Mittwoch, 31. Januar 2018

Neues von Bewusstsein und Gedächtnis.



Das Wissenschaftsmagazin scinexx berichtet dieser Tage von einer Untersuchung an der Universität Regens- burg, der zufolge im Langzeitgedächtnis keineswegs nur gespeichert wird, was vom Individuum beachtet und folglich ins Kurzzeitgedächtnis aufgenommen wurde. "Unser Gedächtnis speichert offenbar viel mehr Infor- mationen langfristig ab als bisher angenommen. Demnach schafft es nicht nur ein kleiner ausgewählter Teil aus dem Kurzzeit- in den Langzeitspeicher – sondern fast jeder Wahrnehmungsmoment, wie ein Experiment nun nahelegt. Lassen sich diese Ergebnisse bestätigen, ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen für aktuelle Modellvorstellungen zum menschlichen Gedächtnis."

Die Aufmerksamkeit entscheidet also nur darüber, was im Kurzzeitgedächtnis gespeichert wird - und baldige Reaktion erfordert. Was ins Langzeitgedächtnis kommt - entscheidet das der Zufall, oder wählt 'das Gehirn' nach eigenen Kriterien?

Für die Schule würde es übrigens bedeuten, dass konzentriertes Büffeln gar nichts nutzt. Was nicht von allein hängenbleibt, kann auch durch Aufmerken nicht behalten werden.

*

Die Frage, was wir uns unter unserm Bewusstsein vorstellen, erscheint so in neuem Licht - denn offenbar ist ja das Kurzzeitgedächtnis ein Teil davon. 


Das nächstliegende Bild vom Bewusstsein ist das von mehreren Schichten oder Stufen. An der Oberfläche eine allzeit wache und zugängliche Schicht und darunter ein mehrschichtiger Untergrund, in den nur bei besonderer Aufmerksamkeit eingedrungen werden kann (oder, wie die Freudianer behaupten, auch dann nicht)

Dem entspricht die landläufige Vorstellung vom Gedächtnis. Oben das Kurzzeitgedächtnis, durch das alle Wahrnehmungen hindurchgehen und dann unter gewissen Umständen mehr oder weniger tief ins Langzeit- gedächtnis absinken. Was nie beachtet wurde, fände auch dort keinen Platz. Beide Schichten des Gedächtnisses lägen im selben Raumabschnitt übereinander und unterschieden sich durch Grad ihrer Durchlässigkeit. Die Stufen ließen sich, auf- und abwärts, nur je nacheinander erreichen.

Das Langzeitgedächtnis wäre immer nur durch das Kurzzeitgedächtnis hindurch erreichbar und erforderte größeren Aufwand (den nicht jeder jederzeit leisten kann oder will). Nach der neuen Untersuchung müsste das Modell verändert wären. Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis lägen 'im Raum' neben einander; das eine wäre dem freien willen zugänglich, das andere würde sich - unter welchen Bedingungen?* - mehr oder weniger spontan von alleine melden.

Wie könnte unter diesen Umständen aber von einem Bewusstsein geredet werden?

Die Antwort erbrächte eine andere Untersuchung, die ebenfalls noch neu ist. Mehr oder wenige 'bewusst' unterschiede sich nicht nach Schichten, sondern nach Intervallen. Danach "ist das Bewusstsein lediglich in Zeit- intervallen von bis zu 400 Millisekunden aktiv, während dazwischen Lücken unbewusster Reizverarbeitung liegen". 

Damit ist 'Bewusstsein' nicht abschließend erklärt, aber es eröffnet der Forschung ein ganz neues Feld. Und es sei nicht verschwiegen, dass auch diesmal die Transzendentalphilosophie der empirischen Psychologie einen Schritt voraus war; denn für sie ist 'Bewusstsein' kein Zustand, sondern eine (gewollte) Handlung.

PS. So wird übrigens plausibel, dass im Langzeitgedächtnis auch 'Informationen' Platz finden, die nicht von außen in den Organismus kommen, sondern von ihm selbst produziert wurde; und die nie 'bewusst' waren - aber unter Umständen werden können? Da wäre nur die Sprache im Weg.


*) Man ist sogleich an die englische Assoziationspsychologie erinnert, die der abtrünnige Fichtianer Herbart in Deutschland eingeführt hat. 




Montag, 29. Januar 2018

Der metaphysische Schein.


commons

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich, in demselben Moment, und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine An- schauung zurück beziehen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 33


Nota. - "Es scheint uns..."- 'Wir', das sind die gebildeten, gewohnheitsmäßig reflektierenden Normalbürger der neueren Zeit. Der einfältige Mensch der vorbürgerlichen Welt neigte noch gar nicht dazu, die Erscheinungen der Dinge von ihren Bedeutungen zu unterscheiden. Sobald aber die Bedeutung gesondert vorgestellt werden soll, unabhängig von der Erscheinung, der sie zugedacht wird, dann muss es allerdings so scheinen, als sei sie das Eigentliche, auf das es ankommt, und ihre jeweilige Erscheinung das Zufällige, das auch anders sein kann. 

Das ist aber nicht das 'natürliche' Bewusstsein. Es ist das routinierte Bewusstsein der Verkehrsgesellschaft, wo jedes Ding als austauschbare Vergegenständlichung seines wahren Werts gilt. 
JE



Sonntag, 28. Januar 2018

Die intelligible Welt. (Was ist ewig?)



Dieser Satz, den ich eben schreibe, hat seine Bedeutung "an und für sich"; unabhängig davon, ob ich ihn schreibe; und davon, ob einer ihn liest und seinen Sinn "realisiert". Und wenn dies Büchlein verbrannt würde, "gäbe" es den Satz in dem, was er bedeutet, immer noch. Ja selbst wenn er nie gedacht worden wäre und niemals gedacht werden wird, "ist" er doch - allerdings nicht "da", denn so wenig wie eine Zeit hat er einen Ort. Ewig selbst wenn nie, überall selbst wenn nirgends. 

Das ist überhaupt die einzige 'Ewigkeit', die einzige Ubiquität: Gedanke.* Denken ist das, was schlechterdings außerhalb von Ort und Zeit "ist". Ja überhaupt durch das außer-Ort-und-Zeit-Sein des Denkens sind Ort und Zeit erst "gegeben". 'Gegenständlichkeit' wird als solche erst durch die Verselbständigung ihres 'Sinns' zu einem Gedanken.

