Dienstag, 24. April 2018

Sich selbst vorausgesetzt.


Einem, der keine Vernunft hat, kann man nicht erklären, was Vernunft ist. Wo sollte man anknüpfen? 
Einem Vernünftigen kann man auch nicht erklären, was Vernunft ist. Er vernähme immer nur Tautologien.

Die Wissenschaftslehre ist der Versuch eines Vernünftigen, sich die Vernunft selber zu erklären.





Montag, 23. April 2018

Ästhetik des Logischen.

S. Hofschlaeger, pixelio.de

Es gibt Wahrnehmungen und Vorstellungen, die schlechthin von einem Gefühl des Beifalls oder der Miss- billigung begleitet werden. -

So sind die logischen Operationen: Sie sind offenbar richtig oder falsch. Dieses Urteil lässt sich nicht weiter erklären oder begründen. Es ist evident.


aus e. Notizbuch, im Februar 09


Nota I. - Notwendig von einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet - so definiert Herbart die ästhetischen Urteile (im Unterschied zu den "metaphysischen"), das war mir bekannt. Insofern bedeutet dieser Eintrag, dass auch die Logik ursprünglich ästhetisch begründet wäre.

9. 12. 24 


Nota II. - Der entscheidende Unterschied ist allerdings, dass ich das Einverständnis mit den logischen Urteilen einem Jeden anmute - sofern ich ihn zu den vernünftigen Wesen zählen soll. Das gilt für ästhetische Urteile offenbar nicht. Die setzen Vernunft nicht voraus. Vernunft setzt aber das ästhetische Urteil voraus, dass Wahrheit sein soll. Dieses wiederum nennt Fichte ein intellektuelles Gefühl. Darauf baut seinerseits alles reale vernünftige Denken auf, und dort herrscht Denkzwang.

Ist es aber der Denkzwang, der das System der Vernunft begründet, oder ist es das historisch gewordene System der Vernunft, das den Denkzwang generiert? 

Im Modell der Wissenschaftslehre wohl das erstere, in der Wirklichkeit das letztere. Die Wissenschaftslehre tut so, als ob es sich um ein für Jeden notwendiges Gefühl handle. In der Wirklichkeit wissen wir, dass es Leute gibt, die seiner entbehren. Das sind dann die, die wir nicht für vernünftig halten.






 

Sonntag, 22. April 2018

Wahr ist ein Satz...

pixelart, pixelio.de

Wahr ist ein Satz, der ohne Bedingung gilt. Ein Satz über Tatsächliches gilt nur unter der Bedingung, dass tausenderlei sachliche Bedingungen gegeben sind. 'Die Sonne  scheint' ist nur wahr, wenn die Sonne scheint. Ein Satz über Tatsächliches, der zugleich alle Bedingungen angibt, unter denen er gilt, ist unbedingt wahr. Allerdings ist er im Grenzfall tautologisch bis absurd.

So verfahren die (nomothetischen) Naturwissenschaften. Dass die Bedingungen restlos genannt werden, be- sorgt das Protokoll der Versuchsanordnung. Die ebenfalls in die Versuchsanordnung und umso mehr in die Auswertung eingehenden unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten - alias Paradigmen - werden selbstver- ständlich nicht mit ausgesprochen; sonst wären sie nicht selbstverständlich. So erweisen sich manche natur- wissenschaftliche Befunde mit der Zeit als nur ein bisschen wahr.

Ein idiographischer Satz aus den sog. Geisteswissenschaften kann die Bedingungen seiner Geltung nicht aussprechen: Sie sind nicht alle bekannt. Die Naturwissenschaften legen ihrer Forschung die Annahme von Gesetzen zugrunde. Ein Jedes ist Wirkung einer oder vieler Ursachen; diese müssten sie aufsagen können. Die idiographischen Disziplinen setzen die Wechselwirkung lebender Individuen voraus. Diese lassen sich nicht kausal darstellen. Die Wahrheit in den idiographischen Disziplinen ist 'lediglich' eine pragmatische: indem ihre Aussagen (um/zu statt weil) praktische Schlussfolgerungen erlauben, die sich ihnerseits bewähren können (oder nicht). Wenn also die kritische Arbeit eines Rezensenten dem Dichter die Augen öffnet und zu einem großen Wurf anregt; oder wenn die Lehren aus einem historischen Ereignis die Politik befähigt,... (ach je). Aber ob oder ob nicht, wird immer wieder dem Meinungskampf unterliegen, der sich seinerseits nur - pragmatisch entschei- den lässt, durch Bewähren oder Scheitern. Die Wahrheiten der idiographischen Fächer hängen gewissermaßen in der Luft. Darum lässt sich auf ihnen auch nicht aufbauen wie in den Naturwissenschaften: Eine Akkumula- tion geprüften Wissens findet in ihnen nicht statt, man fängt irgendwie immer von vorne an. Da hat es die Intuition dann leichter als das logische Argument - sie bewährt sich öfter.

20. 10. 13 


Samstag, 21. April 2018

Beifall und Missbilligung.

Moulin, Objet trouvé à Pompéi

In seiner Umwelt "erscheint" dem Tier nur das, was durch seinen Platz in der ökologischen Nische "für es bestimmt" ist: seinen Stoffwechsel und seine Fortpflanzung. Für das Tier sind Bedeutung und Erscheinung ungeschieden. Genauer gesagt, "für" das Tier ist nichts. Etwas ist "da" und damit basta.

Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden ver- loren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung (zu einem gegebenen Zeitpunkt) ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung. 

So tritt er in eine apriorischen Distanz zu allem Etwas. Was erscheint, wird zu 'etwas' erst in diesem distanzie- enden Akt. (Der lässt sich prinzipiell umkehren: So kann er zu "sich" in Distanz treten und zu "ich" werden.)

