Montag, 22. Januar 2018

Beifall und Missbilligung.


Moulin, Objet trouvé à Pompéi
 
In seiner Umwelt "erscheint" dem Tier nur das, was durch seinen Platz in der ökologischen Nische "für es bestimmt" ist: seinen Stoffwechsel und seine Fortpflanzung. Für das Tier sind Bedeutung und Erscheinung ungeschieden. Genauer gesagt, "für" das Tier ist nichts. Etwas ist "da" und damit basta.

Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung (zu einem gegebenen Zeitpunkt) ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung. 

So tritt er in eine apriorischen Distanz zu allem Etwas. Was erscheint, wird zu 'etwas' erst in diesem distanzie- renden Akt. (Der lässt sich prinzipiell umkehren: So kann er zu "sich" in Distanz treten und zu "ich" werden.)

Die Distanz zu Dingen setzt ihn in einen Zustand der Freiheit. Sie erzwingt Abstraktion und eo ipso Reflexion. Diese Distanz macht ihn zu einem ideellen, seine physische Organisation (Folge und Voraussetzung des zur-Welt-Kommens) setzt ihn in den Zustand eines sachlichen Produzenten

Die Erfahrung mögliches Überflusses setzt ihn in Lage, zu sich, das heißt zu seinem Bedürfnis, in Distanz zu treten.

aus e. Notizbuch, 13. 3. 07


"Im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung" - da ist mir, ohne es recht zu bemerken, die anderwärts vergeblich gesuchte Herleitung unseres Geistes alias Einbildungskraft aus unserm ästhetischen alias 'poietischen' Vermögen unterlaufen. Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - Mal sehen, zu was.

Man muss nicht demonstrieren, dass es so kommen musste. Es reicht zu zeigen, weshalb es so kommen konnte.

30. 1. 14

Sonntag, 21. Januar 2018

Der Mensch kann einbilden, weil er raten muss.


Wahrsagerin

Auch einem Tier begegnen wohl Situationen, die noch nie vorgekommen sind. Versucht es dann sein Glück?

Nicht eigentlich. Es tut irgendwas, oder auch nichts; was bleibt ihm übrig? 

Der Mensch versucht. Er "stellt sich was vor" und handelt so, wie er es getan haben würde, wenn es wirklich so wäre. Er rät.

Bislang habe ich Max Schelers Satz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, zu vervollständigen gemeint in der Formel: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er fragen muss. Vollständiger wird er aber so: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er raten muss, nachdem er gefragt hat. 

Die Antwort, die er sich nur selber geben konnte, muss er versuchen.


8. 12. 14


Nota. - Was bei Kant und Fichte  Einbildungskraft heißt, ist nichts anderes als die Fähigkeit zu raten.


Samstag, 20. Januar 2018

Reflexion ist immer dabei.


uschi dreiucker, pixelio.de

Unterscheiden zwischen 'der Sache' und ihrer 'Bedeutung' ist Reflexion. Es setzt voraus, dass die Bedeutungen der Sachen nicht schlechterdings gegeben sind, sondern erfragt werden mussten. 

Die Emergenz der Reflexion ist also nicht verschieden von der Emergenz der Vorstellung selbst. Nämlich von der Anschauung, die von der Einbildungskraft als diese fixiert und ins Gedächtnis aufgehoben wurde. Die Vor- stellung verdoppelt die Sache zu einem Bild der Sache, das von ihr unterschieden und unter einem Zeichen archi- viert werden kann. Das wiedergefundene Bild bedeutet die Sache. 

Es handelt sich um ein und denselben Vorgang. Die verschiedenen Worte, mit denen wir ihn beschreiben, be- zeichnen verschiedene logische, aber nicht Zeitmomente - nicht eins nach dem andern, sondern je in dieser oder anderer Hinsicht.

Und ist der elementare Akt des Bildens einmal gelungen, lässt er sich prinzipiell allezeit wiederholen. Vom Bild lässt sich nun wiederum ein Bild machen, und immer so fort. Die Reflexion schläft nie. Sie schlummert höch- stens mal, aber sie ist immer dabei.