*) das, was im realen Denken gemeint ist. Es ist das schlechterdings Objektive.

aus e. Notizbuch, 9. 8. 03


Denken, meinen, vorstellen, dafürhalten... - das ist alles dasselbe. Das Objektive ist das Gemeinte. Aber es "ist" nur virtuell, auf Abruf: wenn jemand es meint.
 
30. 12. 14 


Das alles ist die 'Eigenschaft', vorstellbar zu sein. Die hat der Blödsinn freilich auch. Ist die Eigenschaft, wahr (oder Blödsinn) zu sein, ebenfalls ewig? Den Unterschied zu bestimmen ist Sache der Vernunft. Die ist so ewig wie die Vernünftigen. Die sind einmal 'zur Welt gekommen'. Dass sie für alle Ewigkeit die Welt wieder verlassen, ist nicht vorstellbar - weil eine Ewigkeit sich nicht vorstellen lässt. 

Das ist ein dürftiger Trost. Ein langes Stück von der Ewigkeit - jedenfalls länger, als wir alle leben - lässt sich sehr wohl vorstellen.

Oder so: Wenn ich mir eine Vorstellung vorstelle, kann ich sie mir nur jenseits von Raum und Zeit vorstellen. Doch ich selber darf Raum und Zeit nicht verlassen, denn wenn ich es tue, kann ich nicht nicht zurück und kann mir nichts mehr vorstellen. Ich kann aber aufs Vorstellen und schon gar aufs Vorstellen des Vorstellens in einem Raum und einer Zeit auch verzichten.




Donnerstag, 25. Januar 2018

Wie kommt der Geist in die Natur? (Oder kommt er aus der Natur?)


aus  FAZ.NET, 24.01.2018-10:32
  
Rätselhaftes Bewustsein:
Wie kommt der Geist in die Natur?
 
von Hedda Hassel Mørch

... Unser eigenes Bewusstsein umfasst ein vielfältiges Feld von Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Wünschen und Gedanken. Aber prinzipiell können bewusste Erfahrungen sehr einfach sein. Ein Tier, das einen unmittelbaren Schmerz oder ein dringendes Bedürfnis spürt, ist sich dessen bewusst, auch wenn es nicht darauf reflektiert. Unser eigenes Bewusstsein ist für gewöhnlich Bewusstsein von etwas, etwa Gewahrsein oder Betrachtung von Dingen in der Welt, von abstrakten Ideen oder dem Selbst. Wer aber einen inkohärenten Traum hat oder wild halluziniert, ist immer noch bewusst, insofern er subjektive Erfahrung hat, auch wenn sie nicht Erfahrung von etwas Speziellem ist.

Warum das Problem hart ist

Woher kommt Bewusstsein in diesem allgemeinen Sinn? Die zeitgenössische Naturwissenschaft gibt uns gute Gründe zu glauben, dass Bewusstsein in der Physik und Chemie unseres Gehirns gründet, statt in etwas Immateriellem oder Transzendentem. Um ein bewusstes System zu schaffen, brauchen wir, so gesehen, nur physische Materie. Man setze sie auf die rechte Weise zusammen, wie das im Gehirn geschieht, und Bewusstsein wird erscheinen. Aber wie und warum kann Bewusstsein herauskommen, wenn man doch nur nicht-bewusste Materie auf eine bestimmte komplexe Weise zusammensetzt?

Das Problem ist tatsächlich schwierig, weil seine Lösung allein durch Experiment und Beobachtung nicht gefunden werden kann. Durch immer ausgetüfteltere Experimente und fortgeschrittene Visualisierungs-Technologie für Neuronen gibt uns die Neurowissenschaft zwar immer bessere Zuordnungen von bewussten Erfahrungen zu bestimmten physischen Hirnzuständen. 

Neurowissenschaftler können uns vielleicht sagen, was allen bewussten Erfahrungen gemeinsam ist. Zum Beispiel nach Giulio Tononis Theorie, dass sie hochstufig integrierte Information besitzen. Oder nach Bernard Baars‘ „Global Workspace“- Theorie, dass sie eine Botschaft im Gehirn senden. Oder entsprechend einem früheren Vorschlag von Francis Crick und Christof Koch, dass sie Schwingungen von 40 Hertz erzeugen. Aber in all diesen Theorien bleibt das harte Problem bestehen: Wie und warum fühlt ein System, das Information integriert, das eine Botschaft sendet oder mit 40 Hertz schwingt, Schmerz oder Freude? Das Erscheinen von Bewusstsein aus rein physischer Komplexität bleibt gleich mysteriös, egal wie diese Komplexität beschaffen ist.

Bessere Empirie hilft hier nicht

Es schiene auch nicht weiterzuhelfen, wenn man alle konkreten biochemischen und letztlich physikalischen Details aufdecken könnte, die dieser Komplexität unterliegen. Egal wie präzise wir die Mechanismen spezifizierten, die beispielsweise der Wahrnehmung oder dem Wiedererkennen von Tomaten unterliegen – wir könnten immer noch fragen: Warum ist dieser Prozess von subjektiver Rot-Erfahrung begleitet? Warum ist er überhaupt erfahrungsartig? Warum kann es nicht ausschließlich den physischen Prozess geben, aber kein Bewusstsein?

Andere natürliche Phänomene, von dunkler Materie bis zum Leben, mögen auch vertrackt sein. Aber sie sind längst nicht so hartnäckig. Wenn wir sie verstehen, sammeln wir mehr physische Details. Wir bauen bessere Teleskope und andere Instrumente, wir konzipieren bessere Experimente oder notieren neue Gesetze und Muster innerhalb der Daten, die wir haben. Wüssten wir um jedes physische Detail und Muster im Universum, sollten diese Probleme verschwinden. Sie würden sich so auflösen, wie sich das Problem der Vererbung auflöste, als man die physischen Details der DNA entdeckt hatte. 

Aber das harte Problem des Bewusstseins bliebe bestehen, auch wenn man jede vorstellbare Art physischer Details kennen würde. So scheint die Tiefennatur des Bewusstseins jenseits wissenschaftlicher Reichweite zu liegen. Dabei kann uns die Physik im Prinzip alles sagen, was wir über das Wesen physikalischer Materie wissen können. Physik sagt uns, dass Materie aus Partikeln und Feldern besteht, die Eigenschaften wie Masse, Ladung und Spin haben. Physik mag noch nicht alle fundamentalen Eigenschaften der Materie entdeckt haben, aber sie kommt dem näher.

