bis heute an. Vor allem aber genügte sie sich damals nicht selbst, denn die Universität war kein Elfen- beinturm: Sie stand in unmittelbarer Konkurrenz zur Theologie und war beinahe politisch - und in Gestalt Wilhelm von Ockhams mehr als nur beinahe.

Brechen konnte sie freilich nicht mit dem Dogma. Dazu bedurfte es des Einbruchs der Mathematik in die Philosophie. Galileo war kein Universitätsgelehrter, Descartes, Spinoza, Newton und Leibniz ebensowenig. Zur Universitätsangelegenheit wurde sie erst wieder durch Christian Wolff, der die genialen Essays von Leibniz systematisierte und bis zu Kants Kritiken das darniederliegende deutsche Geistesleben beherrschte. Nach eige- nem Verständnis Speerspitze der Aufklärung, erschien sie aber in ihren haarspalterischen Distinktionen und Definitionen schon der folgenden Generation als eine 'Zweite Scholastik', und mit der Kritischen Philosophie brach das Denken wieder aus dem universitären Elfenbeinturm aus.

Aber auch das nur kurz. An kleinlicher Scholastik und zugleich an systematischem Totalitarismus stellte das Hegel'sche System alles Vorangegangene in den Schatten. Als es zusammenbrach, blieb für die Philosophie nur verbrannte Erde. Allerdings war die Universität unterdessen zu ungeahnten Würden gekommen - siehe oben.

Mit andern Worten, das Verhältnis der Philosophie zur Universität war immer ein zyklisches, um nicht zu sagen: ein spasmisches. Universitätsphilosophie ist dem Wesen der Dinge nach schulmäßig - in Form und Gehalt. Neue Vitalität hat sie stets nur erfahren durch Abstandnahme vom Hochschulbetrieb und nicht durch den Versuch, ihn auszubessern.

"Damit sind einige Bedingungen genannt, unter denen der philosophische Genius in unserer Zeit trotz der schädlichen Gegenwirkungen wenigstens entstehen kann: freie Männlichkeit des Charakters, frühzeitige Menschenkenntnis, keine gelehrte Erziehung, keine patriotische Einklemmung, kein Zwang zum Brot-Erwerben, keine Beziehung zum Staate – kurz, Freiheit und immer wieder Freiheit: dasselbe wunderbare und gefährliche Element, in welchem die griechischen Philosophen aufwachsen durften." Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen; Kapitel 32/8  





Dienstag, 24. Oktober 2017

Ein Doktortitel fürs Wiederkäuen.


openpr
aus Süddeutsche.de,

Ein Doktortitel fürs Wiederkäuen
In Deutschland werden mehr Doktorarbeiten denn je geschrieben - aber sie interessieren kaum noch. Das Beispiel der Philosophie zeigt, warum die Promotion in der Krise ist.

Von Maximilian Sippenauer

Nachdem Goethes Dissertation abgelehnt wurde, machte ihm der Dekan einen Vorschlag zur Güte: Er möge doch über ein paar Thesen disputieren, was Goethe - wie er in "Dichtung und Wahrheit" schreibt - mit "großer Lustigkeit, ja Leichtfertigkeit" tat. Doch so sehr es Goethe amüsierte, dass ihm ein wissenschaftlich redundanter Beitrag von zwölf Seiten den Doktortitel einbrachte, so wuchs darüber auch seine tiefe Skepsis gegenüber einer institutionalisierten Wissenschaft.

Die Stellung der Promotion, des akademischen Gesellenstücks, war schon immer ein guter Seismograf für den Zustand des forschenden Denkens. Nach Goethes Zeiten wurde sie professioneller und anspruchsvoller; doch heute muss man vor allem für die Geisteswissenschaften sagen: Die Promotion steckt in der Krise.

Spätestens seit den Universitätsreformen im Zuge des Bologna-Prozesses, der eine europäische Vereinheitlichung bringen sollte, übernimmt die Promotion eine undankbare Scharnierrolle zwischen einer Post-Bologna-Realität im Studienalltag - der in diesen Tagen überall wieder beginnt - und dem Humboldt'schen Ideal von Wissenschaft. Ein bis ins Detail ausdefiniertes Studium, das schnell fit machen soll für den Arbeitsmarkt, trifft auf eine extrem uneinheitlich organisierte Universitätswelt.