13. 9. 2013 




Freitag, 19. Januar 2018

Reflektieren kann jeder.



Unser Denken spiegelt nicht die Welt, sondern unser Tun. Sofern wir uns 'Dinge' denken, meinen wir das, was wir mit ihnen tun, und das, was wir mit ihnen nicht tun können.

Tun können wir – "wenn sonst alles erledigt ist" – auch das bloße Anschauen; das Betrachten der Dinge, ohne mit ihnen etwas tun zu wollen - außer eben: betrachten. Das ist das wahre Mysterium des Denkens, alles andere ist trivial. Reflektieren kann jeder. Betrachten muss man können.

aus e. Notizbuch, Spätherbst 2010








Mittwoch, 17. Januar 2018

Quintessenz der Vernunft.



1. Das Leben hat einen Zweck.

2. Wie immer er zu bestimmen ist - wenn ich ihn erfülle, ist er auf jeden Fall ein Gewinn; wenn ich ihn verfehle, ist das Leben vergeudet.


3. Sinn des Lebens ist Gewinn. 


Nota. - Ob es Vernunft gibt, mag strittig sein. Aber ein Vernunftzeitalter hat es unstreitig gegeben. Was haben sie sich damals darunter vorgestellt? Und wenn es ein solches Zeitalter gab - was ist daraus geworden, und warum? Dauert es womöglich an? 

Die erste Frage ist eine historisch-theoretische. Die zweite nicht.

14. 11. 17


Nachtrag. - Das ist ein Beitrag zum Thema 'Vernunft ist die Geistesverfassung der bürgerlichen Welt.' Denn der Sinn des Lebens in traditionellen und agrarischen Zivilisationen ist nicht Gewinn und Wachstum, sondern Erhaltung in statu. Unendlicher Progress ist das Leben erst in der bürgerlichen Gesellschaft geworden. Die christliche Auffassung von der irdischen Existenz als eine Pilgerschaft war dafür eine Voraussetzung. Eine notwendige Voraussetzung? In anderen Kulturen hat sie gefehlt; und ist eine bürgerliche Lebensauffassung nicht entstanden.








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Dienstag, 16. Januar 2018

"Bewusstsein".


nach  Oliver Haja  / pixelio.de 
 
Das Wort Bewusstsein ist eine gedankliche Bananenschale. Nicht an sich; es ist dazu erst geworden. In der Umgangssprache bezeichnet es den Moment, in dem ich bei Bewusstsein bin. Bewusstes Sein, in jedermanns Alltagserfahrung kein immerwährender Zustand, sondern nur ein paar Momente im Tagesverlauf, unter- brochen von vielen langen Phasen, in denen ich mehr oder minder 'außer mir' bin.
 
Doch wenn ich's recht bedenke, bin ich gerade dann, wenn ich mir meiner bewusst werde, außer mir, denn dazu muss ich einen Stqndpunkt einnehmen, als wäre ich ein anderer, der 'mir' neugierig zuschaut: re-flektieren. 'Bei mir selbst' wäre ich dann eher, wenn ich mich achtlos gehen ließe, 'spontan', 'echt', 'authentisch'.


In der empirischen Psychologie mag es zweckmäßig sein, den Ausdruck im Sinne eines definierten Begriffs zu verwenden (sofern man die Definition im gegebenen Fall auzdrücklich mitliefert). Die empirische Psychologie hat es mit den wirklich unter uns lebenden Menschen zu tun, und eines von deren hervorstechenden Merk- malen ist in den modernen westlichen Gesellschaften ihr Auftreten als Person - gedacht als Träger eines freien Willens, der sie für sich selbst verantwortlich und zu Subjekten der Volkssouveränität macht: Auch das eine empirisch gesetzte, gesellschaftlich wirksame Fiktion, die im Deteil immer wieder in Spannung gerät zu dem tatsächlichen Walten intrinsischer und extrinsischer Motive, die dem 'Bewusstsein' notorisch verborgen bleiben und es auf Abwege leiten. In diesem kritischen, problematischen Sinn hat der Begriff oder besser: das Wort ein Platz auch in den Wissenschaften.
 