Nicht-physikalische Eigenschaften

Dennoch ist es vernünftig, zu glauben, dass mehr an der Materie sein muss, als die Physik sagen kann. Grob gesprochen: Die Physik lehrt uns, was fundamentale Teilchen tun oder wie sie sich zu anderen Dingen verhalten. Aber sie sagt nichts darüber, wie sie in sich selber sind, unabhängig von anderen Dingen. Ladung beispielsweise ist die Eigenschaft, andere Partikel mit derselben Ladung zurückzuweisen und Partikel mit der gegensätzlichen Ladung anzuziehen. Mit anderen Worten: Ladung ist eine Weise, sich auf andere Partikel zu beziehen. Ähnlich ist Masse die Eigenschaft, auf angewandte Kräfte zu reagieren und andere Massepartikel über die Gravitation anzuziehen, was wieder als gekrümmter Raum oder als Interaktion mit dem Higgs-Feld beschrieben werden kann. Auch das sind also Tätigkeiten der Partikel oder ein In-Verbindung-Setzen mit anderen Partikeln oder der Raumzeit.

Es scheint überhaupt so zu sein, dass alle fundamentalen physischen Eigenschaften mathematisch beschrieben werden können. Nach Galilei, dem Vater der modernen Naturwissenschaft, ist das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben. Doch Mathematik ist eine Sprache mit bestimmten Grenzen. Sie kann nur abstrakte Strukturen und Relationen beschreiben. Von Zahlen können wir zum Beispiel nur wissen, wie sie sich zu anderen Zahlen und mathematischen Objekten verhalten, indem sie Gesetzen wie der Addition, Multiplikation und so weiter folgen. Ähnlich wissen wir von einem geometrischen Objekt wie einem Knoten in einem Graphen nur seine Relationen zu anderen Knoten. Ebenso kann uns eine rein mathematische Physik nur über Relationen zwischen physikalischen Entitäten und deren Gesetzen sprechen.

Auch Materie hat ein hartes Problem

Man kann sich fragen, wie physikalische Partikel unabhängig sind von dem, was sie tun, oder sich auf andere Dinge beziehen. Wie sind physikalischen Dinge in sich selbst, wie sind sie intrinsisch? Manche sagen, dass an Partikeln nicht mehr dran ist als ihre Relationen. Aber die Intuition widerspricht dem. Denn damit es eine Relation gibt, müssen zwei Dinge miteinander in Relation stehen. Sonst ist die Relation leer – wie eine Aufführung ohne Schauspieler oder ein aus dünner Luft konstruiertes Schloss. Die physikalische Struktur muss durch irgendeinen Stoff oder eine Substanz realisiert oder implementiert sein. Andernfalls gibt es keinen klaren Unterschied zwischen physikalischer und rein mathematischer Struktur, zwischen einem konkreten Universum und einer reinen Abstraktion. Was könnte dieser Stoff sein, der die physikalische Struktur realisiert? Was sind die intrinsischen, nicht strukturalen Eigenschaften, die ihn charakterisieren? Dieses Problem ist ein Nachkomme von Kants klassischem Problem, ob man das Ding an sich kennen könne. Der Philosoph Galen Strawson nannte es das harte Problem der Materie.

Das hat eine gewisse Ironie, denn für gewöhnlich denken wir, dass die Physik die Hardware des Universums beschreibt, also den wirklichen konkreten Stoff. Tatsächlich aber ist die physikalische Materie (zumindest insofern sie von der Physik beschrieben wird) eher wie Software: eine logische und mathematische Struktur. Das harte Problem der Materie besagt, dass diese Software eine Hardware benötigt, wohinein sie implementiert wird. Physiker haben auf brillante Weise die Algorithmen (oder den Quellcode) des Universums rekonstruiert – seine konkrete Implementierung haben sie ausgelassen.

Bereits bei Newton wäre nicht alles geklärt

Das harte Problem der Materie unterscheidet sich von anderen Problemen in der Interpretation der Physik. Die zeitgenössische Physik präsentiert Rätsel: Wie kann Materie sowohl teilchen- als auch wellenartig sein? Was ist der Kollaps der Wellenfunktion? Was ist fundamentaler – kontinuierliche Felder oder diskrete Individuen? Dies alles sind Fragen, die darauf zielen, wie man die Struktur der Realität angemessen verstehen kann. Das harte Problem der Materie bestünde selbst dann weiter, wenn alle diese Fragen nach der Struktur geklärt wären. Unabhängig davon, über welche Struktur wir reden, sei es die bizarrste und ungewöhnlichste oder eine vollständig intuitive – die Frage nach der Implementierung dieser Struktur wird bleiben.

Das Problem besteht sogar für die Newtonsche Physik, die die Struktur der Realität in einer sehr intuitiv eingängigen Weise beschreibt. Die Newtonsche Physik besagt, grob gesprochen, dass Materie aus festen Teilchen besteht, die durch gegenseitiges Abstoßen oder Anziehen miteinander interagieren. Was aber ist die intrinsische Natur des Stoffes, der sich auf diese einfache und intuitive Weise verhält? Welche Hardware implementiert die Software der Newtonschen Gleichungen? Man könnte meinen, die Antwort wäre einfach: Sie sei durch Festigkeit der Teilchen implementiert. Aber Festigkeit ist genau das Verhalten, das nötig ist, um das Eindringen und die räumliche Überlappung durch andere Teilchen zu verhindern – also auch dies eine reine Relation zu anderen Teilchen und zum Raum. Das harte Problem der Materie entsteht für jede strukturelle Beschreibung der Realität, mag sie noch so klar und intuitiv sein. Das harte Problem der Materie kann ebenso wenig wie das harte Problem des Bewusstseins durch Beobachtung oder Sammlung physikalischer Details gelöst werden. Auf diese Weise kann nur noch mehr Struktur ans Tageslicht kommen, zumindest solange Physik eine Disziplin bleibt, die die Wirklichkeit in mathematischen Begriffen fasst.