Bei der Promotion müssen diese inkompatiblen Vorstellungen von Wissen und Wissenschaft irgendwie zusammenfinden; mit gravierenden Folgen nicht nur für die Promovierenden, sondern auch für die Produktion von Wissenschaft. Die Zahl der Promovierenden ist heute so hoch wie noch nie. Im Wintersemester 2014/15 arbeiteten in den Geisteswissenschaften knapp 35 000 Menschen in Deutschland an einer Doktorarbeit. Während aber immer mehr Doktoranden und Studierende hinzukamen, stagnierte die Zahl fester Universitätsstellen. Also gibt es viel, viel mehr Promovenden als Posten. Trotz dieser kurzsichtigen Stellenpolitik setzt die Politik unverdrossen Promotionsanreize, schreibt neue Stipendien aus, subventioniert Sonderforschungsbereiche.

"Man produziert einfach Menschenmaterial"

Was dies bedeutet, wird am Beispiel der Philosophie besonders deutlich. "Man betreibt in einem Großprojekt wie einem Exzellenz-Cluster meistens den Unsinn, dass man vierzig Doktoranden für drei Jahre beschäftigt, in denen sie irgendetwas schreiben müssen", kritisiert Markus Gabriel, Professor für Philosophie an der Universität Bonn. "Sehr wahrscheinlich aber schafft es davon kein einziger zur Professur. Man produziert einfach Menschenmaterial, um die deutsche Philosophie dann im Ausland feilzubieten."

Gabriel plädiert stattdessen für mehr fixe Professuren, etwa wie in Frankreich. Diesen solle aber ein kleineres Kontingent an Promovierenden zugeordnet werden. Statt zwanzig hätte ein Professor etwa vier vollfinanzierte Doktoranden zu betreuen. Diese könnten sich voll auf ihre Dissertationen konzentrieren und hätten realistischere Aussichten auf eine Anstellung.

Die Dissertation selbst zählt kaum

Es geht aber nicht nur um faire Berufsverhältnisse. Das eigentliche Dilemma, das aus dem prekären Ungleichgewicht zwischen Stellen- und Anwärterzahlen resultiert, ist, dass der enorme Konkurrenzdruck unter den Promovierenden zu einer fast schon wissenschaftsschädlichen Arbeitsweise führt. Wer heute eine akademische Karriere anstrebt, für den ist "genau das zu tun, worin sein tiefstes philosophisches Interesse liegt", wie Gabriel die Funktion der Promotion beschreibt, meist der falsche Weg. Statt sich auf die Dissertation zu konzentrieren, verbringen Doktoranden heute schon ihre Zeit auf Konferenzen und versuchen, sich frühzeitig in Zeitschriften zu profilieren.

Dies bedauert auch der Philosophie-Doktorand Guido Barbi, der in München und Berkeley studiert hat und nun an einer Dissertation über das Thema Technokratie arbeitet. "Für eine Uni-Karriere ist es entscheidend, in den bestmöglich platzierten internationalen Zeitschriften zu publizieren. Das Endprodukt Dissertation wird wenig gelesen und zählt als Einstellungskriterium kaum. Wichtiger sind quantitative Kriterien: Wie viele Artikel hat man geschrieben, wo sind sie erschienen, wie oft wurden sie zitiert?" Während der Promotion werde man, so Barbi, schrittweise vom kreativ denkenden Jungakademiker zu einer Publikationsmaschine umtrainiert.

Doch hat sich die Doktorarbeit als Monografie, an der über Jahre gedrechselt wird, nicht überholt? Sind kumulative Promotionen, in denen man eine Reihe von Aufsätzen anfertigt, nicht zeitgemäßer? Und ist es nicht sinnvoll, als Jungakademiker in Essays an aktuellen Debatten zu partizipieren? Auch Lukas Köhler, bis vor Kurzem Post-Doc an der Hochschule für Philosophie München und nun Mitglied des Bundestages für die FDP, sieht die Bedeutung schnellerer Debatten. Nur sähe das in Realität anders aus: "Wissenschaftlich gesehen ist das Veröffentlichen von Aufsätzen kontraproduktiv. Denn die Art und Weise, wie Paper heute zu schreiben sind, erlaubt kaum Neues. Im Prinzip werden in diesen Texten nur alte Gedanken reproduziert."

Ein Grund dafür ist die Gatekeeper-Position der wissenschaftlichen Zeitschriften. In dem ausdifferenzierten und nie ganz zu überblickenden Bereich der Philosophie soll Qualität mittels Peer-Review garantiert werden. Hierzu prüfen zwei oder drei Peer-Leader, renommierte Professoren des Fachs, ob das komplett anonymisierte Paper zu einer Publikation taugt.

Klingt erst einmal seriös. Doch das Vorgehen hat einen Haken. Es treibt die Diskurse nicht voran, sondern in die Breite. "Wenn die harte Währung für eine Unikarriere die Veröffentlichungen sowie gute Netzwerke sind, dann investiert man dafür die meiste Zeit. Und zwar effizienterweise, indem man sich dem Jargon anpasst", meint Köhler. "Das heißt, man schreibt wie alle anderen und über dieselben Themen; und man rezipiert natürlich die Topautoren, die die Peer-Review durchführen."