Die Distanz zu Dingen setzt ihn in einen Zustand der Freiheit. Sie erzwingt Abstraktion und eo ipso Reflexion. Diese Distanz macht ihn zu einem ideellen, seine physische Organisation (Folge und Voraussetzung des zur-Welt-Kommens) setzt ihn in den Zustand eines sachlichen Produzenten

Die Erfahrung möglichen Überflusses setzt ihn in Lage, zu sich, das heißt zu seinem Bedürfnis, in Distanz zu treten.

aus e. Notizbuch, 13. 3. 07


"Im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung" - da ist mir, ohne es recht zu bemerken, die anderwärts vergeblich gesuchte Herleitung unseres Geistes alias Einbildungskraft aus unserm ästhetischen alias 'poietischen' Vermögen unterlaufen. Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - Mal sehen, zu was.

Man muss nicht demonstrieren, dass es so kommen musste. Es reicht zu zeigen, weshalb es so kommen konnte.

30. 11. 14

Freitag, 20. April 2018

Kriterium des Wahren.

Rainer Sturm, pixelio.de

Veri criterium sit id ipsum fecisse.
Kriterium des Wahren ist, es selbst geschaffen zu haben.
___________________________________________
Giambattista Vico, Liber Metaphysicus;
De antiquissime Italiorum sapientia liber primus, München 1979, S. 44/45





Mittwoch, 18. April 2018

Digital und analog.

bernd sterzl, pixelio.de
 
Zur Erinnerung: Analog ist ein Zifferblatt, wenn sich darauf ein Zeiger in konstantem Tempo so dreht, dass die Drehbewegung auf sinnlich wahrnehm bare Weise das gleichmäßige 'Verlaufen' der Zeit "darstellt"; selbst wenn gar keine Ziffern zu sehen sind, sondern nur Striche und Punkte. Auf einem digitalen Zifferblatt erscheinen dagegen in gleichmäßigen Abständen nach einander die Ziffern selbst und zeigen an, "wie spät" es ist. Freilich nur dem, der weiß, was diese Ziffern – diese digits – bedeuten. Er muss unser Zahlensystem gelernt haben und wissen, dass der Tag vierundzwanzig Stunden hat. Auf dem analogen Ziffernblatt kann ein Fünfjähriger an der Bewegung des Sekundenzeigers zusehen, wie eine Minute vergeht. Er mag sogar geistig zurückgeblieben sein: Er sieht es doch!

Das ist der Unterschied zwischen Abbildung und Symbol. Das eine ist analog, das andere ist digital. Eine arabische Ziffer (nur die heißen so!) ist digital; die römischen Zahlen sind analog, aber auch nur die ersten drei. Bei der IV wird’s ebenfalls digital. Dazwischen liegt der Akt der Reflexion, der Akt des Verstehens, das Denken in specie: die Umrechnung einer (sinnlichen) Erscheinung in eine (logische) Bedeutung mit der in einem so entstehenden logischen Raum ‚operiert’ werden kann, ohne dass irgendwelche Gegenstände sinnlich anwesend wären). 

Der Haken: Im analogen Bilderraum gibt es keinen Verneinungs-Modus. Das ist der Vorzug der analogen Darstellung gegenüber der digitalen: Sie ist reicher, sie ist farbiger. Es kann immer noch eine und noch eine Gestaltqualität, noch eine Farbkombination hinzu erfunden werden. Aber die digitale Darstellungsweise ist bestimmter. Digits lassen sich eindeutig unterscheiden. Ein Apfel und eine Birne lassen sich – von Weitem schon gar – manchmal nicht so klar unterscheiden

Und vor allem: Das digitale Repräsentationsmuster erlaubt die Verneinung, das analoge nicht. Omnis deter- minatio est negatio: Bestimmen ist ohne verneinen unmöglich.

‚Ein Pferd’ kann ich mir anschaulich vor Augen führen. ‚Kein Pferd’ nicht: Wenn ich es mir „vorstelle“, sieht es auch nicht anders aus als, sagen wir, ‚keine Suppenschüssel’.

Und was das Schlimmste ist: Wo es keinen Verneinungsmodus gibt, da gibt es erst recht keinen Frage-Modus!*

Der entscheidende technische Unterschied zwischen der analogen und der digitalen Funktionsweise ist, dass im digitalen Modus nur diskrete Fortschritte in Stufen vorkommen, während es im analogen Modus nur gleitende, kontinuierliche Übergänge gibt.


*) Historisch entsteht die Fähigkeit zum Verneinen aus dem Aufkommen der Fragen. Weil die Offene Welt der Savannen, anders als die geschlossene natürliche Umwelt des Regenwalds, fraglich ist, müssen ihre Bedeutungen bestimmt werden. Das ist die Voraussetzung der Reflexion und des Denkens in specie. Ihr Modus ist der digitale.

26. 9. 13

Dienstag, 17. April 2018

Das Digit des digitalen Bergs.


Das Symbol steht dem reellen Objekt gegenüber als sein digit. Es bezeichnet ein Angeschautes.
Der Algorithmus steht den digits gegenüber als deren digit. Er bezeichnet die Zeichen, von Anschauung keine Spur.


Mit andern Worten, man kann den Algorithmus nur verwenden. Vorstellen, was er ist, kann man nicht. Während das digit einen Content immerhin bezeichnet, kommt der Algorithmus ganz ohne Content aus. Aber operieren kann man mit ihm trotzdem; oder gerade deshalb, denn auf Sachliches muss keine Rücksicht mehr genommen werden, die Operation klappt auch so.