Struktur ist nicht alles

Könnten das harte Problem des Bewusstseins und das harte Problem der Materie am Ende miteinander verbunden sein? Innerhalb der Physik gibt es bereits eine Tradition, die Probleme dieses Faches mit denen des Bewusstseins zu verbinden, insbesondere in den Quantentheorien des Bewusstseins. Man kann daran kritisieren, dass es ein Fehlschluss wäre, wenn man annehmen würde, dass die mysteriöse Quantenphysik und das mysteriöse Bewusstsein zusammen weniger mysteriös seien. Doch ein näherer Blick zeigt, dass die beiden Probleme tatsächlich auf eine tiefere und bestimmtere Weise komplementär sind. Einer der ersten Philosophen, die diese Verbindung bemerkt hatten, war Leibniz im späten 17. Jahrhundert; die präzise moderne Version dieser Idee verdanken wir dann Bertrand Russell. Jüngst haben sie zeitgenössische Philosophen wie David Chalmers und Galen Strawson wiederentdeckt.


Sie lautet folgendermaßen: Das harte Problem der Materie erfordert nicht-strukturelle Eigenschaften, und Bewusstsein ist der einzige bekannte Kandidat für ebensolche. Bewusstsein ist voll von qualitativen Eigenschaften, wie zum Beispiel der Rotheit von Rot, dem Unbehagen am Hunger oder der Phänomenologie des Denkens. Solche Erfahrungen oder „Qualia“ können interne Struktur haben, aber an ihnen ist mehr als diese Struktur. Wir wissen etwas darüber, wie bewusste Erfahrungen in und an sich selber sind, und nicht nur, wie sie funktionieren und sich zu anderen Eigenschaften verhalten.

Nicht-relationales Wissen

Man stelle sich beispielsweise jemand vor, der noch nie rote Gegenstände gesehen hat und nie davon erzählt bekam, dass es die Farbe Rot überhaupt gibt. Diese Person weiß nichts darüber, wie sich Rotheit zu Gehirnzuständen verhält oder zu physikalischen Objekten wie Tomaten oder zu den Wellenlängen des Lichts. Sie weiß auch nicht, wie sich Rotheit zu anderen Farben verhält, dass es beispielsweise Orange ähnelt und vollkommen verschieden von Grün ist. Eines Tages halluziniert diese Person spontan einen großen roten Fleck. Es scheint, dass die Person dabei lernt, wie sich Rotheit anfühlt, auch wenn sie seine Relationen zu anderen Dingen nicht kennt. Das Wissen, das sie erwirbt, ist nicht-relationales Wissen.

Dies legt nahe, dass Bewusstsein – in einer primitiven und rudimentären Form – die Hardware ist, auf der die Software, die von der Physik beschrieben wird, läuft. Man kann sich die physikalische Welt als eine Struktur bewusster Erfahrungen vorstellen. Unsere eigenen reich strukturierten Erfahrungen implementieren die physikalischen Relationen, die unsere Gehirne ausmachen. Einfache elementare Formen von Erfahrungen implementieren die Relationen, die fundamentale Teilchen ausmachen. Man nehme beispielsweise ein Elektron. Ein Elektron zieht andere Entitäten an, stößt sie ab und bezieht sich auf andere Weisen auf sie, entsprechend fundamentaler physikalischer Gleichungen. Wodurch wird dieses Verhalten ausgelöst? Es könnte ein Strom winziger Elektron-Erfahrungen dahinterstecken. Elektronen und andere physikalische Teilchen kann man sich demnach als mentale Wesen mit physikalischen Kräften vorstellen; als Erfahrungsströme in physikalischen Relationen mit anderen Erfahrungsströmen.

Die Physik ist die Software

Dies klingt seltsam, beinahe mystisch, aber es entstammt einer sorgfältigen Gedankenführung über die Grenzen der Naturwissenschaft. Leibniz und Russell folgten dezidiert der naturwissenschaftlichen Rationalität – was klar aus ihren Beiträgen zur Physik, Logik und Mathematik hervorgeht – und gingen gleichermaßen davon aus, dass das Bewusstsein wirklich und einzigartig ist. Um beiden Phänomenen ihr Recht zu geben, forderten sie einen radikalen Wandel des Denkens.

Und es ist wirklich ein radikaler Wandel. Philosophen und Neurowissenschaftler nehmen häufig an, dass Bewusstsein wie Software ist, währenddessen das Gehirn der Hardware gleicht. Unser Vorschlag stellt diese Vorstellung auf den Kopf. Physik gibt uns nur Software – nur eine Menge von Relationen – bis hinab auf die unterste Ebene. Bewusstsein ist mehr als das, wegen seiner eindeutig qualitativen, nicht-strukturellen Eigenschaften.

Mit dieser Lösung des harten Problems der Materie verschwindet das harte Problem des Bewusstseins beinahe vollständig. Man braucht sich nicht mehr zu fragen, wie Bewusstsein aus nicht-bewusster Materie entsteht. Denn alles Materielle ist bereits bewusst. Man muss sich nicht weiter fragen, wie Bewusstsein von der Materie abhängt. Denn Materie hängt vom Bewusstsein ab – so wie Relationen von ihren Relata abhängen. Oder Strukturen von ihren Realisatoren. Oder Software von Hardware.

Man könnte dagegenhalten, dies alles sei ein Anthropomorphismus, eine nicht gerechtfertigte Projektion menschlicher Qualitäten auf die Natur. Warum denken wir denn, dass physikalische Struktur einen intrinsischen Realisierer braucht? Doch wohl deshalb, weil unsere Gehirne intrinsische, bewusste Eigenschaften haben und wir die Natur in ähnlichen Begriffen verstehen wollen? Aber dieser Vorwurf sticht nicht. Die Idee, dass man intrinsische Eigenschaften braucht, um wirkliche und konkrete von rein abstrakten Strukturen zu unterscheiden, ist vollständig unabhängig vom Bewusstsein. Dem Argument des Anthropomorphismus kann man mit dem Gegenargument der menschlichen Ausnahmestellung begegnen. Wäre das Gehirn tatsächlich rein materiell, warum sollte es bezüglich seiner intrinsischen Eigenschaften so verschieden vom Rest der Materie sein?