Gedruckt wird nur, was Schlüsselbegriffe enthält

Diese Mechanismen machten eine unkonventionelle Arbeit schlichtweg riskanter. Doktorand Barbi sagt: "Oft werden unorthodoxe Gedanken zunächst nicht als suspekt betrachtet. Wenn sie jedoch erfordern, sich vom gängigen Jargon abzusetzen, wird der Gedanke als formal unzulänglich angesehen und die Publikation verwehrt." Es gibt also sprachliche Zusammenhänge aus Schlüsselbegriffen, Schlüsselzitaten und Schlüsselquellen, die bedient werden müssen, damit ein Essay problemlos in den Journals erscheint und durch die Algorithmen der Suchmaschinen bestmöglich erfasst wird. Diese bestimmen die Rankings auf Webseiten wie Academia.edu. Wer dort oben steht, wird häufiger zitiert, gilt damit als relevanter und hat bessere Karrierechancen. Hegt man ein philosophisches Erkenntnisinteresse, ist das natürlich völliger Unsinn.

Die Konsequenzen für die philosophische Praxis sind fatal. "Peer-Review in der Philosophie ist die Vortäuschung von Qualitätskontrolle", so Gabriel. "Kein einziger großer Philosoph wäre je mit einem seiner relevanten Texte in ein solches Journal gekommen. Immanuel Kant hätte unter heutigen Bedingungen nicht publizieren können. Seine 'Kritik der reinen Vernunft' wäre nie bei Oxford University Press erschienen, 'Was ist Aufklärung?' vielleicht noch in der Süddeutschen."

Zugrunde liegt dem Journalsystem ein wesentliches Missverständnis. "Die Philosophie, wie vor 2500 Jahren im Westen und Osten konzipiert, ist fundamental inkompatibel mit einem ideologischen Verständnis von Wissenschaft. Aber in der Logik gibt es keine Entdeckungen wie die neuer Proteinvariationen in der Biologie." Dieser quasiwissenschaftliche Ansatz beeinträchtige auch die Sprache. "Heute wird in Deutschland so getan, als werde in dem anonymen, stillosen Stil der Peer-Review-Journals von Tatsachen berichtet. Dabei wird in den USA, entgegen den Vorurteilen, auch sprachlich experimentiert."

Überhaupt sind schnelle Journaldebatten kein Allheilmittel. "Will man sich etwas ausdenken, was eine Wirkungskraft wie etwa Saul A. Kripkes 'Name und Notwendigkeit' hat, dann braucht man Zeit. Bis Kripke dieses Buch schreiben konnte, hat er zehn Jahre nur über Semantik nachgedacht." Die Doktorarbeit ist als so ein Raum konzipiert: Hier folgt man über zwei oder drei Jahre, abseits von Hektik und Karrieresorgen, seinem genuinen Interesse.

De facto aber fließt ein Großteil dieser Energie, so sind sich Professor, Post-Doc und Doktorand einig, in wissenschaftlich redundante Vorträge und Aufsätze, allenfalls als rhetorische Fingerübungen entschuldbar, tatsächlich jedoch selten mehr als ein strategisches Aufmerksamkeitsheischen. Dies bläht die Diskurse immer weiter auf. Ein Teufelskreis, der bei der Promotion nicht endet. "Eine Universitätskarriere bei uns heißt, sich dem Diskurs und seinen Freiheit und Kreativität einschränkenden Mechanismen bis zur entfristeten Stelle zu fügen", erklärt Gabriel. "Und diese wenigen, fixen Posten kommen sehr spät. Etwa in einem Alter um die vierzig." Bis dahin würden etliche Arbeiten aus Karriereerwägungen produziert.

Die deutsche Philosophie zeichnete immer ein besonderes Verhältnis von Sprache und Denken aus. Sie war damit zugleich jargonkritisch und jargonanfällig. Wenn aufgrund struktureller Bedingungen Promovieren heute bedeutet, sich einem quasiwissenschaftlichen Jargon anbiedern zu müssen, ist die Gefahr groß, dass das kritische Gegengewicht im Denken bereits in seinen Anfängen verkümmert. Eine Gefahr, vor der schon Denker wie Weber, Heidegger oder Adorno warnten. "Was Heidegger als das Gestell bezeichnet hat, ist ja die Horrorvision einer Groko des Denkens, die überall einzieht", so Gabriel. "Der philosophische Betrieb heute ist Heideggers Albtraum."