*

Ist der Algorithmus ein Schlüssel, der im Datenberg solange sucht, bis er etwas findet, wo er wie in ein Loch hineinpasst? Nein, er ist eher das Loch, das solange sucht, bis es etwas findet, das wie in Schlüssel in es hin- einpasst.

Auf jeden Fall reicht's, dass etwas passt. Verstanden muss keiner was haben.


 

Montag, 16. April 2018

Digitalisieren heißt fungibel machen.

Uwe-Jens Kahl_pixelio.de   

Ein Symbol ist ein 'digit': ein Zeichen für einen 'content', dessen sachliche Gestalt in keinerlei Verhältnis zu dessen sinnlicher Erscheinungsform zu stehen braucht. Ein Wort ist so ein Symbol, oder ein X oder ein U oder eine Zahl. (Dass das digitale Denken mit dem Zählen begonnen hätte, bestreite ich. Die ersten 'Zahlen' waren Ordnungszahlen: erst eins, danach ein zweites, usw.; sie bezeichnen eine Folge in der Zeit - und die wird analog 'angeschaut': im Bild der Bewegung).

Das wirkliche Denken geschieht überhaupt nicht digital. Das wirkliche Denken geschieht nicht diskursiv. Das wirkliche Denken geschieht in einer Kaskade von unfassbaren Bildern. Erst in der Reflexion, die das Denken des Denkens ist, werden die Bilder 'begriffen': fest-gestellt und ein-gegrenzt (de-finiert). Das diskursive Denken ist die Form der Reflexion. Aber die Reflexion ist sekundär, sie bezieht sich auf ('metà') das anschauliche Denken als ihren Stoff. Allerdings kann erst sie das anschauliche Denken nach richtig oder falsch unterscheiden. Mit andern Worten, ohne sie ist es zu nichts zu gebrauchen.

aus e. online-Forum, im Juni 2010 



Sonntag, 15. April 2018

Was ist das Endziel?


Dieses Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite.
________________________
Meister Eckhart, Predigt 10
in Deutsche Predigten und Traktate, München 1963; S. 196 (Übers. Quint)


Nota. – Wäre es in irgend einer Weise bestimmt, so müsste es an irgend einem Punkt erreichbar sein. 
JE


Samstag, 14. April 2018

Wenn Freiheit möglich sein soll...

Rainer Sturm, pixelio.de
 
...muss ein Objektives vorausgesetzt werden - als problematische Projektion.

Wenn Freiheit möglich sein soll, dann muß ein Objektives vor-gegeben sein. Denn wenn nicht, woran sollte sich meine Wahl entscheiden? Wenn ein Urteil möglich sein soll, dann muß es Gründe finden können. 


Denn wenn ich die Resultate meiner Wahlakte nur untereinander vergleichen könnte, dann wären sie alle gleich-gültig; d.h. ob ich so oder so wählte, wäre in letzter [!] Instanz ohne Bedeutung. Aber dann gäbe es keine Wahl. (Es wäre nicht einmal Dieses oder Jenes dauerhaft zu unterscheiden.)

Soll ich wählen können, d.h. will ich frei sein, so muß ich meiner Willkür einen Entscheidungsgrund voraus- setzen, an dem die Resultate meiner Wahl sich sollen bewähren können, und als allem Handeln vorausgesetzt, nenne ich diesen Grund objektiv (oder absolut). Und je nachdem, auf welchem 'Feld' meiner Handlungsmöglich- keiten ich diesen Grund herbeiziehe, heißt er das Wahre, das Gute oder das Schöne.

Aber ob ich frei sein will, muß ich schon selber wissen. Und ob ich es bin, kann sich nur actu erweisen: wenn und indem ich wirklich wähle. Darum ist auch das Objektive, das ich meinem Handeln als Bestimmunsgrund voraussetze, immer nur actu gegeben: wenn und indem ich wirklich wähle. Hernach kann ich mich seiner gewissermaßen nur noch "erinnern" - als an ein "Bild" (das ich dann allerdings später "erraten" darf).

Freiheit ist keine Tatsache, sondern eine problematische Projektion, die sich jedesmal neu bewähren muß - sofern sie soll. Aber so ist auch das Objektive. 'Sinn' ist eine Petitio principii. 

aus e. Notizbuch, 4. 12. 94



Meine Freiheit ist die, dass ich wählen muss. Eine Freiheit, nicht zu wählen, habe ich nicht. Das Objektive  ist nur als Problem; aber das absolut.



Freitag, 13. April 2018

Der Horizont schafft die Welt.


 
Eine Welt entsteht, indem dem erfahrenen chaotisch-Mannigfaltigen ein Horizont hinzugedacht wird. 

Eine Umwelt wird in ihrer Gänze erfahren; und es wird nichts anderes erfahren als sie.

Auch die Menschen leben in Umwelten, die sie aber nicht ererbt, sondern selber geschaffen haben. Sie sind das, was wir unsere Kulturen nennen. Die aber liegen in der Welt.

Umwelten werden erfahren, die Welt wird gedacht.

Eine Grenze wird als solche nie wahrgenommen. Von den Tieren nicht, weil sie in ihrer Umwelt keiner begegnen. Von den Menschen nicht, weil sie in ihrer offenen Welt immer nur je einzelne Schranken antreffen, die dadurch ausgezeichnet sind, dass es sie zu überschreiten gilt.

aus e. Notizbuch, im März 2010


Der Horizont selbst sieht überall gleich aus. Aber er ist ein ganz anderer, je nachdem, was vor ihm erscheint. Und das hängt vom Standpunkt des Beschauers ab, nämlich von der Perspektive. Mit andern Worten, der Horizont ist die Perspektive von hinten. 