Problematisch wurde es durch den mystifizierenden Gebrauch, der bei Hegel und seiner Schule damit getrie- ben wurde. In deren System erscheint das Bewusstsein als eine Stufe in der Selbstentfaltung des Geistes, den es, einmal errreicht, nicht mehr zu unterschreiten gilt. Bei Kant und den andern kritischen Philosophen, die sich mit den Wissensvermögen des Menschen beschäftigt hatten, war 'das Bewusstsein' nur gelegentlich und unthe- matisch vorgekommen, denn sie waren phänomenologisch orientiert und nicht metaphysisch systembauend. Phänomenal ist der Mensch und sind seine Vermögen eins, und nur von außen, in Hinblick auf die jeweiligen Leistungen, sind Unterscheidungen objektivierbar; so dass von 'dem Bewusstsein' wie von einer Substanz zu reden im Sinne einer kritischen Philosophie irreführend und falsch ist. Denn eben das Ich, das transzendentale oder absolute, dem das Bewusstsein als seine auszeichnende Eigenschaft zugerechnet werden soll, ist selber nur der gedachte Träger dieser gedachten Vermögen und ist der empirischen Person so fern wie ein praller Fußball der Zahl Pi.

29. 9. 13


Montag, 15. Januar 2018

Vernunft ist nichts als…


Le Corbusier

…Verstand im Dienst der ästhetischen Urteilskraft.

Der Verstand ergründet die Dinge und ihre Verhältnisse zueinander. Die Vernunft fragt, was ich unter ihnen zu suchen habe.

5. 12. 13. 





Sonntag, 14. Januar 2018

Vernünftig ist dasjenige Denken...




Vernünftig ist dasjenige Denken, das von der Voraussetzung ausgeht, dass es Wahrheit gibt und dass sich der Unterschied von wahr und unwahr durch Überprüfen der Gründe erkennen lässt. Vernunft ist die Projektion eines Zustandes, in dem alle Gründe geprüft und bestätigt sind. Als Projektion ist dieser Zustand selbst nicht begründet, sondern intendiert. Denn lediglich intendiert war schon die Voraussetzung, und lässt sich auf Gründe nicht stützen.

Das ist eine rein logische Bestimmung. Reell und empirisch ist Vernunft nur eine Art Wurfanker, der nach einem gedachten Halt ausgeworfen wird.


27. 8. 2013







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Samstag, 13. Januar 2018

Vernunft ist ein gesellschaftliches Verhältnis.


 
So ist sie an sich. Aber so kann sie sich auf die Dauer nicht halten. Es müssen immer welche nachwachsen, die sie sich zur Aufgabe machen. Für sich wird sie als Aufforderung.  
Alle gleich sind nur, sofern die Aufforderung gehört wird.











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Freitag, 12. Januar 2018

Meine Vernünftigkeit setzt die Vernunft der Andern voraus.


Rembrandt

Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer schon als vorhanden voraus- zusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subject des Selbstbewsstseyns schon vor- her ein / Object, bloss als solches, gesetzt haben musste; und wir somit immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft seyn musste.

Dieser Grund muss gehoben werden.

Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und demselben Moment synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe. ... 


Beide sind vollkommen vereinigt, wenn wir uns denken / ein Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmuung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 31ff.


Nota. - Die Vernünftigkeit der Individuen ist nicht zu begreifen, ohne dass ich eine 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir' als historisch gegeben voraussetze. Das bürgerliche Subjekt ist nicht vorstellbar ohne die bürgerliche Gesellschaft; das Ich nicht ohne die Welt.
JE



Donnerstag, 11. Januar 2018

Analog anschauen, digital repräsentieren, II.


Uwe Steinbrich  / pixelio.de

Der analoge Modus ist der Modus der Anschauung. Er ist nicht "positiv": Positiv ist erst das Setzen - positio - eines Was als Dieses. Um das Erscheinende der Anschauung als ein Dieses zu fassen, bedarf es der Verneinung; determinatio est negatio. Es müsste gefasst werden als 'nicht-alles-Andere'. Das lässt sich nicht anschauen, weil es das Paradox einer 'unendlichen Menge' ist: Das Unendliche lässt sich nicht anschauen. Es muss verendlicht werden zu 'nicht-Dieses'. - Also ist das Was der Anschauung selber zu bestimmen: Das Dieses muss selber 'ge- fasst' werden: Es muss 'vorgestellt' werden; durch Negation, d. h. Übergang in den digitalen Modus. Die Vorstel- lung ist die (qua Negation) digitalisierte Anschauung.