Nota. - Die nächstliegende Bemerkung: Das Problem ist, dass die Universitäten zu Ausbildungsstätten für Berufskarrieren geworden sind. Bologna war ein Höhe-, aber vermutlich nicht einmal der Schlusspunkt.

Allerdings waren die Universitäten als Ausbildungsstätten für Berufskarrieren entstanden. Ärzte, Juristen und Theologen brauchten einen Universitätsabschluss. In der Neuzeit kamen die leitenden Staatsbeamten hinzu; wer den Fürsten ihre Reiche verwalten sollte, brauchte eine umfassende Allgemeinbildung - denn gegen die Juristen und Theologen würde er bestehen müssen.

Die besondere Ausprägung der deutschen Universitäten, deren universalistisches Ideal im 19. Jahrhundert zum Vorbild der westlichen Welt wurde, verdanken sie dem spezifisch deutschen Bildungs-Begriff. 'Tat- sächlich ist die Entgegensetzung von Bildung und dem Lernen nützlicher Realien für sozialölkonomische Zwecke eine deutsche Erfindung. Sie wurde zur identitätsstiftenden nationalen Leitidee, denn eine solche brauchten wir.

Die andern großen Nationen mußten ihre Identität nicht aus der Reflexion konstruieren, sie konnten sie anschauen: in einem lebendigen verbindlichen Menschenbild, in dessen charakteristischen Zügen die Spuren der gemeinsamen Geschichte lesbar sind. Der englische gentleman personifiziert die historische Vereinigung von Adel und Großbürgertum zur typisch britischen Oligarchie, im französischen citoyen verbinden sich der plebejische Stolz des Sansculotten mit römischer Staats- vergötzung, der amerikanische pioneer vereinigt den beengten Blick auf den nächstliegenden Vorteil mit einer kontinentalen Weite des Horizonts. Die tausendfach zersplitterten Deutschen haben als Nationaltype lediglich den Michel hervor- gebracht, und schämten sich seiner: Er mußte sich erst einmal bilden.'

Die erste Realisierung dieses Ideals wurde die Humboldt'sche Universität in Berlin, ihr erster gewählter Rektor wurde der idealistische Philosoph Fichte - der seinerseits das erst hundert Jahre später in Angriff genommene Programm der Landerziehungsheime entworfen hat. Wandervogel und Deutsche Reformpäda- gogik wurden zu unmittelbaren Erben der deutschen Bildungsidee.

Das war eine durch und durch bürgerliche Idee. Durch und durch bürgerlich waren auch die Naturwissen- schaften, die man damals so zu nennen begann, und die universalistische Bildungsidee öffnete ihnen die Hörsäle der Universitäten. Deutschland war im 19. Jahrhundert Heimstatt der Wissenschaft. Wollte wer 'in der Wissenschaft mitreden', wurde er am besten ein deutscher Professor; aber ein deutscher Doktor war das mindeste; natürlich war die Universität ein Sprungbrett für die Berufslaufbahn.


Auch die Philosophie kam seit den siebziger Jahren des 19. Jahunderts wieder zu Ehren, als Sahnehäub- chen auf den Realwissenschaften, das niemand wirklich brauchte, aber über Alles ein weihevolles Licht streute. Den Naturwisschenschaften zeigte sie sich erkenntlich, indem sie sich an deren strengen Wissen- schaftsbegriff anschmiegte: Seither ist deutsche Universitätsphilosophie philologisch, pedantisch und für Außenstehende unverständlich. Und das durfte sie ruhig werden, denn es entstand eine beispiellose Menge neuer Lehrstühle; und ein Studienrat an deutschen Gymnasien war regelmäßig Dr. phil. Ein Studium der Philosophie - gern auch neben einem Brotstudium - diente der Vorbereitung auf einen Erwerbsberuf. Immer weniger der Sache, immer mehr der Form nach.


Das konnte dauerhaft nicht ohne Folgen für das Was der akademischen Philosophie bleiben. Tonnenideo- logie und Kästchendenken wucherten wie in allen andern Erwerkszweigen, und nach einem Überblick suchten nur dreieinhalb Außenseiter. Das Ergebnis: Ein Denkstil, der wie zu Wolff-Baumgartens Zeiten sein Genügen in immer neuen, immer spitzfindigeren Definitionen findet, spielt sich gegen die 'kontinen- tale', 'historische' und philologische Flohknackerei als denkerischer Stoßtrupp auf und nennt sich wie zum Hohne auch noch "systematisch".