26. November 2014



Donnerstag, 12. April 2018

Die Welt vernünftiger Wesen ist das Reich der Zwecke.



Nun ist auf solche Weise eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte. 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Naturganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der katego- rische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allgemein be- folgt würden. 

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich / diese Maxime selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung desselben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst möglichen Reiche der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glückseligkeit begün- stigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden Gliedes zu einem bloß möglichen Reiche der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend ist.
_____________________________________________________________________
Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhetische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in unmittelbarer Nachbarschaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als ästhetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimmten fort-schreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünftig wird ein Individuum nur durch die Aufforderung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünf- tigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum.

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants. Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusammen; doch welcher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten interessiert sein, denn es ist ihm vor-gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.

JE,  24. 7 2016

Mittwoch, 11. April 2018

Ich weiß nur...

Jusepe de Ribera, Saints Peter and Paul, um 1616.

…das, was ich einem Andern zwingend beweisen kann. Alles andere nehme ich nur an, wenn auch vielleicht mit größt möglicher Gewissheit.

Die Annahme einer Intelligenz außer mir ist nicht erst eine empirische, sondern schon eine logische Voraus- setzung der Vernunft.


Juli 20, 2009


Nota. - Fichte hat aus der logischen Unvermeidlichkeit des Verkehrs unter den vernünftigen Subjekten für die Wirklichkeit der Vernunft  auf die Notwendigkeit eines Mediums geschlossen, durch das sie kommunizieren können. Dass er also 'Licht und Luft a priori deduziert' hatte, hat damals viele rechtgläubige Kantianer zum Reden gebracht.







Dienstag, 10. April 2018

“Ich weiß nichts.”

Johann Gottfried Schadow, Sokrates im Kerker

Der Satz 'ich weiß nichts' ist offenbar ein Widerspruch in sich. Er setzt sich aus zwei Aussagen zusammen: 1) Ich weiß etwas; und 2) dieses Etwas ist Nichts. Doch wenn Nichts nichts ist, kann ich davon nicht Etwas wissen. Wir wissen immer entweder Etwas, oder wir wissen Etwas nicht. Schon die Kinder wenden ein: Wenn ich Nichts weiß, dann weiß ich zumindest Dieses. Nämlich mindestens, was Wissen ist! Aber dann darf ich nicht mehr sagen, dass ich das nicht weiß.

Wissen und Nichtwissen sind logisch nicht gleichrangig; nicht 'gleich-ursprünglich'. Dass 'Wissen ist', ist allezeit vorausgesetzt. Es "kommt vor", dass ich nicht weiß, was dieses oder jenes ist; aber das weiß ich. Der Gegenpol zu Wissen ist nicht Nichtwissen, sondern Fragen.

Dass wir 'etwas wissen', ist eine empirische Tatsache, oder eine phänomenale Gegebenheit; es "kommt vor"… Unsicherheit besteht darüber, was mit 'Etwas' bezeichnet ist, und darüber, was mit 'Wissen' bezeichnet ist. Aber das sind nicht zwei verschiedene Unsicherheiten, sondern ein und dieselbe. 'Etwas' kommt nur im Wissen vor, und 'Wissen' kommt nur als Wissen von Etwas vor. Wenn nicht das eine, dann auch nicht das andre.

12. 2. 14

Montag, 9. April 2018

Wozu taugt philosophieren?

Ekart Hartmann  / pixelio.de
 
Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung derselben, wenn sie ge- steht, dass sie für das Leben nichts andres sagen, zu demselben [sich] nicht einmal als Instrument bilden kann; daß sie nur Wissenschaftslehre, keineswegs Weisheitsschule ist?

Ich erinnere auch hier an die oft gegebene Antwort. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Metaphysik hereinge- tragen – und diese sollen [wieder heraus] gesondert werden. Sie hat die Bestimmung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen.

Dies hat ihnen Kant zur Genüge gezeigt.

Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische Pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Men- schen bilden müsse, um moralische, echtreligiöse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu machen. Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstver- trauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.
__________________________________________________________________________________________
Johann G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122f.


Freitag, 6. April 2018

Was darf sich Philosophie nennen?


Dem vernünftigen Bewusstsein - fast ist das eine Tautologie - erscheint die Welt als ein virtuell geschlossenes System von Begriffen, die einander wechselseitig bestimmen, indem sie ihre jeweiligen Geltungsbereiche gegen- einander eingrenzen: definieren. Dieses System ist entstanden und vervollständigt sich weiter durch den Gebrauch; die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel. 

Doch geschlossen ist es erst virtuell. Reell stößt die Verwendung im Sprachspiel immer wieder auf Lücken: Die müssen geschlossen werden durch das Einpassen in die Leerstellen, die das Sprachspiel bislang frei gelassen hatte; einpassen so, dass bisherige Definitionen gegebenenfalls justiert werden müssen. (Ist ein ganzer Komplex von Bedeutungen berührt, geschieht ein sogenannter 'Paradigmenwechsel'.) Die - quasi transzendentale - Prä- misse bleibt unberührt: Das System ist intakt. Es geht immer nur darum, es auszufüllen.

Denn nur, wenn der Rahmen gewahrt bleibt, ist es überhaupt ein System; nur dann kann erwartet werden, dass aktuell auftretende Lücken von uns gewiss gefüllt werden können, weil sie an sich schon gefüllt sind.

*

Das gilt freilich nur für die Begriffe. Wenn das System geschlossen ist, gelten die Begriffe an sich. Oder anders, wenn die Begriffe an sich gelten sollen, muss ich mir das System als geschlossen vorstellen.