Zwei-Aspekte-Monismus

Diese Ansicht, dass Bewusstsein den intrinsischen Aspekt der physischen Realität konstituiert, läuft unter verschiedenen Namen. Einer der präzisesten ist „Zwei-Aspekte-Monismus“. Monismus im Kontrast zu Dualismus, wo Bewusstsein und Materie zwei fundamental verschiedene Substanzen oder Arten von Stoff sind. Dualismus gilt weithin als unwissenschaftlich, weil die Naturwissenschaften keine Belege geben für nicht-physische Kräfte, die das Gehirn beeinflussen.

Im Monismus ist die ganze Realität aus einer Art Stoff gemacht. Davon gibt es einige Varianten. Der am weitesten verbreitete Monismus ist der Physikalismus (oder Materialismus), also die Ansicht, dass alles aus einem physischen Stoff gemacht ist, der nur den einen Aspekt hat, den die Physik offenlegt. Die meisten Philosophen und Naturwissenschaftler sind heute dieser Meinung. Entsprechend dieser Theorie lässt eine rein physikalische Beschreibung der Realität nichts aus. Nach dem harten Problem des Bewusstseins freilich lässt jede rein physikalische Beschreibung eines bewussten Systems wie des Gehirns zumindest etwas aus: Sie kann nie vollständig fassen, wie es sich anfühlt, dieses System zu sein. Das heißt, sie fasst die objektiven, aber nicht die subjektiven Aspekte von Bewusstsein, die Gehirnfunktionen, aber nicht unser inneres mentales Leben.

Das Ding an sich sind wir selbst

Um beiden Phänomenen ihr Recht zu geben, muss man vollständig umdenken. Russells Zwei-Aspekte-Monismus versucht diesen Mangel zu beheben. Er akzeptiert, dass das Gehirn ein materielles System ist, das sich entsprechend den Gesetzen der Physik bewegt. Aber er fügt einen weiteren, intrinsischen Aspekt zur Materie hinzu, der von der extrinsischen Warte der dritten Person, wie ihn die Physik hat, verborgen bleibt und nicht durch eine rein physikalische Beschreibung gefasst werden kann. Doch obwohl sich dieser intrinsische Aspekt unseren physikalischen Theorien entzieht, entzieht er sich nicht unserem inneren Beobachten. Unser eigenes Bewusstsein konstituiert die intrinsischen Aspekte des Gehirns, und dies ist der Schlüssel zum intrinsischen Aspekt anderer physikalischer Dinge. In diesem Zusammenhang lässt sich Arthur Schopenhauers prägnante Antwort auf Kant paraphrasieren: Wir können vom Ding-in-sich-selber ebendeshalb wissen, weil wir es selber sind.

Man kann einen moderaten oder radikalen Zwei-Aspekte-Monismus vertreten. Für moderate Versionen besteht der intrinsische Aspekt der Materie in sogenannten proto-bewussten oder „neutralen“ Eigenschaften: Eigenschaften, die die Naturwissenschaften nicht kennen, die sich aber von Bewusstsein unterscheiden. Die Natur solcher weder mentalen noch physischen Eigenschaften scheint sehr geheimnisvoll zu sein. Wie die schon erwähnte Quanten-Bewusstseins-Theorie kann dem moderaten Zwei-Aspekte-Monismus vorgeworfen werden, er addiere nur ein Geheimnis zum anderen und erwarte, dass sich die beiden Geheimnisse gegenseitig auslöschen.

Bewusste Elementarteilchen?

Für die radikalere Version eines Zwei-Aspekte-Monismus besteht der intrinsische Aspekt der Realität im Bewusstsein. Diese Position unterscheidet sich klar vom subjektiven Idealismus, dem zufolge die physikalische Welt nur eine Struktur im menschlichen Bewusstsein ist und eine äußere Welt in gewissem Sinne eine Illusion. Für den Zwei-Aspekte-Monismus existiert die externe Welt vollständig unabhängig vom menschlichen Bewusstsein. Freilich würde sie nicht unabhängig von jeder Art von Bewusstsein existieren, weil alle physikalischen Dinge mit gewissen Formen von Bewusstsein ihrer selbst assoziiert sind, als ihre intrinsischen Realisierer, als ihre Hardware.

Gegen den Zwei-Aspekte-Monismus als Lösung des harten Problems des Bewusstseins sprechen einige Einwände. Am häufigsten wird behauptet, dass er auf Panpsychismus hinauslaufe: die Ansicht, dass alle Dinge mit einer Form von Bewusstsein assoziiert sind. Für die Kritiker ist es einfach zu wenig plausibel, dass fundamentale Partikel bewusst sein sollen. Und in der Tat muss man sich an eine solche Theorie erst gewöhnen. Man überdenke freilich, was als Alternative bleibt. Ausgehend von der Wissenschaft, ist ein Dualismus nicht plausibel. Physikalismus hat die Zielrichtung, dass der wissenschaftlich zugängliche Aspekt der Wirklichkeit die einzige Wirklichkeit ist. Daraus folgt geradewegs, dass der subjektive Aspekt des Bewusstseins eine Illusion ist. Dem mag so sein – aber sollten wir nicht eher davon ausgehen, dass wir im vollen subjektiven Sinne bewusst sind, als dass Teilchen es nicht sind?

Die Alternative wäre noch rätselhafter

Ein zweiter Vorwurf ist das sogenannte Kombinationsproblem. Wie und warum entsteht die komplexe Einheit des Bewusstseins in unseren Gehirnen aus der Zusammenstellung von Teilchen mit einfachem Bewusstsein? Diese Frage kommt dem ursprünglich harten Problem verdächtig nahe. Ich und andere Verteidiger des Panpsychismus haben argumentiert, dass das Kombinationsproblem dennoch weniger hart ist als das ursprüngliche harte Problem. Es ist auf eine gewisse Weise einfacher, zu einer bewussten Materie (einem bewussten Gehirn) von einer anderen bewussten Materie (wie einer Menge bewusster Partikel) aus zu gelangen, als bewusste Materie von nicht-bewusster herzuleiten. Viele überzeugt das zwar noch nicht. Doch das mag nur eine Frage der Zeit sein. Am ursprünglichen harten Problem haben die Philosophen in der einen oder anderen Form über Jahrhunderte hinweg gegrübelt. Das Kombinationsproblem hat viel weniger Aufmerksamkeit bekommen. Das gibt mehr berechtigte Hoffnung auf eine bislang unentdeckte Lösung.