Ausufernde Form und dünner Inhalt sind nicht an sich das Problem heutiger philosophischer Dissertatio- nen. Es ist der Gehalt, der nichts als Wiederkäuen gestattet - und sei es 'ganz von vorne an'. Der Gehalt einer Philosophie, die sich zu Recht so nennt, bleibt aber immer:

Von der Wirklichkeit weißt du gar nichts, sondern nur von dem, was in deinem Bewusstsein vorkommt, und das sind Vorstellungen. Die mögen ja richtig sein, das wollen wir gerne unterstellen. Aber wie das möglich ist – das würden wir doch schon herausfinden wollen. Dieses Herausfinden heißt Philosophieren. Das ist ein eng gefasster Begriff von Philosophie, er ist rein kritisch; aber er ist hart und haltbar. Unmittel- bar taugt er zu nichts, da haben die Nörgler Recht. Doch mittelbar taugt er zu allem und ohne ihn taugt nichts: Er ist der Prüfstein, an dem sich Alles bewähren muss. Aber um das Vorstellen selber geht es. Die brauchbaren Begriffe sind bloß Derivate, die seien euch geschenkt.

Kritische Philosophie eignet sich nicht zum Wiederkäuen. Und wer nur einen Titel will, den wird das Wie- derkäuen nicht verdrießen. Philosophie war Jahrhunderte lang keine Sache der Universität und braucht es auch nicht zu bleiben.


Nachtrag. 

Der Richtigkeit halber sei aber angefügt, dass Philosophie als selbständiges wissenschaftliches Fach im heutigen Sinn allerdings an der Universität, mit der Universität neu-entstanden ist: im hohen Mittelalter, und aus diesem Grund heißt diese ihre Entwicklungsetappe bis heute Scholastik. Sie war viel weniger steril, als man es redensartlich glauben macht; der Universalienstreit war ein Wendepunkt der Geistesgeschichte, von eiiner 'Ersten Aufklärung' ist gar die Rede; und dass er andernorts nicht stattgefunden hat, merkt man den außereuropäischen Kulturen bis heute an. Vor allem aber genügte sie sich damals nicht selbst, denn die Universität war kein Elfenbeinturm: Sie stand in unmittelbarer Konkurrenz zur Theologie und war beinahe politisch - und in Gestalt Wilhelm von Ockhams mehr als nur beinahe.

Brechen konnte sie freilich nicht mit dem Dogma. Dazu bedurfte es des Einbruchs der Mathematik in die Philosophie. Galileo war kein Universitätsgelehrter, Descartes, Spinoza, Newton und Leibniz ebensowenig. Zur Universitätsangelegenheit wurde sie erst wieder durch Christian Wolff, der die genialen Essays von Leibniz systematisierte und bis zu Kants Kritiken das darniederliegende deutsche Geistesleben beherrschte. Nach eigenem Verständnis Speerspitze der Aufklärung, erschien sie aber in ihren haarspalterischen Distinktionen und Definitionen schon der folgenden Generation als eine 'Zweite Scholastik', und mit der Kritischen Philosophie brach das Denken wieder aus dem universitären Elfenbeinturm aus.

Aber auch das nur kurz. An kleinlicher Scholastik und zugleich an systematischem Totalitarismus stellte das Hegel'sche System alles Vorangegangene in den Schatten. Als es zusammenbrach, blieb für die Philosophie nur verbrannte Erde. Allerdings war die Universität unterdessen zu ungeahnten Würden gekommen - siehe oben.

Mit andern Worten, das Verhältnis der Philosophie zur Universität war immer ein zyklisches, um nicht zu sagen: ein spasmisches. Universitätsphilosophie ist dem Wesen der Dinge nach schulmäßig - in Form und Gehalt. Neue Vitalität hat sie stets nur erfahren durch Abstandnahme vom Hochschulbetrieb und nicht durch den Versuch, ihn auszubessern. 

"Damit sind einige Bedingungen genannt, unter denen der philosophische Genius in unserer Zeit trotz der schädlichen Gegenwirkungen wenigstens entstehen kann: freie Männlichkeit des Charakters, frühzeitige Menschenkenntnis, keine gelehrte Erziehung, keine patriotische Einklemmung, kein Zwang zum Brot-Erwerben, keine Beziehung zum Staate – kurz, Freiheit und immer wieder Freiheit: dasselbe wunderbare und gefährliche Element, in welchem die griechischen Philosophen aufwachsen durften." Nietzsche, Un- zeitgemäße Betrachtungen; Kapitel 32/8 
JE





Montag, 23. Oktober 2017

Sonntag, 22. Oktober 2017

Pragmatischer Syllogismus.


HRM
 
Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.
_____________
Paul Watzlawik


Das ist ein Scherz. Der klassische Syllogismus ginge so: Wenn du mit einem Hammer auf einen Nagel schlägst, treibst du ihn ins Holz. Der pragmatische Syllogismus (nach Aristoteteles) ginge so: Um einen Nagel ins Holz zu treiben, musst du mit einem Hammer draufhauen. Watzlawiks Satz ist eine transzendentale Umkehrung; "Ironie", wie der Romantiker sagt.