Rationell sollte ich aber gar nicht vom System der Begriffe - oder "der Welt" - ausgehen. Rationell muss ich mich an das halten, was ich weiß, und was ich weiß, ist lediglich das, was in meinem Wissen vorkommt. Tautologisch? Nicht, wenn ich mir klarmache, dass in meinem Wissen nichts anderes vorkommt als meine Vorstellungen. Dass ich mir (etwas) vorstelle, ist nun das einzige, das ich nicht bezweifeln kann (weil anders ich auch das Bezweifeln bezweifeln - und gleich wieder aufhören müsste, nachdem ich kaum angefangen habe). 

Wenn ich zugeben muss, dass ich vorstelle, muss ich annehmen, dass ich es konnte; ich meine: muss, sonst wäre gleich wieder Schluss. Wenn ich es ohne eine andere Voraussetzung konnte - und das muss ich annehmen, denn ich habe keine weitere Voraussetzung gemacht -, dann muss ich annehmen, dass ich es ohne Voraussetzung können werde; es sei denn, ich stelle mir selber Dinge vor, die zu Voraussetzungen werden, die mich am Fort- schreiten hindern. 

Vorstellen ist, nach Fichte, Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Annehmen musste ich: ein Ver- mögen dazu. Das heißt konventionell Ich. Es ist selber nicht bestimmt: Das könnte es erst selber besorgen. Wie? Indem es sich Etwas vorstellt. Ist es bestimmt? Das wird man sehen: Lässt es sich bestimmen? Dann kann  ich fortschreiten; wenn nicht, dann wäre - hier wiederum Schluss.

Wenn das richtig ist, dann kann das Bestimmen kein Ende finden - und das Bestimmbare schon gar nicht. Denn anders würde die ganze Kette hinfällig, und ihre Prämisse, ihr erstes Glied: dass Ich Unbestimmtes zu bestimmen vermag. Das System, das ich mir allenfalls vorstellen kann, ist ein System in processu, ein unabge- schlossenes System.

Und wer immer diese Prämisse bestreiten wollte - dass ich zu bestimmen vermag -, wird doch jene andere Prä- misse - jene andere Seite der Prämisse -, dass es Unbestimmtes gibt, nicht bestreiten können. Das System meiner Vorstellung kann gar nicht abgeschlossen werden; und mit jedem weiteren Fortschritt des Bestimmens kann - mag? soll? - eine rückwirkende Umbestimmung der gesamten Kette geschehen.

Summa: Von Einem lässt sich schlechterdings, bei gutem und bei schlechem Willen, nicht abstrahieren: dass es in der Welt, wie immer wir sie uns denken, teils Bestimmtes, teils Unbestimmtes gibt. Ein Denken, das sich dar- auf keinen Reim zu machen weiß, soll sich nicht Philosophie nennen.


27. 12. 16 




Donnerstag, 5. April 2018

Die logische Grundfigur.

nymphenburg.com


Der elementare logische Gedanke ist: Wenn ich zum Zustand A das Element b hinzufüge, entsteht der Zustand C. Das ist aber schon die Reflexionsform, die Form, in der eine Erfahrung vorgestellt wird; gemacht wird sie in der Form: Wenn ich will, dass aus dem Zustand A der Zustand C wird, muss ich ihm das Element b hinzufügen. In die Vorstellung geht die Erfahrung erst ein, wenn die weitere Erfahrung hinzutritt: Aus Zustand A wird, wenn ich Element b hinzufüge, der Zustand C auch dann, wenn ich es nicht will, und dann gilt: Wenn ich nicht will, dass aus Zustand A Zustand C wird, muss ich unterlassen, Element b hinzuzufügen.
 

Das ist der Syllogismus. Logik sei eine praktische Wissenschaft, heißt es in einem Fragment von Friedrich Schlegel. Doch in der Vorstellungsform ist bereits entfallen, dass der Vorgang in der ursprünglichen Erfahrung gewollt war, sonst hätte er nicht stattgefunden. Entfällt in der Vorstellung das wollende Subjekt, dann tritt - nicht formal-, aber sachlogisch - auch der Akt des Fügens in den Hintergrund. Übrig bleibt allein das Hinzu. Aus einer problematischen, weil gewollt-sein-müssenden Handlung wird ein Sachverhalt, der virtuell immer schon stattge- funden hat: ein logischer Sachverhalt. Etwas, das, wie Wittgenstein sagt, 'der Fall' ist.

6. 5. 14 



Montag, 2. April 2018

Bedeutung und Urteil sind Wechselbegriffe.

stuttgarter zeitung

Dem Phänomen eine Bedeutung zuschreiben ist das Urteil, dass eines, das erscheint, einem unterliegt, das gilt. Urteilen heißt, über die Bedeutungen befinden. Bedeutung und Urteil sind Wechselbegriffe.

9. 9. 03 





Sonntag, 1. April 2018

Kritisch?


Ein kritischer Denker ist nicht schon einer, der in jeder Suppe ein Haar zu finden weiß. Kritisch sein heißt: nur das gelten lassen, was auf seine Gründe hin geprüft wurde. 

Kein im wirklichen Wissenschaftsgeschäft Tätiger kann sich leisten, alle Gründe selber zu prüfen, von denen er ausgeht. Jeder Realwissenschaftler setzt tausend Gründe voraus, von denen er annimmt, dass viele Kollegen vor ihm sie schon erfolgreich überprüft haben werden. Anders könnte es gar keine Wissenschaft geben.

Nur für eine Wissenschaft gilt das nicht, für die Mutter aller andern: In der Philosophie muss sich ein jeder zu- muten lassen, wirklich alles selber zu prüfen, von vorne an; unter allen Voraussetzungen auch noch die allererste - die, die allen andern zugrunde liegt - selber 'kritisiert' zu haben. Und die heißt: Ich urteile. Das kann man so schreiben: Ich urteile, oder auch: Ich urteile – es bedeutet jedesmal dasselbe: Wenn ich nicht urteilte, gäbe es mich nicht, und: Wenn ich nicht wäre, gäbe es kein Urteil. 