Die Möglichkeit, dass Bewusstsein der wirklich konkrete Stoff der Realität ist, also die fundamentale Hardware, die die Software unserer physikalischen Theorien implementiert, ist und bleibt eine radikale Idee. Sie stellt unser gewohntes Bild auf den Kopf, so dass man sie vielleicht schwer fassen kann. Doch es mag sein, dass man so die härtesten Probleme der Naturwissenschaft und der Philosophie auf einen Schlag löst.

Aus dem Englischen von Matthias Rugel

Die norwegische Philosophin Hedda Hassel Mørch arbeitet an der Universität Oslo und zurzeit am Center for Mind, Brain and Consciousness der New York University und ist regelmäßige Gastforscherin am Center for Sleep and Consciousness der University of Wisconsin-Madison. Der Text ist erstmals im April 2017 in der Zeitschrift „Nautilus“ erschienen.


Nota. - Wir wissen nur das, was in unserm Bewusstsein vorkommt. In unserm Bewusstsein kommen nur Vorstellungen vor; keine Dinge, sondern Vorstellungen von Dingen. Wir begreifen an den Dingen nicht ihre Erscheinung, sondern den Begriff, den wir uns von ihnen machen. Begriffe sind Vorstellungen. Wir stellen uns unsere Vorstellung vor. Ob es ein Drittes gibt, das Erscheinung und Begriff gemeinsam ist und sie vereinigt, ist wiederum ein Sache des... Vorstellens. Das wäre aber kein Drittes und Gemeinsames, sondern das Zweite, sobald jenes auf sich selbst reflektiert - und auf das Erste, auf das es ipso facto ebenso reflektiert, weil es sich anders gar nicht von sich unterscheiden könnte; und die beide nur 'sind', sofern es reflektiert.

Materie ist eine Vorstellung ebenso wie Geist, ihr Sein besteht darin, dass sie dem Geist entgegen-steht; darin, dass sie Gegenstand ist. Und das ist sie nicht intrinsisch, sonderen relationell, nämlich indem ein erkennen-Wollendes auf sie trifft.

Trifft - wie denn das? Hedda Hassel Mørch sagt es ja selbst: durch das Gefühl, sensus, physiologischer Reiz. Der Reiz kommt nicht vor in dem, was getroffen wird, sondern in dem, was trifft. Nämlich als Gefühl, das als solches keine andere Relation hat als mit dem, was das Treffende zuvor schon 'gefühlt' hat: lauter Qualia in einem lebenden Organismus, die ein System bilden, indem der lebende Organismus selber ein System ist. Was es als 'Struktur' des Angetroffenen, Vorgefunden vorstellt, ist der Widerschein dessen, was im organi- schen  System geschieht. Das ist das einzig Intrinsische, das es in der Welt gibt. Es ist die Hardware alles Wirklichen.

Das sei eine ganz ausgefallene Philosophie? Ja, das ist es, das war es, seit es sie gibt, sie heißt Transzenden- talphilosophie. Sie wurde von Kant lediglich begründet und beinahe vollendet von Fichte. Frau Mørch führt uns bis an ihre Schwelle.

PS. Schopenhauer hatte bei Fichte studiert. Bei ihm ist allerdings nicht der Mensch das Ding-an-sich, sondern der Wille; das wiederum hatte er - freilich in ganz anderm Sinn - bei Fichte gehört.
JE


Mittwoch, 24. Januar 2018

Vernunft ist keine Sache, sondern eine Weise des Wollens.



Es entsteht aus der Bestimmtheit durch mich selbst ein Gefühl, und aus diesem der Gedanke meiner selbst. Also ich finde mich als Objekt und bin mir selbst Objekt; aber ich kann mich unter keiner anderen Bedingung finden, als dass ich mich finde als Individuum unter mehreren geistigen Wesen.

Es ist ein Hauptsatz des kritischen Idealismus, dass von einem Intelligiblen ausgegangen wird. Dies hat uns ge- trieben bis zu einem reinen Wollen, das empirische [Wollen] langt nicht zu. Jede meiner irdischen Bestimmun- gen bezieht sich auf meine ursprüngliche Bestimmtheit und ist nur unter ihrer Voraussetzung gedenkbar; die- ses Vermögen könnte ich mir nicht zuschreiben, wenn ich es nicht fände; aber ich kann es nur finden als die Be- stimmtheit und das reine Wollen.
_______________________________________________________
 J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150 


Nota. - In der Literatur wird es gelegentlich so dargestellt, als bräuchte F. die Vorausetzung "mehrerer" geistiger Wesen, um 'irgendwie' die apriorische Sozialisiertheit der Menschen ins System des sich-selbst-setzenden-Ich doch noch aufzunehmen ; eigentlich: von der Seite her einzuschieben

Tatsächlich ist die Prämisse einer 'Reihe vernünftiger Wesen' nichts anderes als die Vorausgesetztheit einer 'in- telligiblen Welt'. Die intelligible Welt wiederum ist nichts anderes als - die Vernunft selbst. Mit andern Worten: Vernunft ist nichts anderes als das praktische Übereinkommen wirklicher Personen, im wechselseitigen Verkehr nach gemeinsamen Zwecken = empirischen Willensbestimmungen zu suchen und fortzufahren. Diese Über- einkunft schafft in der Zeit nicht nur faktische, sondern auch logische (real logische) Folgen. Vernunft ist keine Tatsache, sondern Vollzug einer Absicht.
JE

28. 12. 14




Nota. - Sie meinen, mein Bild passe nicht zum Text, Schwarmintelligenz sei so etwa das Gegenteil von Vernunft? Da haben Sie Recht, und für Leser, die es übersehen haben, schreibe ich es hier auf. JE

Dienstag, 23. Januar 2018

Meta- und praktisch.


Fernglastester
 

Die Welt ist eine ganz andere je nachdem, von welchem Standpunkt aus man in sie blickt.

Der Eine sagt: Ich Mensch bin das Maß aller Dinge. Der Andere sagt, ein Leben, das sein Maß nicht außer sich sucht, sei ohne Würde.

Das hätte mit theoretischer Philosophie rein gar nichts zu tun? Da haben Sie völlig Recht.