Samstag, 21. Oktober 2017

Woher kommt eine moralische Überzeugung?


Carlo Finelli

Die moralische Überzeugung, sagt Fichte, entstünde nicht als ein Schluss des Verstandes, sondern als ein Affekt des Herzens.

Erinnert sei im Vorbeigehen, dass es sich bei dem fiktiven moralischen Endzustand, der uns die Gewissheit einer göttlichen Weltregierung verbürgen soll, um einen - Schluss des Verstandes handelt, der das Herz auch von empfindsamen Naturen ganz unaffiziert lässt; was nicht weniger bedeutet, als dass er auf dieser Abstraktion eine Moral oder gar einen Glauben nicht bauen kann.

Nun zum positiven Gehalt. Dass es um das Herz geht, muss man nicht wörtlich nehmen, auch wenn der Autor es so gemeint haben sollte. Entscheidend ist, dass es kein Schluss ist, bei dem der Verstand aus dem Verknüpfen von Begriffen Argumente konstruiert und abwägend sein Urteil fällt. Der Beifall, der hier geschieht, geschieht mit der Wahrnehmung, Anschauung, Vorstellung selber, vor allem Abwägen, vor aller Reflexion. Das ist, ein anderes Wort kommt nicht in Frage, ein ästhetisches Urteilen.

Fichte hat die ästhetische Spur nicht weiter verfolgt, das System der Sittenlehre ist 1798 erschienen, kurz bevor der Atheismusstreit ausbrach, der ihn auf einen dogmatischen Abweg führen sollte. Sein Schüler Herbart sollte diesen Gedanken systematisieren; leider erst, als auch er die Wege der Tranzendentalphilosophie verlassen hatte.

Notabene: Dass der Beifall 'des Herzens' bei dem einen dieser,  bei dem andern jener Vorstellung gilt und sie sich nie anders als durch Zufall auf etwas einigen können, spielt für die Moralität gar keine Rolle. Denn verstän- digen müssen sie sich nur darüber, was rechtens ist; was im moralische Sinn gut ist, mag jeder für sich entschei- den. Es kommt nur darauf an, dass er sich an das gebunden fühlt, dem er 'von Herzen' Beifall zollt. Er wird dann ein besserer Mensch sein, und über das, was rechtlich ist, wird man mit ihm dann auch sachlicher reden können.

1. 12. 14 






Freitag, 20. Oktober 2017

Erklären heißt anknüpfen.



Ich erkläre etwas (A), wenn ich es an etwas andres (B) anknüpfe und so fort; ich fasse nicht alles auf einmal auf, weil ich endlich bin. Es ist dasselbe, was man diskursives Denken nennt. Die Endlichkeit vernünftiger Wesen besteht darin, dass sie erklären müssen. 
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 75



Nota. Dieser Satz steht im Ms. unmittelbar vor dem gestrigen Eintrag, er führt auf den Gedanken, dass die Vorstellung vom reinen Ich nicht praktisch, aber theoretisch notwendig ist, weil anders die Dinge und die Welt nicht zu erklären sind. Sobald das praktische Ich dagegen handelt, findet es Welt und Dinge vor und muss sie sich nicht erst erklären. – Das theoretische Ich steht zum praktischen Ich in demselben Verhältnis wie die ideale zur realen Tätigkeit: Sie sind jedesmal Gegenstand der Reflexion und sind nur für die Reflexion.
JE






Donnerstag, 19. Oktober 2017

Wer nicht von allem Objekte abstrahieren kann...



...wer nicht von allem Objekte abstrahieren kann, der ist zum gründlichen Philosophen unfähig.
______________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, 2. Einleitung; S. 18









Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Das Praktische ist die Quelle des Theoretischen. (Das Handeln ist absolut.)


12 Arbeiten des Herkules

Der Kantische Satz: Unsere Begriffe beziehen sich nur auf Objekte der Erfahrung, erhält in der Wissenschafts-Lehre die höhere Bestimmung: Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen durch das Han- deln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. 

Kant wird nicht sagen, die Erfahrung sei absolut, er dringt auf den Primat der praktischen Vernunft, nur hat er das Praktische nicht entscheidend zur Quelle des Theoretischen gemacht.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 61










Montag, 16. Oktober 2017

Zwang.


Eine Pflicht, sich zwingen zu lassen, ist etwas Widersprechendes. Wer da lässt, der wird nicht gezwungen, und wer gezwungen wird, der lässt nicht.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 147







Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Hysteron proteron, oder Die ursprüngliche Synthesis.


Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstsein zu erklären, ohne es immer als schon vorhanden vor- auszusetzen, lag darin, dass, um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subjekt des Selbstbewusstsein immer schon vorher ein Objekt, bloß als solches, gesetzt haben musste: und wir sonach immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft sein musste. 

Dieser Grund muss gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjektes sei mit dem Objekte in einem Moment synthetisch vereinigt: Die Wirksamkeit des Subjekts sei selbst das wahrgenommene und begriffene Objekt, das Objekt sei kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjekts, und so seien beide dasselbe.

Nur von einer solchen Synthesis würden wir nicht weiter zu einer vorhergehenden getrieben; sie allein enthielte alles, was das Selbstbewusstsein bedingt, in sich, und gäbe einen Punkt, an welchen der Faden des Selbstbe- wusstseins sich anknüpfen ließe. Nur unter dieser Bedingung ist das Selbstbewusstsein möglich. ...

Es ist die Frage nur, was denn die aufgestellte Synthesis bedeuten möge, was sich darunter verstehen lasse, und wie das in ihr Geforderte möglich sein werde. Wir haben sonach von jetzt an das Gefundene nur noch zu ana- lysieren.

Es scheint, dass die vorgenommene Synthesis statt der Unbegreiflichkeit, die sie heben wollte, uns einen voll- kommenen Widerspruch zumutet.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 31f. 


Nota. - Aber freilich ist nicht der Akt der Selbstbewusstwerdung selber eine Synthesis von zwei vorher Getrenn- ten. Er ist ein Akt. Doch als solcher kommt er im Bewusstsein nicht vor. Im Bewusstsein kommt sein Ergebnis vor: die Entgegensetzung von Ich und Nicht-Ich. In der Vorstellung müssen wir sie nachträglich 'synthetisieren': und so kommt uns das Zweite als das Erste vor. Von nichts anderm als von Vorstellungen aber handelt die Transzendentalphilosophie. Die Vorstellung stellt sich sich selber vor. Da steht alles auf dem Kopf.
JE



Samstag, 14. Oktober 2017

Genetisch heißt nicht historisch.



Eins ist in unserer Geschichte nicht vorgekommen: dass Menschen isoliert lebten und sich erst zusammentun mussten, um sich zu vergesellschaften. Die Menschen lebten schon in großfamilialen Verbänden, bevor sie überhaupt Menschen wurden. Ein geschichtliches Ereignis war es vielmehr, dass gesellschaftliche Bildungen entstanden, in der sich die Individuen individualisieren und zu Einzelnen vereinzeln konnten. Und in der wirklichen Geistesgeschichte musste ein bestimmtes Ich aus einem unbestimmten 'wir' sich erst heraus bilden, um sich als einem Nicht-Ich entgegengesetzt setzen zu können.

Manche Binsenwahrheit muss erst ausgesprochen werden, bevor sie einleuchtet: Die Wissenschaftslehre ist nicht die wirkliche Entstehungsgeschichte des Bewusstseins. Sie hebt an auf dem Punkt der bürgerlichen Gesellschaft, wo sich die Individuen als Subjekte ihres Lebens vorkommen und zu anderen Subjekten in Konkurrenz treten. Versippte Haufen, die aufeinander einschlagen, brauchen keine Vernunft, nicht nach außen und nicht nach innen.

Die wirkliche Geschichte des Bewusstseins begann nicht mit dem Vereinigen, sondern mit dem Trennen. Von dieser Trennung geht die Wissenschaftslehre aus.


3. 12. 14 






Freitag, 13. Oktober 2017

...was man für ein Mensch ist.


Apoll und Marsyas

Wir alle gehen von der Erfahrung aus, werden aber in uns zurückgetrieben und finden unsre Freiheit; es kommt darauf an, welches Gefühl bei dem Menschen das hervorstechende ist, das lässt er sich nicht nehmen. –

Der Streit des Dogmatismus und Idealismus ist eigentlich kein philosophischer, denn beide Systeme kommen nie auf einem Feld zusammen, denn jedes, wenn es konsequent ist, leugnet die Prinzipien des andern. Ein phi- losophischer Streit kann nur dann entstehen, wenn beide Seiten über die Prinzipien einig, aber bloß über die Folgen uneinig sind. Er ist ein Widerstreit der Denkart, der konsequente Dogmatiker ist sein eigenes Gegen- mittel, er kann diese Denkart in die Länge nicht ertragen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, Zweite Einleitung, S.16








Donnerstag, 12. Oktober 2017

Übergehen: eine tätige Dialektik.


andramedia

Das Mysterium der Hegel'schen Dialektik und damit seines ganzen Systems ist das Umschlagen des Begriffs in seinen Gegensatz. Wie es vor sich gehen soll, kann man sich nicht vorstellen, es wird nicht erläutert, es bleibt ein Mysterium, man muss daran glauben wie an die Dreifaltigkeit. Tatsächlich findet es bereits im Begriff selber statt: Er trägt seinen Gegensatz schon in sich. So wird es behauptet.