Das Tier kann anschauen, aber mangels Digitalisierung nicht vorstellen.

2. 11. 08


Nota. - Fichte gebraucht 'vorstellen' in einem unspezifischen, generischen Sinn. Dass die Anschauung nur Bilder sieht, ist ihm klar, aber noch nicht der Gegensatz analog/digital; so dass, wo er vom Begriff spricht, dessen Zeichenhaftigkeit (die seine diskursive Verknüpfung ermöglicht) nicht mitgemeint ist. 'Begriff' ist für ihn eine Tätigkeit, die 'als ruhend angeschaut' wird.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Einbildungskraft.


  knipseline  / pixelio.de

Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt - ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und dadurch sich selbst reproduziert, indem das Ich Unvereinbares vereinigen will, jetzt das Unendliche in die Form des Endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder außer derselben setzt, und in dem nämlichen Momente abermals es in die Form der Endlichkeit aufzunehmen versucht - ist das Vermögen der Einbildungskraft.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 215







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Dienstag, 9. Januar 2018

Circulus in demonstrando.



Sobald die Wissenschaftslehre streng durchgeführt wird, erweist sie sich als zirkulär. 

Hat sie selber also keinen Gehalt? Doch, denn ihre Zirkularität bewährt immer wieder ihre Prämisse. Die ist ihr ganzer Gehalt, das stimmt.










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Montag, 8. Januar 2018

Wozu braucht man die Wissenschaftslehre?


sissel

Der Mensch kommt nicht vernünftig zur Welt. Aber er kommt in eine Welt. Dort hat er Erlebnisse aller Art, Erfahrungen, wie er später sagen wird. Was die Welt auszeichnet vor andern Orten, an die er kommen könnte, ist, dass die Dinge, die darin vorkommen, Bedeutungen haben; manche deutliche, manche weniger deutliche, und von manchen kann man sie nicht einmal erkennen. 

Die Bedeutungen, die die Dinge in der Welt haben, werden ihm mitgeteilt von den Mitmenschen, die er vorfin- det. Die Mitmenschen und die Bedeutungen der Dinge sind im wirklichen Erleben fast dasselbe; er kennt die einen nur, weil er die andern kennt, und wenn er mit jenen auskommen will, muss er ihre Bedeutungen teilen. Misshelligkeiten kommen vor, aber schließlich geht es doch immer weiter.


So macht jeder seinen Weg, der eine rasch und gradlinig, der andere mühsam und auf Umwegen; der eine erlebt viel, der andere weniger, dem einen bedeutet's wenig, dem andern allerhand. Jedenfalls verkehren sie alle mit einander schlecht oder recht, denn sie sind alle vernünftige Leute, und wen er nicht zu diesen zählt, dem geht er aus dem Weg; es sei denn, es sind Neulinge in der Welt, wie er einer war; die nimmt er bei der Hand und zeigt ihnen die Welt, so gut ers versteht.

Das ist Vernunft.

Was ist sie? Man kann beobachten, was sie treiben, es notieren, auf Listen sammeln und zu Statistiken fügen. Da wird man aber nur Beschreibungen zustandebringen, und am Ende steht immer bloß: Irgendwie kommen sie doch wieder zusammen, wenn auch vorher Mord und Totschlag war. Was es aber ist, das sie bei all ihren Gegensätzen letzten Endes zusammenhält, wird durch bloßes Sammeln von Erfahrungsdaten nie ersichtlich werden. Man wird ein Modell entwerfen müssen; das nimmt man als ein Schema, das man an das wirkliche Geschehen heranhält und Vergleiche zieht: Passt oder passt nicht? 