Aber auf dem einen Standpunkt ist kritische alias Transzendentalphilosophie möglich, auf dem andern nicht.*

Womit erwiesen wäre, dass die Fragen der praktischen Philosophie die Eingangsbedingungen der theoretischen sind.

Oder anders: Was die Metaphilosophie nicht in ihre Frage gepackt hat, kann die praktische Philosophie auch nicht herausholen. Dazwischen liegt bloße Arbeit. Die Arbeit besteht im Ausscheiden all dessen, was zur Sache nichts beitragen kann. Dann ergibt sich der Rest von selbst.


*) für Begriffsstutzige: Der eine unterscheidet zwischen seiner empirischen Person und dem Ich, der andere nicht.


12. September 2013









Montag, 22. Januar 2018

Beifall und Missbilligung.


Moulin, Objet trouvé à Pompéi
 
In seiner Umwelt "erscheint" dem Tier nur das, was durch seinen Platz in der ökologischen Nische "für es bestimmt" ist: seinen Stoffwechsel und seine Fortpflanzung. Für das Tier sind Bedeutung und Erscheinung ungeschieden. Genauer gesagt, "für" das Tier ist nichts. Etwas ist "da" und damit basta.

Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung (zu einem gegebenen Zeitpunkt) ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung. 

So tritt er in eine apriorischen Distanz zu allem Etwas. Was erscheint, wird zu 'etwas' erst in diesem distanzie- renden Akt. (Der lässt sich prinzipiell umkehren: So kann er zu "sich" in Distanz treten und zu "ich" werden.)

Die Distanz zu Dingen setzt ihn in einen Zustand der Freiheit. Sie erzwingt Abstraktion und eo ipso Reflexion. Diese Distanz macht ihn zu einem ideellen, seine physische Organisation (Folge und Voraussetzung des zur-Welt-Kommens) setzt ihn in den Zustand eines sachlichen Produzenten

Die Erfahrung mögliches Überflusses setzt ihn in Lage, zu sich, das heißt zu seinem Bedürfnis, in Distanz zu treten.

aus e. Notizbuch, 13. 3. 07


"Im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung" - da ist mir, ohne es recht zu bemerken, die anderwärts vergeblich gesuchte Herleitung unseres Geistes alias Einbildungskraft aus unserm ästhetischen alias 'poietischen' Vermögen unterlaufen. Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - Mal sehen, zu was.

Man muss nicht demonstrieren, dass es so kommen musste. Es reicht zu zeigen, weshalb es so kommen konnte.

30. 1. 14

Sonntag, 21. Januar 2018

Der Mensch kann einbilden, weil er raten muss.


Wahrsagerin

Auch einem Tier begegnen wohl Situationen, die noch nie vorgekommen sind. Versucht es dann sein Glück?

Nicht eigentlich. Es tut irgendwas, oder auch nichts; was bleibt ihm übrig? 

Der Mensch versucht. Er "stellt sich was vor" und handelt so, wie er es getan haben würde, wenn es wirklich so wäre. Er rät.

Bislang habe ich Max Schelers Satz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, zu vervollständigen gemeint in der Formel: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er fragen muss. Vollständiger wird er aber so: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er raten muss, nachdem er gefragt hat. 

Die Antwort, die er sich nur selber geben konnte, muss er versuchen.


8. 12. 14


Nota. - Was bei Kant und Fichte  Einbildungskraft heißt, ist nichts anderes als die Fähigkeit zu raten.


Samstag, 20. Januar 2018

Reflexion ist immer dabei.


uschi dreiucker, pixelio.de

Unterscheiden zwischen 'der Sache' und ihrer 'Bedeutung' ist Reflexion. Es setzt voraus, dass die Bedeutungen der Sachen nicht schlechterdings gegeben sind, sondern erfragt werden mussten. 

Die Emergenz der Reflexion ist also nicht verschieden von der Emergenz der Vorstellung selbst. Nämlich von der Anschauung, die von der Einbildungskraft als diese fixiert und ins Gedächtnis aufgehoben wurde. Die Vor- stellung verdoppelt die Sache zu einem Bild der Sache, das von ihr unterschieden und unter einem Zeichen archi- viert werden kann. Das wiedergefundene Bild bedeutet die Sache. 

Es handelt sich um ein und denselben Vorgang. Die verschiedenen Worte, mit denen wir ihn beschreiben, be- zeichnen verschiedene logische, aber nicht Zeitmomente - nicht eins nach dem andern, sondern je in dieser oder anderer Hinsicht.

Und ist der elementare Akt des Bildens einmal gelungen, lässt er sich prinzipiell allezeit wiederholen. Vom Bild lässt sich nun wiederum ein Bild machen, und immer so fort. Die Reflexion schläft nie. Sie schlummert höch- stens mal, aber sie ist immer dabei.

13. 9. 2013 




Freitag, 19. Januar 2018

Reflektieren kann jeder.



Unser Denken spiegelt nicht die Welt, sondern unser Tun. Sofern wir uns 'Dinge' denken, meinen wir das, was wir mit ihnen tun, und das, was wir mit ihnen nicht tun können.

Tun können wir – "wenn sonst alles erledigt ist" – auch das bloße Anschauen; das Betrachten der Dinge, ohne mit ihnen etwas tun zu wollen - außer eben: betrachten. Das ist das wahre Mysterium des Denkens, alles andere ist trivial. Reflektieren kann jeder. Betrachten muss man können.

aus e. Notizbuch, Spätherbst 2010








Mittwoch, 17. Januar 2018

Quintessenz der Vernunft.



1. Das Leben hat einen Zweck.

2. Wie immer er zu bestimmen ist - wenn ich ihn erfülle, ist er auf jeden Fall ein Gewinn; wenn ich ihn verfehle, ist das Leben vergeudet.


3. Sinn des Lebens ist Gewinn. 


Nota. - Ob es Vernunft gibt, mag strittig sein. Aber ein Vernunftzeitalter hat es unstreitig gegeben. Was haben sie sich damals darunter vorgestellt? Und wenn es ein solches Zeitalter gab - was ist daraus geworden, und warum? Dauert es womöglich an? 

Die erste Frage ist eine historisch-theoretische. Die zweite nicht.