Bei Fichte schlagen keine Begriffe um, sondern eine Vorstellung geht über in eine andere. Nämlich so: Sie soll bestimmt werden, doch das geht nur durch Entgegensetzung. Es ist ein Subjekt, das bestimmen soll, es muss die Entgegensetzung selber vornehmen. Muss? Nein. Es geschieht aus Freiheit; es könnte das Bestimmen auch unterlassen, und seine Vorstellung blieben unbestimmt.

Ist nicht die Freiheit auch ein Mysterium? Ja, ausdrücklich: "Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... Denn ein Akt der Freiheit ist schlechthin, weil er ist, und ist ein absolut Erstes, das sich an nichts anderes anknüpfen und daraus erklären lässt. ... Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist also absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit."*

Es ist das Mysterium, das dem ganzen System zu Grunde liegt. Liegt es? Nein, es wurde gelegt – von dem Philoso-phen, er hat es als Erklärungsgrund (aus Freiheit!) gewählt. Er hat es nicht begründet, er kann es rechtfertigen nur durch die Ausführung des Systems. Er hätte ein anderes wählen können? Nur, wenn sich damit ein System rechtfertigen ließe.

Die Freiheit rechtfertigt das System vom Anfang bis... zum Schluss? Wenn die Freiheit zu einem Schluss käme, wäre sie keine. Wird sie als Freiheit gedacht, ist sie ohne Ende: Die Reflexion ist unendlich, so wurde sie zu An-fang aufgefasst. Soll ein Schluss dennoch für möglich gehalten werden, müsste eine zusätzliche Prämisse einge-führt werden. Aber dann läge sie dem System zu Grunde und nicht die Freiheit, und Fichte hätte nicht sagen dürfen, dass auf diese "mein ganzes Denken aufgebaut ist".

*) Fichte, Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 181f.


 9. 12. 25




 

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Vorstellen und darstellen.


Die Darstellung kann nicht anders als diskursiv verfahren. Aber in der Vorstellung selbst ist alles auf einen Schlag.

Das gilt wohlbemerkt auch empirisch. Zwar müssen wir meistens suchen, um etwas in unserem Bewusstseins-vorrat zu finden; aber dann kommt es uns so vor, als sei es schon die ganze Zeit da gewesen und habe nur dar-auf gewartet, aktiviert zu werden. 

Tatsächlich sind die Verschaltungen zwischen den Neuronen 'schon da' – sie müssen nur noch befeuert werden. Wie steht es da aber mit Fichtes dauernder Versicherung, dass die ideale Tätigkeit 'aus Freiheit' geschehe? Dass ich in meiner Erinnerung nur finde, was ich finden will, kann ich empirisch nicht bestätigen. Ist es einmal da, kann ich jederzeit darüber stolpern, da ist mehr Zufall als Freiheit. Aber ob ich einen Wissensgehalt überhaupt erst anlege und ablege, das hängt von mir, und das heißt: von meinem Wollen ab.

Mit dem Darstellen ist es etwas ganz anderes. Ob ich alles wiederfinden werde, wonach ich suche, mag zum Teil Zufall sein. Aber was ich dann an was anknüpfe und wie, das ist Sache meiner Freiheit: der Reflexion. Doch muss ich es in der Zeit vortragen, eines nach dem andern, und so wird es immer ein bisschen so aussehen, als sei das Zweite vom Ersten verursacht, während sie doch einander gegenseitig bedingen, und dies ohne Vor- und Nachher. Anders könnte die Wissenschaftslehre nicht vom Bestimmten auf das Bestimmende rückschlie-ßen.

*

Es ist ein Missverständnis, dass die transzendentale Betrachtungsweise mit dem Faktischen gar nichts zu tun habe. Sie ist nicht dessen Abbildung oder Nacherzählung, das wäre überflüssig. Aber sie ist dessen Sinndeu-tung, und es wäre sehr merkwürdig,* wenn sie einander gar nicht ähnlich sähen.

*) Warum dieses? Weil auch die diskursive Darstellung nicht 'das Seiende' ausspricht, sondern immer nur, was es bedeuten soll – freilich nicht selbstreflexiv ausspricht, sondern gegenstandsbezogen, während die Transzen-dentalphilosophie rekonstruiert, wie die Bedeutungen entstanden sein müssen; aber beide handeln von Bedeu-tungen, und von den Bedeutungen der Dinge.

18. 12. 15






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