Es reicht auch nicht, den Satz zu lesen und beifällig zu nicken. Man muss ihn schon selber gedacht haben; sonst wird es nichts mit dem Philosophieren.

17. 1. 14 




Samstag, 31. März 2018

Was heißt: sich etwas denken?


Was heißt: sich denken, sich etwas denken? Die Art, wodurch die Noumene zu Stande kommen, ist das 'sich denken'? Das Intelligible in das Sinnliche hineinsetzen als Vereinigungsgrund heißt: sich etwas denken. Das bloß Gedachte ist nicht in der Erfahrung, sondern wird erst durch das Erfahrende heineingetragen; daher heißt es a priori in der Bedeutung, wie Kant dies Wort nimmt.
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 137






Freitag, 30. März 2018

Wenn die Transzendental-…

 
…alias Kritische Philosophie nicht dazu taugte, im anthropologischen Feld die Spreu vom Weizen zu trennen, wäre sie überflüssig. 

7. 1. 14 






Donnerstag, 29. März 2018

Top down oder bottom up?

Uwe Steinbrich, pixelio.de

Das Prinzip der modernen Wissenschaft ist die Analyse; und darum ist sie atomistisch?

Recte: Sie ist vorderhand (im intendierten Ergebnis) atomistisch - und darum verfährt sie analytisch. Die Grundvorstellung ist nämlich die, Wahrheit sei zusammengesetzt aus letzten, kleinsten, unauflöslichen Wahrheitspartikeln ('Begriffe'), die ihrerseits (als Entelechien?) das Gesetz in sich tragen ('Logik'), sich zu Molekülen zusammenzufügen, zu Zellen, zu Organismen; zum "Kosmos".

Der Organizismus ist nur auf den ersten Blick das "genaue Gegenteil"; indem er die Reihenfolge umkehrt. Die innere Verfassung ist aber dieselbe, der Streit geht nur darum, auf welcher Seite die ("onto"-) logische Priorität liegt, von welcher Seite her die Geltung ausgeht. 

Aber dass das, was erscheint, sein Gesetz, wie es erscheint, in sich selber trägt, darüber sind sie ja einig; nur ob dieses von oben nach unten oder von unten nach oben weist, das ist strittig.

Die kritische Auffassung stellt sie gleichrangig nebeneinander und löst sie auf.

(In der Mikrophysik haben sich die "Unteilbaren" als höchst flüchtig erwiesen, je näher man an sie herankommt, umso mehr lösen sie sich auf, in bloße "Ladungen", die nicht einmal mehr res extensae sind, sondern bloße "Wellen"....


aus e. Notizbuch, 30. 4. 07


Der Eintrag ist offenbar nicht fertiggeworden. Es müsste nämlich folgen:

Die ewige metaphysische Versuchung des Geistes war immer und wird immer sein, die Gesetze des Denkens für irgendwie dasselbe zu halten - ein Spielgebild, den Schatten, das Schema - wie die Bewegungsgesetze der Welt; und daher das organische oder eben das atomistische Modell auf die Welt der Vorstellungen zu übertragen. 

'Die Welt ist alles, was der Fall ist' lässt sich gar nicht denken ohne eine atomistische Prämisse. Alle "Fälle", die "sind", sind die jeweils kleinsten Einheiten des Wahren (des Geltens),* und jede müsste sich für sich selber identifizieren, d. h. von den andern isolieren und absolut setzen lassen. Klar, dass dann für ein Subjekt nichts mehr zu tun bleibt. 

Indes, das Ich 'tritt in die Philosophie ein' durch die Hintertür; "indem" nämlich "die Welt meine Welt ist". Bevor sich über die Welt irgendetwas aussagen lässt, ist dies "der Fall": Die Welt ist meine Welt, sonst könnten alle ande- ren Fälle, die sind, auf sich beruhen bleiben. In Sachen Geltung ist dies der Ausgangspunkt, der jedem weiteren Schritt zu Grunde liegt. Aber so wahr ich Einer bin, ist demnach auch die Welt eine, und was im Einzelnen gilt, gilt nur, sofern der Grund-Satz gilt: Die Welt ist meine Welt. 

*) 'Was der Fall ist' bezeichnet in jenem bekannten Satz selbstverständlich nur logische Fälle.

27. 10. 14

Dienstag, 27. März 2018

Vordringlichkeit des Realismus.


Wissen ist Einsicht in die Bedeutungen der Erscheinungen. Die gnoseologische Grundfrage: Ist die Einsicht eine Subjektivieren eines Objektivums (Wesen) oder das Objektivieren eines Subjektivums (Intention)?

[Im scholastischen Vokabular: 'Intentio' ist 'Bedeutung'.]

Es trifft sich, dass die 'objektivistische' Antwort zugleich eine ontologisch-metaphysische ist. Sie fällt doppelt ins Gewicht. 

aus e. Notizbuch, 3. 9. 07


Die kritische oder transzendentale Auffassung ist im wirklichen Leben gar nicht zu gebrauchen. In seinem Alltag bemüht sich auch der Philosophierende, sein Wissen den Dingen anzugleichen. Die eine Auffassung ist wahrer, die andere wirklicher, und die wirklichere hat mehr Recht. 3. 12. 14





Montag, 26. März 2018

Das Transzendentale ist rein noumenal.


isha.sadhguru

Dass Transzendenz nicht in die Wissenschaft und also auch nicht in die Philosophie gehört, hat sich als stille Selbstverständlichkeit durchgesetzt, wenn auch an theologischen Fakultäten pro forma noch das Gegenteil gesagt wird und Astrophysiker, wenn sie die Siebzig überschritten haben, ihre Phantasie auch gern mal hinter den Urknall zurückschweifen lassen. Wirklich ist bloß die Wirklichkeit.