Ob es aber passt oder nicht, entscheidet nicht allein über die Tauglichkeit des Modells. Entscheidend ist, ob das Modell auch einen guten Sinn in das Geschehen bringt. Das allerdings ist keine theoretische Frage nach der Pass- genauigkeit, sondern eine praktischen Frage nach dem guten Zweck. Und es findet sich womöglich, dass nicht alle Zwecke für ein Modell der Vernunft taugen.

15. 1. 17 



Sonntag, 7. Januar 2018

Der Sinn der Welt, II.


 

Der Sinn der Welt ist, dass Vernunft in ihr verwirklicht wird.
Das sagt über die Vernunft fast mehr als über die Welt.
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Ist es nicht merkwürdig, dass für die Philosophie Vernunft schon so lange kein Thema mehr ist? Am Beginn des modernen Zeitalters war sie ihr Anfang und ihr Ende. 

31. 8. 13










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Samstag, 6. Januar 2018

Der Sinn der Welt, I.


photoseed

Die Welt selbst hat keinen Sinn. Umgekehrt. Indem ich [ihnen] einen Sinn [hinzu] erfinde, wird aus den Erscheinungen überhaupt erst eine Welt, und wenn nicht, dann nicht. Kann ich es also auch bleiben lassen? 

Die Welt wird erst, indem ich ihr einen Sinne an-erfinde. Der Sinn der Welt ist, dass ich in ihr mein Leben führen muss. Auf einen Sinn der Welt kann ich nicht verzichten, ich verzichtete denn darauf, mein Leben zu führen. Das Paradox: Ich mag wohl mein Leben nicht führen (sondern, sagen wir, mein Bedürfnis befriedigen). Allerdings kann ich mein Leben nicht nicht-führen wollen. Sobald ich will (und sobald ich überhaupt Ich denke), setze ich voraus, dass da ein Sinn ist; und ich ihn realisiere, indem ich etwas will. 

Ob das Leben einen Sinn hat, ist das pari von Pascal. Ich werde es darauf ankommen lassen müssen. Indem ich nach einem Sinn (überhaupt erst) frage, habe ich den Hauptteil der Antwort schon mitgegeben. Und andersrum: Der Sinn des Lebens besteht darin, dass ich nach ihm frage (und sobald ich mich bei einer Antwort beruhige, habe ich ihn schon wieder verloren).

aus e. Notizbuch, 11. 9. 03




Freitag, 5. Januar 2018

Terminus ad quem.




Mit der Vernunft ist es wie mit ihrer Patin, der Wahrheit: Sie ‘sind’ beide nur actu, als Richtschnur eines freiwil- ligen Handelns. Und zwar nicht als sein bewährter Grund, von dem es ausgeht: terminus a quo; sondern als sein Zweck, auf den es hinauswill: terminus ad quem.

Metaphorisch wird ihr Verhältnis gern umschrieben als unendliche Annäherung. Dagegen wäre nichts zu sagen, neigte das Denken nicht dazu, allzu häufig gebrauchte Metaphern schließlich so anzuwenden, als wären sie Begriffe, und sie als vermittelndes Glied in einen discursus einzufügen und logische Schlüsse zu ziehen. Dann nämlich stellt sich die Sache so dar: Wenn Vernunft und Wahrheit ohnehin nur annähernd zu realisieren sind, dann muss ich selbst es ja auch nicht so genau damit nehmen…

Ich schlage darum eine andere Metapher vor. Vernunft und Wahrheit sind wie der Polarstern, den der Steuerman auf hoher See als Orientierungspunkt wählt; nicht um ihm sich anzunähern, sondern seinem Bestimmungshafen – und zwar endlich.


30. 8. 13 


Nachtrag. -  'Unendliche' Annäherung ist keine Annäherung. So weit ich immer gehe, bleibt der Abstand doch derselbe: nämlich unendlich. Unendlich minus x - was soll das wohl heißen?









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Donnerstag, 4. Januar 2018

Der Mensch muss sein Leben FÜHREN.


Marianne J., pixelio.de

Leben ist für die Wissenschaft gleich Stoffwechsel plus Fortpflanzung. Allein, der Mensch kann sich unter allen Kreaturen nicht damit begnügen. Weil er nicht mehr in einer geschlossenen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgibt, sondern in einer offenen Welt, wo er sein Leben führen muss - und das ist ein Problem. Nur weil er es hat, sagt er "ich". Es ist die Conditio humana selbst und liegt offenbar jenseits der Naturwissen- schaft.