14. 11. 17


Nachtrag. - Das ist ein Beitrag zum Thema 'Vernunft ist die Geistesverfassung der bürgerlichen Welt.' Denn der Sinn des Lebens in traditionellen und agrarischen Zivilisationen ist nicht Gewinn und Wachstum, sondern Erhaltung in statu. Unendlicher Progress ist das Leben erst in der bürgerlichen Gesellschaft geworden. Die christliche Auffassung von der irdischen Existenz als eine Pilgerschaft war dafür eine Voraussetzung. Eine notwendige Voraussetzung? In anderen Kulturen hat sie gefehlt; und ist eine bürgerliche Lebensauffassung nicht entstanden.








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Dienstag, 16. Januar 2018

"Bewusstsein".


nach  Oliver Haja  / pixelio.de 
 
Das Wort Bewusstsein ist eine gedankliche Bananenschale. Nicht an sich; es ist dazu erst geworden. In der Umgangssprache bezeichnet es den Moment, in dem ich bei Bewusstsein bin. Bewusstes Sein, in jedermanns Alltagserfahrung kein immerwährender Zustand, sondern nur ein paar Momente im Tagesverlauf, unter- brochen von vielen langen Phasen, in denen ich mehr oder minder 'außer mir' bin.
 
Doch wenn ich's recht bedenke, bin ich gerade dann, wenn ich mir meiner bewusst werde, außer mir, denn dazu muss ich einen Stqndpunkt einnehmen, als wäre ich ein anderer, der 'mir' neugierig zuschaut: re-flektieren. 'Bei mir selbst' wäre ich dann eher, wenn ich mich achtlos gehen ließe, 'spontan', 'echt', 'authentisch'.


In der empirischen Psychologie mag es zweckmäßig sein, den Ausdruck im Sinne eines definierten Begriffs zu verwenden (sofern man die Definition im gegebenen Fall auzdrücklich mitliefert). Die empirische Psychologie hat es mit den wirklich unter uns lebenden Menschen zu tun, und eines von deren hervorstechenden Merk- malen ist in den modernen westlichen Gesellschaften ihr Auftreten als Person - gedacht als Träger eines freien Willens, der sie für sich selbst verantwortlich und zu Subjekten der Volkssouveränität macht: Auch das eine empirisch gesetzte, gesellschaftlich wirksame Fiktion, die im Deteil immer wieder in Spannung gerät zu dem tatsächlichen Walten intrinsischer und extrinsischer Motive, die dem 'Bewusstsein' notorisch verborgen bleiben und es auf Abwege leiten. In diesem kritischen, problematischen Sinn hat der Begriff oder besser: das Wort ein Platz auch in den Wissenschaften.
 
Problematisch wurde es durch den mystifizierenden Gebrauch, der bei Hegel und seiner Schule damit getrie- ben wurde. In deren System erscheint das Bewusstsein als eine Stufe in der Selbstentfaltung des Geistes, den es, einmal errreicht, nicht mehr zu unterschreiten gilt. Bei Kant und den andern kritischen Philosophen, die sich mit den Wissensvermögen des Menschen beschäftigt hatten, war 'das Bewusstsein' nur gelegentlich und unthe- matisch vorgekommen, denn sie waren phänomenologisch orientiert und nicht metaphysisch systembauend. Phänomenal ist der Mensch und sind seine Vermögen eins, und nur von außen, in Hinblick auf die jeweiligen Leistungen, sind Unterscheidungen objektivierbar; so dass von 'dem Bewusstsein' wie von einer Substanz zu reden im Sinne einer kritischen Philosophie irreführend und falsch ist. Denn eben das Ich, das transzendentale oder absolute, dem das Bewusstsein als seine auszeichnende Eigenschaft zugerechnet werden soll, ist selber nur der gedachte Träger dieser gedachten Vermögen und ist der empirischen Person so fern wie ein praller Fußball der Zahl Pi.

29. 9. 13


Montag, 15. Januar 2018

Vernunft ist nichts als…


Le Corbusier

…Verstand im Dienst der ästhetischen Urteilskraft.

Der Verstand ergründet die Dinge und ihre Verhältnisse zueinander. Die Vernunft fragt, was ich unter ihnen zu suchen habe.

5. 12. 13. 


(Nach Kant gibt der Verstand Begriffe ('nach der Natur') und gibt die Vernunft Ideen - aus Freiheit. Urteils- kraft ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen einander werthaft über- und unterzuordnen.)




Sonntag, 14. Januar 2018

Vernünftig ist dasjenige Denken...




Vernünftig ist dasjenige Denken, das von der Voraussetzung ausgeht, dass es Wahrheit gibt und dass sich der Unterschied von wahr und unwahr durch Überprüfen der Gründe erkennen lässt. Vernunft ist die Projektion eines Zustandes, in dem alle Gründe geprüft und bestätigt sind. Als Projektion ist dieser Zustand selbst nicht begründet, sondern intendiert. Denn lediglich intendiert war schon die Voraussetzung, und lässt sich auf Gründe nicht stützen.

Das ist eine rein logische Bestimmung. Reell und empirisch ist Vernunft nur eine Art Wurfanker, der nach einem gedachten Halt ausgeworfen wird.


27. 8. 2013







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Samstag, 13. Januar 2018

Vernunft ist ein gesellschaftliches Verhältnis.


 
So ist sie an sich. Aber so kann sie sich auf die Dauer nicht halten. Es müssen immer welche nachwachsen, die sie sich zur Aufgabe machen. Für sich wird sie als Aufforderung.  
Alle gleich sind nur, sofern die Aufforderung gehört wird.











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Freitag, 12. Januar 2018

Meine Vernünftigkeit setzt die Vernunft der Andern voraus.


Rembrandt

Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer schon als vorhanden voraus- zusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subject des Selbstbewsstseyns schon vor- her ein / Object, bloss als solches, gesetzt haben musste; und wir somit immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft seyn musste.

Dieser Grund muss gehoben werden.

Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und demselben Moment synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe. ... 


Beide sind vollkommen vereinigt, wenn wir uns denken / ein Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmuung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 31ff.


Nota. - Die Vernünftigkeit der Individuen ist nicht zu begreifen, ohne dass ich eine 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir' als historisch gegeben voraussetze. Das bürgerliche Subjekt ist nicht vorstellbar ohne die bürgerliche Gesellschaft; das Ich nicht ohne die Welt.
JE