Wie ist das mit dem Transzendentalen? Die paar verbliebenen trotzigen Kantianer - Fichtianer gibt es auch wieder - meinen, dass die Positivismen verschiedener Couleur sie noch nie überholt, nicht einmal eingeholt haben. Doch ob das Transzendentale nun zur Wirklichkeit gehört oder doch nicht mehr, darf man sie nicht fragen: So einfach wär das nicht! Vielleicht sei es ja eine Realität sui generis, der Erfahrng zwar nicht zugäng- lich, kann dank passender Verrichtungen aber vielleicht doch spekulativ erschlossen werden? Nicht zu jeder Zeit und nicht durch jedermann, man kann gar nicht recht sagen, was es ist, man muss es selber ausprobiert, gewis- sermaßen erfahren haben wie das Mystische, sonst fasst man es nie...


Es wundert nicht, dass Studenten, die ein Faible für die Schärfe des Begriffs haben, die Transzendentalphiloso- phie unbeachtet links liegenlassen.

Man muss ein für allemal klarstellen: Das Transzendentale hat keine Realität, es ist rein noumenal; und um den Schlaumeiern zuvorzukommen: Auch als Begriff hat es keine Realität.

Es ist nicht ratsam, mit der Transzendentalphilosophie an ihrem historischen Ursprung bei Kant anzufangen. Kant ist nicht zuende gekommen und auf halbem Weg stehen geblieben. Nach einem ganzen Leben Kant- studium hat noch jeder mehr Fragen übrigbehalten als Antworten bekommen. Bis zum Schluss ist Fichte ge- gangen, oder doch beinahe, er hat kurz vorher doch noch kalte Füße bekommen und sich in die Büsche ge- drückt: Jacobi hatte ihm gesagt, er habe zwar gegen Kant völlig Recht, aber seine Philosophie könne lediglich den Nihilismus begründen, und egal, ob richtig oder falsch, sei sie daher zu verwerfen. Davor ist Fichte zurück- geschreckt.

Das hätte er aber nicht müssen, man kann auch als Nihilist ein anständiger Mensch bleiben, es kommt bloß drauf an, was man draus macht: Man hat ja jetzt Freiheit, und darum ging es ihm doch. Und das einen das umso stärker in die Pflicht nimmt, hätte ihm gefallen müssen.

*

Wenn ich also ohnehin an mich selbst und meine leere Freiheit verwiesen bin, wenn ich mir alles, was Wert hat, doch ganz alleine einbilden und vorstellen muss; wenn ich gar noch selber entscheiden soll, was es jeweils wert ist - wozu bräuchte ich die Transzendental- oder sonst eine Philosophie überhaupt?

Das Noumenon ist nach Kant ein "Grenzbegriff", der die Selbstherrlichkeit der Sinnlichkeit, die alles gelten lässt, was sie mit eignen Augen sieht, sonst aber nichts - der ihre Selbstherrlichkeit in die Schranken weist: Was ich soll, kann ich aus dem, was ist, nicht herauslesen. Das Noumenon ist ein bloß-Gedachtes, das auf ein Da- sein in der Welt gar keinen Anspruch macht, das lediglich gelten will - nämlich im Verkehr der anderen Gedach- ten untereinander. 

Auch den Anmaßungen meiner Einbildungskraft ziehen die Noumena nämlich Grenzen, besser gesagt: Nur Noumena können meine Einbildungskraft in den ihr zukommenden Grenzen halten, denn außerdem ist sie ganz frei. Was ich soll, kann ich nämlich auch durch bloßes Einbilden nicht wissen. Ich werde es entscheiden müssen, aber dazu brauche ich Maße, die ich wiederum nirgends finde als in mir. Das Transzendentale ist rein noumenal heißt: Die Transzendentalphilosophie ist das immanente Maß unserer Vorstellung. Das Maß hat selber kein Sein. Es ist immer nur dann und da, wenn und wo gemessen wird, denn das geschieht in der Wirklich- keit.

Ein Maß braucht sie freilich nur, wenn und sofern sie vernünftig sein will; das heißt: nicht immer und überall. Wenn ich nur für mich allein wäre, bräuchte ich keine Vernunft, da könnte ich tun, wonach mir eben ist.

28. 1. 17 


Sonntag, 25. März 2018

Woher kommt der Ausdruck 'transzendental'?

§ 12.
Es findet sich aber in der Transscendentalphilosophie der Alten noch ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch nach ihnen als Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann.

Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quodlibet ens est unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Princips sehr kümmerlich ausfiel, so daß man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur Vermuthung, daß er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden.

Diese vermeintlich transscendentale Prädicate der Dinge sind nichts anders als logische Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und Allheit, zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material, als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen werden müßten, in der That nur in formaler Bedeutung, als zur logi- schen Forderung in Ansehung jeder Erkenntniß gehörig, brauchten und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten.

In jedem Erkenntnisse eines Objects ist nämlich Einheit des Begriffs, welche man qualitative Einheit nennen kann, so fern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer Fabel. Zweitens Wahrheit in Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objectiven Realität. Dieses könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu einem Begriffe als einem gemeinschaftlichen Grunde gehören (nicht in ihm als Größe gedacht werden), nennen. Endlich drittens Vollkommenheit, die darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffes zurückführt und zu diesem und keinem anderen völlig zusammenstimmt, welches man die qua- litative Vollständigkeit (Totalität) nennen kann.