Denn es ist keine Naturgegebenheit, sondern ein Ergebnis seiner selbstgemachten Geschichte: erst aus der Urwaldnische hinaus in die freie Savanne, dann aus dem Wanderleben in die Kunstnische des Ackerbaus und dann auf die Hohe See des Weltmarkts. Und erst dort ist die Conditio humana gewissermaßen "zu sich selbst gekommen".

15. 11. 13

Mittwoch, 3. Januar 2018

Die rationale Fiktion.



Dem diskursiven Denken liegt als Prämisse die ungeahnte Fiktion zugrunde, der logische Raum – Ein und Alles – sei eine geschlossene Sphäre,  deren Umfang lückenlos von Begriffen angefüllt ist, die einander wech- selseitig bestimmen. 

In unserer wirklichen Vorstellung ist die Welt hingegen ein – 'zwar endlicher, aber unbegrenzter' – Raum, in dem Bedeutungen teils so nah bei einander liegen, dass sie einander berühren, ineinander verfließen und bei genauem Hinschauen gar nicht recht zu unterscheiden sind; und teils ganz beziehungslos neben einander liegen ohne ein Drittes, an dem sie wenigstens zu vergleichen wären.

Das logische Ein und Alles verhält sich zum wirklichen Vorstellen etwa so, wie die Welt des naturwissenschaft- lichen Labors zu den Dingen unseres Mesokosmos.
 
ca. 2009
 

Nachtrag.
Bei Wittgenstein heißt der logische Raum "alles, was der Fall ist", und er nennt ihn die Welt.






 
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Dienstag, 2. Januar 2018

Wissenschaftliche Philosophie.


 magicpen / pixelio.de

Philosophie ist wissenschaftlich nur als Kritik. Und nur als Kritik sollte sie sich zu einem System ordnen lassen. Negativ zwar, sofern ihr letzter Grund darin aufgefunden wird, dass ein realer Urgrund des Wissens sich nicht nachweisen lässt. Sie ist Wissen des Wissens und endet in der Einsicht, dass das Wahre als beabsichtigter Gegenstand des Wissens nicht aufgefunden, sondern postuliert wird. Ein solches Wissen vom Wissen ist in seiner Negativität rein formal und hat keinen Inhalt.

Das war aber nicht die Absicht, aus der heraus die Philosophie entstanden ist. Sie wollte im Gegenteil ein positives Wissen, das als Wegweiser zur richtigenLebensführung taugt. Die Kritik zeigt nun: Mit theoretischen Mitteln ist das nicht zu haben. Die richtige Lebensführung lässt sich nicht ergründen, sondern kann nur entworfen werden. Sie muss frei erfunden werden, und ihr einziger Maßstab ist Schönheit – nämlich ob sie vor allem Interesse gefällt. Da kann die theoretische, wissenschaftliche, kritische Philosophie allerdings sekundär behilflich werden: indem sie die Interessen ans Licht zieht und abweist.

Die Kritik fügt dem Wissen sachlich nichts hinzu. Sie macht aber durch ihre Distinktionen das Wissens selbst – nicht erst das Gewusste – zu einem möglichen Gegenstand des Urteils: Was ist vor-, was ist nachgeordnet? Sie prüft den Wert des Wissens und ist also selber praktisch.

Daraus erhellt aber zugleich, dass der Maßstab zur Beurteilung des Wissens nicht in ihm selber aufzufinden ist, sondern ihm 'vor'-, d. h. übergeordnet war. Die 'Begründung' des Wissens geschieht actu im 'metaphilosophi- schen' Raum – und hat sich in der praktischen oder Lebensphilosophie zu bewähren. Sie ist eine pragmatische Fiktion, und insofern eben doch: 'Hypothese', genauer: Hypostase. Ist nicht proiectio, sondern proiectum. Und dies ist das einzige 'Interesse', das der Kritik standhält.

vor 2009