Woraus erhellt, daß diese logische Kriterien der Möglichkeit der Erkenntniß überhaupt die drei Kategorien der Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum durchgängig gleichartig angenommen wer- den muß, hier nur in Absicht auf die Verknüpfung auch ungleichartiger Erkenntnißstücke in einem Bewußt- sein durch die Qualität eines Erkenntnisses als Princips verwandeln. So ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objects derselben) die Definition, in der die Einheit des Begriffs, die Wahrheit alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, endlich die Vollständigkeit dessen, was aus ihm gezo- gen worden, zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht; oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und des angenommenen Erklärungs- grundes oder dessen Einheit (ohne Hülfshypothese), die Wahrheit (Übereinstimmung unter sich selbst und mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen und endlich die Vollständigkeit des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden, und das, was a priori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch wieder liefern und dazu zusammenstimmen.

 - Also wird durch die Begriffe von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transscendentale Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, sondern nur, indem das Verhältniß dieser Begriffe auf Objecte gänzlich bei Seite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln der Übereinstimmung der Erkenntniß mit sich selbst gebracht.

aus Kritik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe AA III, S. 97ff


In der mittelalterlichen Scholastik sind Transzendentalien (lat.: transcendentalia, von transcendere „über- steigen“) die Grundbegriffe, die allem Seienden als Modus zukommen. Wegen ihrer Allgemeinheit über- steigen sie die besonderen Seinsweisen, welche Aristoteles die Kategorien nannte (Substanz, Quantität, Qualität usw.). Die Transzendentalien liegen aber nicht jenseits der Kategorien, sondern sind in allen Kategorien jeweils enthalten.

Ontologisch betrachtet werden die Transzendentalien als das allen Seienden Gemeinsame aufgefasst, da sie von allem ausgesagt werden können. In kognitiver Hinsicht sind sie die „ersten“ Begriffe, da sie nicht auf logisch Vorausgehendes rückführbar sind.

Im Hochmittelalter seit Albertus Magnus sind die Transzendentalien der eigentliche Gegenstand der Meta- physik. Obgleich man sich über ihre Anzahl uneins war, bestand Konsens darüber, dass neben dem Grund- begriff des Seienden selbst (ens) Einheit (unum), Wahrheit (verum) und Gutheit (bonum) zu den Transzen- dentalien gehören. Weiterhin wurden noch das Wesen (res), die Andersheit (aliquid) und in neuerer Zeit die Schönheit (pulchrum) zu den Transzendentalien gezählt. Ansätze zur scholastischen Transzendentalien- lehre finden sich bereits bei Platon und seiner höchsten Idee des Guten und bei Aristoteles, für den die Be- griffe „Seiendes“ und „Eines“ austauschbar sind, da sich der Begriff des Einen auf all das anwenden lasse, auf was auch das Prädikat „seiend“ zutrifft.

aus wikipedia


Nota. -  Die Transzendentalphilosophie hat es nie leicht gehabt, weil sie schwer ist. Weniger schwierig in einem verfahrenstechnischen Sinn, als schwer, weil sie verlangt, von unwillkürlichen, weil selbstverständli- chen Voraussetzungen abzusehen und so zu tun, als würde man ganz von vorn anfangen. 

Ein zusätzliches und an sich unnötiges Hemmnis ist allein schon ihr Name. Das Transzendente - da weiß jeder ungefähr, was er sich drunter vorzustellen hat und vielleicht gar nicht vorstellen kann. Das Tranzen- dentale klingt so, als wäre es davon abgeleitet und sekundär. 'Transzendent ist, was jenseits der Erfahrung liegt; transzendental ist, was diesseits der Erfahrung liegt', lautet die Erläuterung des Belehrers. Aber davon, was diesseits meiner Erfahrung lag, musste ich schon eine gewisse Ahnung haben, wenn ich das verstehen sollte; das Wort allein macht mich um nichts klüger.
 
Kant war sich bewusst, eine ganz neue Denkweise in die Welt gesetzt zu haben. Die dafür erforderlichen Ausdrücke standen noch in keinem Wörterbuch, er musste sie schlecht und recht zusammensuchen und war froh, wenn er in der philosophischern Schulsprache ein paar Anhaltspunkte fand. 

Es waren aber, wie wir an dieser Stelle deutlich erkennen, nicht einfach die Vokabeln, um die es ging. Er suchte natürlich auch nach gedanklichen Vorarbeiten, auf die er sich berufen konnte, denn einer, der alles selbst erfunden haben will, ist bedenklich. Kant hat nicht nur nach Wörtern gesucht, sondern nach Vorstel- lungen, an die er knüpfen konnte.

Die scholastischen Transzendentalien waren das ontologisch Erste. Doch nicht aufs Sein soll sich die neue Art des Philosophierens richten, sondern auf unser Wissen vom Seienden. Was allem Wissen sachübergrei- fend generisch zu Grunde liegt, was wissenslogisch das Erste ist, das nennt Kant transzendental. 

Das Paradox ist ihm - froh wie er war, eine Stelle in der Überlieferung gefunden zu haben, auf die er zurück- greifen konnte - nicht aufgefallen: Was kann dem Wissen anders "zu Grunde" liegen als - ein Akt? Ein Sei- endes ja doch nicht, denn nur von ihm kann gewusst werden, das Wissen tritt an es heran, genauer: das Wis- senwollen. Ein Reich des Transzendentalen kann es gar nicht geben. Es gibt die Arbeit des Wissenwollenden, aber der muss alles selbermachen, gegeben wird ihm immer nur, was er sich selbst gegeben hat.
JE